Germany · Perspektive Online · · 3h
Rückruf von Millionen Fahrzeugen: Stürzt VW noch tiefer in die Krise?
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Das Kraftfahrtbundesamt ruft allein in Deutschland knapp 900.000 Volkswagen wegen unsicherer Schrauben zurück. Es könnte für Volkswagen zur größten Rückrufaktion seit dem Dieselskandal 2015 werden. Der Autokonzern könnte damit noch tiefer in die Krise stützen.
Sechskantbundschraube M12x1,5×70, Nummer N10552402 im VW-Teilekatalog: an ihr hängt momentan sehr viel für den VW-Konzern. Normalerweise befestigt die stählerne Schraube das Lenkgetriebe eines Pkw mit dem Vorderachsträger und sorgt dafür, dass Bewegungen am Steuer mechanisch an die Räder übertragen werden. Ein unverzichtbares Bauteil also, dass nach den besten und neusten Industriestandards produziert werden sollte. Europas größter Autokonzern, Volkswagen, hat allerdings wohl einen wichtigen Standard außer Acht gelassen.
Die Schraube ist, laut eigenen Angaben des Autokonzerns, nicht ausreichend gegen Korrosion geschützt. Damit wird das nur sieben Zentimeter lange Bauteil zu einem Sicherheitsrisiko für Autofahrer:innen. Denn Korrosion, also Rost, schwächt das Material strukturell.
Die Verbindung zum Fahrwerk könnte sich so lockern. Im schlimmsten Fall könnte die Schraube aufgrund des geschwächten Materials und der mechanischen Belastung sogar reißen. Das Lenkrad wäre in diesem Falle funktionslos, da die Räder nicht mehr einschlagen und das Auto so nicht mehr richtig gesteuert werden kann.
Rückruf hat weltweite Dimensionen
Die Erfassung der betroffenen Marken und Modelle erfolgt durch das Kraftfahrtbundesamt. Dieses hat die Aktion inzwischen für Volkswagen, Audi und Seat offiziell bestätigt. So erfasst das KBA allein für VW über zwei Millionen Fahrzeuge weltweit, davon 895.832 in Deutschland. Bei Seat sind es in Deutschland 43.574 Fahrzeuge. Die endgültigen Zahlen für Audi und Skoda liegen noch nicht öffentlich vor. Allerdings wird bei Skoda aus Konzernkreisen derzeit von rund 1,2 bis 1,5 Millionen Fahrzeugen weltweit und etwa 370.000 Fahrzeugen in Deutschland ausgegangen.
Der Produktionszeitraum, der erfasst wird, reicht bei den bislang bekannten Modellen teilweise bis zum 24. September 2013 zurück. Die ältesten betroffenen Fahrzeuge haben damit mittlerweile 13 Jahre Verschleiß hinter sich, was das Risiko nochmals erhöht. Welche Baureihen im Detail erfasst wurden ist noch nicht abschließend veröffentlicht. Nach offizieller Veröffentlichung kann über die Rückrufdatenbank des KBA angefragt werden, ob das eigene Fahrzeug vom Rückruf betroffen ist.
Trotz dieser hohen Zahlen an betroffenen Pkws betonen das KBA und die Hersteller allerdings, dass bisher keine Personen- oder Sachschäden bekannt geworden sind. Ein Fahrverbot für die betroffenen Modelle gibt es daher bislang nicht.
VW verbucht sechs Milliarden – wer profitiert, wer zahlt den Preis?
Problem war wohl schon seit 2 Jahren bekannt
Die massenhafte Rückrufaktion von Fahrzeugen wurde erst in den vergangenen Wochen öffentlich. Doch dem VW-Konzern waren die Probleme wohl schon weitaus früher bekannt.
Am 11. September dieses Jahres erhielt die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA einen Bericht über einen Sicherheitsrückruf von der Volkswagen Group of America. In dem Bericht 26V590 stellt der amerikanische Ableger auf, welche Modelle betroffen sind. Auch geht aus dem Dokument hervor, dass der Konzern erstmals 2024 auf das mögliche Risiko am Lenkgetriebe aufmerksam gemacht wurde.
So steht in der Chronologie des Berichts, dass im Oktober 2024 die erste Meldung über Korrosion an der Befestigungsschraube eintraf. Auch der infolge entstandene Bruch des Lenkgetriebegehäuses wurde hier bereits erwähnt.
Auf diesen Bericht folgten, so die Angaben im Bericht 26V590, mehrere Investigationen und Analysen durch VW selbst. Bis August 2026 wurden so die einzelnen Bauteile getestet und hinsichtlich möglicher Mängel untersucht. Im Fokus lag auch auf möglichen Szenarien, die zu einem Bruch des Lenkgetriebegehäuses führen könnten.
