Faultline Faultline Kommando 161

Germany · Perspektive Online · · 2h

PISA-Studie 2025: Schlechteste Ergebnisse seit Beginn der Erhebung

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Die neue PISA-Studie zeigt für Deutschland die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebung im Jahr 2000. Besonders betroffen sind Kinder aus ärmeren Familien, während reichere Kinder besser abschneiden. Gleichzeit mangelt es an ausreichend Geld für Bildung im Haushalt.

Die PISA-Studie (Programme for international Student Assessment), die seit 2000 erhoben wird, soll den Bildungsstand von 15-Jährigen in verschiedenen Ländern darstellen. Die Studie wird alle drei Jahre gemeinsam von den 38 OECD-Ländern durchgeführt, zusammen mit weiteren Partnerländern. Im Jahr 2025 haben so 750.000 Schüler:innen in 91 Ländern an ihr teilgenommen, sie wurde jetzt im September 2026 veröffentlicht.

Bei der Studie werden in unterschiedlichen Blöcken verschiedene Disziplinen wie Lesen, Rechnen und Naturwissenschaften getestet – dazu kommen immer wieder neue Bereiche, wie letztes Jahr die Lösung digitaler Probleme. Im Fokus stehen Kompetenzen statt gelerntes Fachwissen. Zusätzlich werden Schüler:innen, Lehrkräfte und Eltern befragt. In Deutschland wurden dieses Jahr 6.700 Schüler:innen aus 250 Schulen stichprobenartig getestet.

Kritik an der PISA-Studie

Es gibt immer wieder auch Kritik an der PISA-Studie und der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development), sowohl aus politischer Sicht, aber auch von Bildungsforscher:innen selbst. Schließlich ist die OECD eine Einrichtung mit eigener Agenda: Sie ging im Jahr 1961 aus der OECC hervor, welche von den USA angeregt wurde, um nach dem Krieg den Marshallplan in Europa umzusetzen. Schon damals waren außer den USA vor allem Deutschland und Frankreich führende Mitgliedsstaaten.

Die Kritik umfasst sowohl die ausgewählten Themen, als auch den Fokus auf Kompetenzen, zum Beispiel Lesen anstatt Fachfragen zu Lernstoff aus den Fächern Deutsch und Englisch, außerdem die Methodik und die internationalen Vergleichsrankings. Gerade in Deutschland findet die Studie immer wieder große Beachtung und entfacht große Debatten rund um das Bildungssystem.

Während beispielsweise in Deutschland alle drei Jahre mit relativ großer Gewissenhaftigkeit die Studie durchgeführt wird, gibt es andere Länder, die die Methodik weniger respektieren. Diese sind in den Vergleichsrankings gekennzeichnet, dieses Mal gehören Kanada, Neuseeland und die USA dazu. Auch China – dieses Jahr auf Platz eins–, das nur die Städte Peking, Shanghai, Juangsi und Zhejiang antreten lässt, erreicht so kein repräsentatives Ergebnis für das gesamte Land.

Bei aller Kritik an internationalen Vergleichen und der Methodik kann man aus den kontinuierlichen Studien seit dem Jahr 2000 dennoch für Deutschland selbst einiges ableiten.

Deutschland: Schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebung

Insgesamt lässt sich feststellen, dass sich der Abwärtstrend der letzten zehn Jahre deutlich fortsetzt. Die Ergebnisse stellen international einen Tiefpunkt dar, aber Deutschland schneidet besonders schwach ab. Hierzulande gibt es erneut die schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Erhebung, mit einigen besorgniserregenden Spitzen: So fällt rund ein Drittel der Schüler:innen im Bereich Lesen und Schreiben durch. Bei den Naturwissenschaften ist es immerhin nur ein Viertel. Ungefähr ein Fünftel aller getesteten Schüler:innen hat in keinem der Bereiche die Basiskompetenzen erreicht.

Am schlimmsten trifft es Schüler:innen aus armen Haushalten: Im ärmsten Viertel erreichen rund 41 Prozent nicht die Basiskompetenz in den Naturwissenschaften. Das reichste Viertel deutscher Schüler:innen hingegen schneidet weiterhin sehr gut ab und liegt mit seinen Werten deutlich über dem OECD-Durchschnitt.

PISA-Schock: Schulsystem in der Krise

Insgesamt erreichten die Schüler:innen im Schnitt 464 Punkte in Mathematik (11 weniger als 2022), 465 Punkte im Lesen (15 weniger) und 486 Punkte in Naturwissenschaften (6 weniger). 20 Punkte entsprechen dabei laut PISA etwa einem Schuljahr Lernfortschritt – die deutschen Schüler:innen liegen damit rund zwei bis zweieinhalb Jahre hinter dem Niveau vor zehn Jahren zurück. Etwa ein Drittel kann die Hauptaussage eines einfachen Textes nicht erfassen, wenn die Information nicht direkt im Text steht, oder scheitert daran, aus Menge und Preis einen Gesamtbetrag zu berechnen oder eine einfache Tabelle zu interpretieren.

Die PISA-Forscher:innen vermuten, dass der Rückgang des Freizeitlesens die Kompetenzen nicht nur im Lesen, sondern auch in anderen Bereichen beeinträchtigt: Laut OECD ist die Zahl der „hastig Lesenden“, welche die Aufgaben nur flüchtig erfassen, stark gestiegen – und wer eine Textaufgabe nicht versteht, kann folglich auch keine passende Rechnung aufstellen.

