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Labour · Perspektive Online · · 3h

VW kündigt Tarifverträge: Sparkurs auf Kosten der Arbeiter:innen

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VW kündigt zum kommenden Jahr einen Großteil der laufenden Tarifverträge. Der Konzern zielt scheinbar auf neue Vereinbarungen, die ihm zugutekommen. Währenddessen gilt weiter das Ziel weltweit 100.000 Arbeitsplätze abzubauen.

Europas größter Autokonzern VW steckt bereits seit einigen Jahren in der Krise. Das Geschäft brummt schon lange nicht mehr, weshalb massive Sparmaßnahmen geplant sind. Unter anderem sollen weltweit 100.000 von grob 657.000 Stellen gestrichen werden.

Diese Direktive wirkt sich nun auch immer bemerkbarer auf Deutschland aus: Am Mittwoch wurde bekannt, dass zehn von dreizehn Tarifverträgen bis Ende des Jahres aufgekündigt werden. Diese reichen laut IG Metall vom wichtigen Manteltarifvertrag bis hin zu Ausbildungstarifverträgen.

Die Aufkündigung der Tarifverträge setzt dabei ein deutliches Zeichen: Alles kommt auf den Tisch. Im Normalfall werden Tarifverträge nach ihrem Ablauf neu verhandelt, es kommt also sozusagen eine neue Version. VW will nun aber einen kompletten Neustart und dürfte darauf abzielen zahlreiche Leistungen zu streichen. Die IG Metall beschreibt die Kündigung als einen „Frontalangriff“ und erklärt VW stelle damit „tarifliche Zulagen, Ausbildungsübernahmen sowie Schutzregelungen für ältere und gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte infrage“.

Werkschließungen und Tarifkündigung: Wackelt die Jobgarantie?

Zudem sollen in Deutschland vier Werke geschlossen werden. Es handelt sich dabei um die Standorte in Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Ebenfalls im Zuge der Sparmaßnahmen sollte der Standort in Osnabrück geschlossen werden. Zusammen mit dem israelischen Finanzinvestor Aurelius hat das Land Niedersachsen das Werk übernommen, um dort mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense Systems Waffen herzustellen.

IG Metall jubelt bei Übernahme des VW-Werks in Osnabrück durch israelischen Waffenproduzenten

Die Werksschließungen und die Kündigung der Tarifverträge stehen dabei scheinbar der von VW ausgesprochenen „Jobgarantie“ bis 2030 gegenüber. Vor etwa zwei Jahren gab es zwischen der Gewerkschaft und der Führungsebene nämlich bereits eine Auseinandersetzung, an deren Ende das sogenannte „Weihnachtswunder“ stand. Von diesem „Wunder“ profitierte allerdings vor allem die Kapitalseite. Denn für das Versprechen von VW, dass die Belegschaft eine Jobgarantie bis Ende 2030 erhalten würde, trug die IG Metall den angeblich sozialverträglichen Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen und weiteren Einschnitten mit.

Bis heute beteuert VW, dass diese Jobgarantie auch zukünftig bestehen bliebe. Diese besagt, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 ausgeschlossen seien. Die 100.000 Stellen sollen trotzdem abgebaut werden. Wie das zusammenpasst bleibt abzuwarten.

Ab 2027 sind Streiks möglich

Der Verhandlungsführer der IG Metall, Thorsten Gröger, sprach nach der Aufkündigung der Tarifverträge von einem „üblen Foul an der Belegschaft“. Er sprach davon, dass die angespannte wirtschaftliche Lage auf die Belegschaft abgewälzt und gleichzeitig Gewinne privatisiert würden.

Das unterfüttert die Gewerkschaft dadurch, dass sie darauf hinweist, dass VW erst Ende Juni rund 2,6 Milliarden Euro Dividenden an ihre Aktionär:innen ausgeschüttet hatte. Im Gegensatz haben die nach Haustarif Beschäftigten zuletzt vor mehr als zwei Jahren eine Entgelterhöhung erhalten.