Nach Jahren der Untersuchungen und Analyse kamen die Produktsicherheitsausschüsse zu dem Schluss, dass „möglicherweise ein sicherheitsrelevanter Mangel vorliegen könnte“. Diese Einschätzung veranlasste Volkswagen und Audi dann, eine freiwillige Rückrufaktion durchzuführen. Bis zum September dieses Jahres waren vorher keine Informationen über diesen möglichen Risikofaktor an die Öffentlichkeit getragen worden.
Einen Grund zur Sorge sieht man seitens VW allerdings nicht. So erklärt ein Sprecher, die bisherige Schraube bleibe „selbst unter stark korrosionsfördernden Bedingungen“ über mehrere Jahre funktionsfähig. Dennoch sieht der Bericht 26V590 vor, dass alle betroffen Fahrzeuge die anfällige Schraube ersetzt bekommen sollen.
Lieferengpässe statt Lösungsansatz
Um das mögliche Sicherheitsrisiko wortwörtlich aus dem Verkehr zu ziehen, wird VW mehrere Millionen Fahrzeuge zurückrufen müssen. Dafür werden die Fahrzeughalter:innen direkt per Schreiben informiert und müssen ihr Auto zur nächstgelegenen Werkstatt bringen.
Dort soll die Schraube N10552402 kostenlos durch den Nachfolger WHT 013461 ersetzt werden. Diese Schraube wäre wohl, laut Volkswagen, mit einem „optimiertem Beschichtungssystem“ produziert worden und widerstandsfähiger gegen Korrosion.
Allerdings tritt auch hier ein Problem auf. Denn Volkswagen verfügt nicht über genügend dieser Ersatzschrauben. Diese müssten erst noch in großem Stil produziert werden. Um diese Lieferengpässe zu überbrücken, wird bei einem Teil der Kunden daher die alte Schraube zunächst nur durch eine Schraube der gleichen Serie ausgetauscht. Sobald die neue Schraube verfügbar ist, muss das Fahrzeug dann erneut zur Reparatur.
Was genau zu den Lieferengpässen der neuen Schrauben führt, ist schwer nachzuvollziehen. Denn Volkswagen macht aus dem Bauteil, und der Lieferkette, ein Geheimnis.
Weder Material, Kosten noch der zuliefernde Hersteller werden vom VW-Konzern preisgegeben. Auch ob, oder wie viele Ersatzschrauben bereits im Rahmen der Rückrufaktion an Werkstätten geliefert wurde, ist nicht einsehbar. Nicht einmal ein Bild des neuen Bauteils ist bei Volkswagen zu finden.
VW-Chef verplapperte sich: „Was wir gemacht haben, war Betrug, ja.“ – Das hat juristische Folgen
Wird der Rückruf zum neuen Dieselskandal?
Die Ausmaße des derzeitigen Rückrufs könnten auf die Dimension des Dieselskandals von 2015 anwachsen. Damals warf die amerikanische Umweltschutzbehörde (EPA) dem VW-Konzern vor, bei den Emissionswerten zu betrügen. VW habe Software eingesetzt, die erkennt wenn das Auto auf seine Emissionen getestet wird. Diese Software habe dann dafür gesorgt, dass die ablesbaren Emissionswerte so niedrig wie möglich aussahen. So sollten sie den strengen Vorschriften genügen. Im Normalbetrieb aber, so die EPA, sei der Schadstoffausstoß dieser Autos 10 bis 40 Mal so hoch gewesen.
Die juristischen und finanziellen Folgen dessen dauern bis heute an. Mehr als 33 Milliarden Euro musste VW bisher im Rahmen der Diesel-Affäre aufbringen. Allein rund 770 Millionen Euro Entschädigung wurden 2020 an 250.000 Dieselkunden ausgezahlt. Auch mussten sich Ex-VW-Chef Winterkorn, sowie vier weitere ehemalige Abteilungsleiter ab September 2021 vor Gericht behaupten.
Für die Ex-Manager endet der Strafprozess im Mai 2025 mit je zwei Haftstrafen und zwei Bewährungsstrafen. Das Verfahren gegen Winterkorn wurde am 1. Juli 2025 in angeblicher Ermangelung von Verhandlungsfähigkeit vorläufig eingestellt.
Der VW-Konzern betont seit dem Dieselskandal öffentlich immer wieder, sich seitdem gewandelt und gebessert zu haben. Dennoch kommt es immer wieder zu fehlerhaften Bauteilen, Sicherheitsrisikos und schlussendlich Rückrufaktionen. So musste der Konzern zwischen 2025 und 2026 weltweit 10,16 Millionen Fahrzeuge zurückrufen.
Ein Grund für die anhaltenden Qualitätseinbrüche, so der ADAC, sind technischen Neuerungen. Diese werden angeblich unvernünftig schnell durchgesetzt, oft mit großem finanziellen Aufwand. Dafür muss an anderer Stelle gespart werden, zum Beispiel bei der Beschichtung einer Schraube.