Auch beim Schulklima gibt es beunruhigende Ergebnisse: 31 Prozent berichten von regelmäßigem Mobbing, 33 Prozent halten die Schule für Zeitverschwendung.

Soziale Ungleichheit im PISA-Bericht

Die soziale Ungleichheit spielte für die Forschenden eine bedeutende Rolle: Ein ganzes Kapitel von 42 Seiten widmet sich diesem Thema. Auch die Fragebögen deckten mehrere Aspekte davon ab – etwa, ob Intelligenz veränderbar ist, inwiefern Armut die gesellschaftliche Teilhabe der Schüler:innen einschränkt oder wie durchlässig die soziale Mobilität, also der gesellschaftliche Aufstieg, ist.

Leider taucht diese konkrete Kategorie in den deutschen Ergebnissen nicht auf, die Frage oder etwaige Antworten darauf sind nur mit „missing” ausgewiesen. Und auch das Kapitel über soziale Ungleichheit bzw. Ungleichheit im Bereich der Bildung ist im deutschen Bericht massiv auf eine Übersichtstabelle zusammengestaucht worden.

Das ist insofern besonders spannend, als Deutschland zu den Ländern gehört, in denen sich die Schere zwischen arm und reich in der Bildung laut OECD verschärft hat – entgegen dem OECD-Schnitt. Im Schnitt schwindet diese nämlich eher um 13 Prozentpunkte, weil die Arbeiter:innen aufholen und die Reichen nachlassen. In Deutschland hingegen hat sie sich um vier Prozentpunkte verschärft.

Die Frage, worauf sich die Klassenunterschiede im deutschen Bildungssystem zurückführen lassen, kann man wahrscheinlich sehr unterschiedlich beantworten. Von der Frage, wie viel Zeit Eltern der Erziehung und Bildung ihrer Kinder widmen können bis hin zu den unterschiedlichen Qualitäten zwischen den Schulen, Stadtteilen, aber auch Bundesländern. Ein Aspekt, der am deutschen Bildungssystem immer wieder kritisiert wird, ist die starke und frühe Sortierung. Die Aufteilung in Hauptschule, Realschule, Gesamtschule und Gymnasium führe natürlicherweise zu großen Unterschieden zwischen den Schulen.

Man könne „bis zu 50 Prozent der Leistungsunterschiede auf Unterschiede zwischen Schulen erklären”, so Andreas Schleicher, OECD-Director of Education and Skills. Im Gegensatz dazu könne man bei anderen Länder, die wie zum Beispiel Finnland sehr gut abschneiden, nur circa zehn Prozent der Schwankungen so erklären.

Einschnitte in der Bildung: Schere der sozialen Ungleichheit geht auseinander

Allerdings gibt es auch Kategorien wie Langeweile in der Schule, bei denen Deutschland traditionell eher gut abschneidet, was man darauf zurückführen könnte, dass die Schüler:innen im Mittel passend „einsortiert” wurden.

Woran mangelt es?

Der Investitionsstau des deutschen Staats zeigt sich im Bildungssektor besonders ausgeprägt: Zwar gibt es mit den „Startchancen” das größte Bildungsprogramm der Geschichte in der BRD, doch dieses bringt leider nur zwei Milliarden Euro pro Jahr an nur 10 Prozent der Schüler:innen. Die Mängel, die allein PISA aufzeigt, betreffen aber ein Fünftel bis ein Drittel der Schüler:innen, also 20 bis 30 Prozent.

Das Startchancen-Programm beinhaltet Investitionen von circa 20 Milliarden Euro über die gesamte Laufzeit. Laut der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die bundeseigene Förderbank in Deutschland, die unter anderem Kommunen und Kommunalinvestitionen analysiert und finanziert, entspricht das in etwa nur einem Drittel dessen, was allein in der Schulinfrastruktur, also für die Gebäude und ähnliches, eigentlich benötigt werde. Diesen Bedarf beziffert die KfW mit über 68 Milliarden Euro.

Vergleicht man die deutschen Bildungsinvestitionen international, ergibt sich ein ähnliches Bild: Während Deutschland wirtschaftlich stets an der Spitze rangiert, zeigt sich im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP): würde sich Deutschland am OECD-Schnitt orientieren, müssten jedes Jahr 13 Milliarden Euro investiert werden, also mehr als das Sechsfache des Startchancen-Programms.

Gleichzeitig kürzen die Bundesländer: Hessen zum Beispiel streicht 300 von 650 Sozialindex-Stellen, also genau diejenigen an den meist belasteten Schulen, die das Startchancen-Programm stützen soll. Auch in Schleswig-Holstein sollen 407 Stellen durch verschiedene Maßnahmen wie verringerte Unterrichtszeit oder weniger Wahlmöglichkeiten abgebaut werden.

Auch im Bund zeigt sich eine klare Prioritätensetzung. Während das Militärbudget rasant anwächst – um das Zehnfache des Startchancen-Programms – gibt es im großen Sondervermögen nur ein Budget über 1,2 Milliarden für Bildungs- und Betreuungsinfrastruktur.

Haushaltsentwurf 2027: Rekordausgaben für die Bundeswehr, Kürzungen im Sozialbereich

Die Probleme, die PISA seit circa einem Jahrzehnt dem deutschen Bildungssystem nachsagt, dürften sich also nicht bessern – ganz im Gegenteil.

Der Beitrag PISA-Studie 2025: Schlechteste Ergebnisse seit Beginn der Erhebung erschien zuerst auf Perspektive.

Read the full story at the source →

Source: Perspektive Online