Die Gewerkschaft kündigte für die kommende Woche breite Proteste an. Die vereinbarte Friedenspflicht läuft 2026 aus, weshalb ab dem ersten Januar Streiks rechtlich möglich sind. Derzeit tut die Führungsebene von VW die gewerkschaftlichen Forderungen von fünf Prozent Lohnerhöhungen in der anstehenden Tarifrunde als „weltfremd“ ab.

Proteste bei VW gegen Werksschließungen und Stellenabbau

VW hinkt bei E-Autos hinterher

Beim Podcast „Morning Briefing“ von The Pioneer äußerte sich der VW-Chef Oliver Blume über den anstehenden Sparkurs des Unternehmens und versucht den massiven Stellenabbau zu legitimieren. Er spricht von einer Revision der Beschlüsse von Ende 2024. In diesen zwei Jahren habe sich die Welt stark verändert, die Lage des Automarktes habe sich zunehmend verschärft.

Dabei spiele China eine doppelte Rolle. Denn die Importe gehen um 20 Prozent zurück und gleichzeitig flutet China den Markt mit über 10 Millionen Fahrzeugen in diesem Jahr. Beide Faktoren wirken sich negativ auf das Geschäft von VW aus. Das treffe laut Blume nicht nur VW, sondern auch deren Konkurrenten, die allesamt den Druck Chinas spüren würden. Um den Markt in China nicht gänzlich zu verlieren, ist VW gezwungen, dort mit Hilfe von „Verkaufshilfen“, also Rabatten für den chinesischen Markt, nachzuhelfen, was sich ebenfalls auf die Profite auswirkt.

Die hohen Spritpreise an den Zapfsäulen sorgen laut Blume außerdem dafür, dass die Käufer:innen sich zunehmend für E-Autos entscheiden würden, die weniger Profit abwerfen. Mit E-Autos lassen sich über 50 Prozent weniger Margen erwirtschaften als beim Verkauf von Autos mit Verbrenner, was sich erst mit der Entwicklung günstigerer Technik entspannen ließe. Zudem werden für die Produktion von E-Autos deutlich weniger Arbeiter:innen gebraucht als für Verbrenner, was sich ebenfalls auf den Stellenabbau auswirkt.

Vor der Tarifrunde: Mercedes will drei Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Woche durchsetzen

Deutsche Autoindustrie am Boden

Vor allem beklagt Blume im Interview, dass in Deutschland die staatlichen Nebenkosten sowie die Energiekosten zu hoch seien und fordert bessere Rahmenbedingungen für Konzerne. Blume beschwerte sich, dass „die Arbeitskosten in Deutschland etwa doppelt so hoch liegen wie in anderen europäischen Ländern, in denen wir aktiv sind (…) Da müssen wir in der heutigen Wettbewerbssituation einfach einige Themen hinterfragen“.

Weitere Probleme für den Konzern sind hohe Zölle in Nordamerika, teils stockende Versorgung von Rohstoffen oder zur Produktion benötigten Gütern und Technologiesprünge der Konkurrenz. Aus all diesen Gründen sei der Konzern darauf angewiesen, nicht nur wie vor Kurzem geplant 50.000 Stellen zu streichen, sondern 100.000.

Doch es sollen nicht nur Stellen abgebaut werden, Blume setzt auch bei der Arbeitszeit an. So sollen es zukünftig nur noch 30 Urlaubstage im Jahr geben, statt aktuell 36 Tagen – das ohne Lohnausgleich. Dies sei für die Arbeiter:innen nicht im Geldbeutel zu spüren, rechtfertigt Blume sich. Dass die Arbeiter:innen damit trotzdem verlieren, indem sie ihre Arbeitskraft dem Konzern unentgeltlich zur Verfügung stellen, spielt für Blume offensichtlich eine untergeordnete Rolle.

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Source: Perspektive Online