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Künstliche Intelligenz: Technologie des Kapitals?
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Künstliche Intelligenz (KI) wird uns immer wieder als technologische Revolution verkauft. Tatsächlich ist sie ein gigantisches Geschäft. Hinter dem Wettlauf um immer leistungsfähigere Modelle stehen kapitalistische Unternehmen, die sich einen einfachen Vorteil versprechen: Mehr Produktion mit weniger Arbeitskraft, niedrigere Kosten und höhere Profite.
Anthropic, das US-amerikanische Unternehmen hinter dem Large Language Model (LLM) Claude, hat nun selbst berechnet, wohin diese Entwicklung führen könnte. In einer Simulation für die US-Wirtschaft bis 2030 untersucht das Unternehmen, wie sich KI auf Wachstum, Beschäftigung und die Verteilung des Einkommens auswirken könnte. Dabei zeichnet Anthropic drei mögliche Szenarien auf, die sich je nach den Fortschritten von KI-Technologien unterscheiden. Die Auswirkungen von KI unterscheiden sich je nach Szenario allerdings hauptsächlich quantitativ, die grundsätzlichen Entwicklungen sind laut Anthropic die gleichen.
So ist sich Anthropic sicher, dass KI für Wirtschaftswachstum sorgen wird. Im extremen Szenario steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA sogar um 32,4 Prozent gegenüber einer Wirtschaft ohne den zusätzlichen KI-Effekt. Auch nach den weniger extremen Voraussagen sorgt KI immerhin für einige Billionen US-Dollar an zusätzlichem BIP.
Gleichzeitig sinkt aber, so heißt es in der Studie, der Anteil des produzierten Werts, der den Arbeiter:innen zukommt. Während Arbeiter:innen heute 60 Cent pro erzeugtem Dollar in Form von Vergütung mit nach Hause nehmen, wären es im extremen Modell nur noch 45,2 Cent. Laut Anthropics Berechnungen steigt somit der Anteil, den sich die Kapitalist:innen einheimsen, von heute 40 auf zukünftig fast 55 Prozent – beinahe eine komplette Umkehr des derzeitigen Verhältnisses. Auch hier gilt: Die moderateren Simulationen bringen nur deutlich kleinere Verschiebungen hervor, die Entwicklung ist aber die gleiche.
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KI im Kapitalismus
Die Frage ist also weniger, ob KI Reichtum schaffen kann, sondern wem dieser Reichtum gehört. Und diese Frage lässt sich nicht beantworten, ohne die Grundlagen der Produktionsweise im Kapitalismus zu berücksichtigen. Das heißt zuerst einmal zu erkennen, dass der KI-Boom von den Unternehmen nicht vorangetrieben wird, um die Lebensbedingungen der Arbeiter:innen zu verbessern und beispielsweise mehr Freizeit zu schaffen.
Er wird vorangetrieben, weil kapitalistische Unternehmen miteinander konkurrieren. Im Kapitalismus wird KI zur Waffe im Konkurrenzkampf des Kapitals. Ihre Entwicklung erfordert gewaltige Mengen an Rechenkapazitäten und begünstigt dadurch die Konzentration der Technologie bei wenigen Tech-Monopolen. Diese nutzen KI, um Produktion zu automatisieren, Arbeitskraft einzusparen und die Kontrolle über gewaltige Datenmengen profitabel zu verwerten.
Was die Produktivität gesellschaftlich erhöhen könnte, dient so zunächst der Senkung der eigenen Kosten, der Verdrängung von Konkurrenz und der Aneignung zusätzlicher Profite. Deshalb investieren Kapitalist:innen Milliarden in Rechenzentren, Modelle und Automatisierung. Die Produktivitätssteigerung ist für sie vor allem dann interessant, wenn sie sich in Profite verwandeln lässt.
Damit verschärft KI den grundlegenden Widerspruch zwischen den Interessen der Arbeiter:innen und Kapitalist:innen. Für die Arbeiter:innen bedeutet höhere Produktivität potenziell weniger notwendige Arbeitszeit. Für das Kapital bedeutet sie zunächst die Möglichkeit, weniger für Arbeit auszugeben und mehr aus der Produktion herauszuholen. Was eigentlich eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen ermöglichen könnte, wird im Kapitalismus so also zur Bedrohung des Arbeitsplatzes. Das zeigt auch Anthropics Studie, die im Extremfall eine Verdreifachung der Arbeitslosigkeit in den USA hervorsagt.
Die KI-Frage ist deshalb immer auch eine Klassenfrage. Wer die Produktionsmittel besitzt, entscheidet darüber, wie die neue Produktivität eingesetzt wird und wer von ihr profitiert. Die Anthropic-Szenarien zeigen deutlich, dass eine Gesellschaft durch neue Technologien erheblich reicher werden kann, aber auch wie ein größerer Anteil dieses Reichtums an das Kapital übertragen wird. Das ist nichts anderes als ein Abbild der alteingesessenen kapitalistischen Verteilungslogik.
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Bedroht KI die Menschheit?
Während die ökonomischen Folgen bereits konkret werden, richtet sich ein großer Teil der öffentlichen Debatte aktuell auf ein anderes Szenario: die Auslöschung der Menschheit durch eine außer Kontrolle geratene Superintelligenz.
Die Warnungen davor werden inzwischen auch innerhalb der KI-Branche immer lauter. Der ehemalige Anthropic-Mitarbeiter Jacob Coxon warnte kürzlich in der Manier eines Whistleblowers, dass die Entwicklung sich selbst verbessernder KI-Modelle zur Vernichtung der Menschheit führen könnte.
Auch andere KI-Forscher:innen und Entwickler:innen halten ein solches Ergebnis für möglich und fordern, die Entwicklung leistungsfähiger KI stärker zu kontrollieren und zu bremsen. Der Forderung nach stärkerer Regulierung schließen sich neuerdings sogar die Chefs führender KI-Unternehmen in den USA an.
Apokalypse als Ablenkung
Eine Technologie, die immer autonomer handelt und die menschliche Intelligenz weit übersteigende Fähigkeiten besitzt, kann tatsächlich reale Gefahren erzeugen. Aber die Fixierung auf das Ende der Menschheit hat heute vor allem einen politischen Effekt: Sie verschiebt den Blick von den Schäden, die KI bereits heute verursacht, auf ein hypothetisches zukünftiges Monster.
Das unterstreicht auch die KI-Kritikerin Timnit Gebru. Die Vorstellung einer allmächtigen, außer Kontrolle geratenen KI lenke von konkreten Problemen ab, nämlich von verschärfter Ausbeutung, militärischer Nutzung, Ausweitung von Überwachung, Umweltschäden und von den Interessen der Unternehmen, die diese Technologie entwickeln.
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Die entscheidende Frage lautet daher tatsächlich nicht: Wird die KI uns alle umbringen? Sondern vielmehr, wie es uns gelingen kann, die Fortschritte, die mit KI möglich sind, in den Dienst der Mehrheit der Menschen und nicht in den Dienst einiger weniger Kapitalist:innen zu stellen.
Die Antwort entscheidet sich nicht in den Algorithmen. Sie entscheidet sich in den Eigentums- und Machtverhältnissen, unter denen diese Algorithmen entwickelt und eingesetzt werden. Eine Technologie, die heute Profite für Kapitalist:innen generiert, kann unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen zur Maschine werden, die das Leben von Milliarden von Menschen verbessert.
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Source: Perspektive Online