Attest für Wirtschaftskriminalität: Prozess gegen Winterkorn (VW) eingestellt
Verkäufe gehen zurück
Nicht von der Hand zu weisen ist auch der harte Konkurrenzkampf der weltweiten Autoindustrie und damit verbundene Sparmaßnahmen deutscher Autohersteller wie VW. Für das zweite Quartal 2026 meldete VW erneut einen Umsatzrückgang um 8,6 Prozent. Grund dafür sind besonders sinkende Absätze in China, den USA und wenig verkaufte E-Autos.
Um die sich häufenden Krisen und damit verbundenen Verluste auszugleichen, soll etwa auch bei den Arbeitskräften gespart werden. Weltweit sollen 100.000 von bisher etwa 657.000 Stellen im VW-Konzern gestrichen werden.
VW kündigt Tarifverträge: Sparkurs auf Kosten der Arbeiter:innen
VW kündigt Tarifverträge
Letzte Woche erst wurde bekannt, dass bis Ende dieses Jahres zehn von dreizehn Tarifverträgen aufgekündigt werden. Normalerweise wird nach Ablauf eines Tarifvertrags eine neue Version verhandelt. Mit der Kündigung der Verträge setzt VW ein klares Zeichen. Die Möglichkeiten für den Konzern, Leistungen für die Belegschaft zu streichen, sind damit nicht länger vom Tisch. Tarifliche Zulagen, Ausbildungsübernahmen sowie Schutzregelungen für ältere und gesundheitlich eingeschränkte Beschäftigte könnten auf dem Spiel stehen, so die IG Metall.
Die vor zwei Jahren versprochene „Jobgarantie“ des Konzerns, steht den anstehenden Tarifkündigungen und dem Stellenabbau widersprüchlich gegenüber. VW beteuert dennoch weiterhin, dass betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2030 ausgeschlossen bleiben. Dass die angespannte wirtschaftliche Lage auf die Belegschaft abgewälzt wird, ist aber schon seit Jahren spürbar.
Gleichzeitig werden Gewinne privatisiert und in Milliarden Höhe an Aktionär:innen ausgeschüttet. Aufgrund dieser Entwicklungen kündigt die Gewerkschaft bereits für die kommende Woche breite Proteste an. Mit dem Ablaufen der Friedenspflicht Ende 2026, werden ab dem ersten Januar auch Streiks rechtlich wieder möglich.
Vor der Tarifrunde: Mercedes will drei Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Woche durchsetzen
Schließungen und Aufrüstung
Auch im Vorfeld der anstehenden Tarifrunde ist diese Ausbeutung offensichtlich. Die von der Gewerkschaft geforderten Lohnerhöhungen um fünf Prozent wird von der VW-Führungsebene als „weltfremd“ deklariert und abgelehnt.
Zudem teilt VW-Chef Oliver Blume in einem Podcast mit, den Beschäftigten künftig nur noch 30 statt 36 Tage Jahresurlaub zu gewähren. Einen Lohnausgleich dafür soll es nicht geben. VW reiht sich damit hinter den deutschen Autobauer Mercedes ein. Auch dieser Konzerne fordert mehr Arbeitsstunden, während Sonderzahlungen oder Lohnerhöhungen wegfallen sollen.
Nicht nur Stellen sollen abgebaut, sondern auch ganze Werke geschlossen werden. Betroffen sind die Standorte Hannover, Zwickau und Emden sowie das Audi-Werk in Neckarsulm. Auch das Werk in Osnabrück soll bis 2027 die Autoproduktion einstellen.
Um das Werk vor der endgültigen Schließung zu retten, hat das Land Niedersachsen das Werk übernommen. Mit der Hilfe des israelischen Finanzinvestor Aurelius lässt das Bundesland die Aufrüstung ins Werk einziehen. Denn dort sollen mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael Advanced Defense Systems Waffen hergestellt werden.
IG Metall jubelt bei Übernahme des VW-Werks in Osnabrück durch israelischen Waffenproduzenten
Das Rüstungsunternehmen möchte dort vor allem Teile für den sogenannten Iron Dome herstellen. Geschosse für Israels Raketenabwehrsystem sollen zwar nicht in dem Werk produziert werden, andere wichtige Teile hingegen schon.
So zum Beispiel Startvorrichtungen, Stromgeneratoren oder Lastwagen für den Transport. Mit dem Aufkauf des Werks Osnabrück siedelt sich so ein weiterer israelischer Rüstungskonzern in Deutschland an. Erst im Juni wurde bekannt, dass die Stadt Berlin mit Israel Aerospace Industries (IAI) einen Deal eingegangen war. Die Krisen der Autoindustrie spielen so nicht nur den Aktionär:innen das Geld in die Taschen, sondern auch der fortschreitenden Aufrüstungsindustrie.
Der Beitrag Rückruf von Millionen Fahrzeugen: Stürzt VW noch tiefer in die Krise? erschien zuerst auf Perspektive.
Read the full story at the source
Source: Perspektive Online