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Heißer Herbst: Gaspreise steigen, Inflation zieht an – doch diese Krise tragen wir nicht auf unserem Rücken!
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Leere Gasspeicher, steigende Energiekosten und die Inflation auf einem neuen Höchstwert. Millionen Menschen stehen vor einem teuren Winter. Gleichzeitig plant die Regierung die nächsten Kürzungen. – Ein Kommentar von Fevzi Ayçiçek.
Die ersten Tages des Herbstes zeigen bereits, wohin sich der Winter in Deutschland entwickelt: Die Energiepreise steigen um 40 Prozent, die deutschen Gasspeicher liegen mit knapp der Hälfte deutlich unter den Füllständen vergangener Jahre und gleichzeitig steigt die Inflation stetig weiter. Vor allem wegen steigenden Öl- und Gaspreisen.
Aber so wirklich interessieren tut dies unsere deutsche Bundesregierung bisher nicht. Auch wenn sie in ihrem letzten Lagebericht schreiben, dass sie „diese Entwicklung sehr ernst“ nehme, schiebt die Regierung die Verantwortung komplett auf den Markt. „Die Wintervorsorge und Befüllung der Speicher sind grundsätzlich eine Aufgabe der Gashändler“, erklärt die Bundesnetzagentur.
Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BWE) hat dazu noch die Alarmstufe für den Notfallplan für Gas heruntergestuft. Seit dem 1. Juli 2025 gilt demnach nur noch die Frühwarnstufe. Es sei ja auf dem Weltmarkt „ausreichend Gas verfügbar, und ausreichend Importmöglichkeiten vorhanden.“ Und das, obwohl die Preise auf einem Rekordhoch stehen, und mit der weiterhin gesperrten Straße von Hormus die Weltwirtschaft und die europäischen Großhandelspreise in die Höhe getrieben wurden.
Die Straße von Hormus und der Energiemarkt
Nach dem Beginn des Krieges der USA und Israel gegen den Iran Ende Februar blockiert letztere die Straße von Hormus. Nach sechs Monaten Krieg, und etlichen versuchen von Verhandlungen scheint weiterhin kein Ende in Sicht.
Die Meerenge ist jedoch eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten, über die normalerweise rund ein Fünftel des weltweiten Flüssigerdgashandels stattfindet, „Je länger der Krieg im Nahen Osten anhält und die Energiepreise hoch bleiben, desto stärker dürften mittelfristig auch die Verbraucherpreise für Nahrungsmittel, Dienstleistungen und Waren steigen“, so sagte Ifo-Forscherin Tiphaine Wibault.
Die anhaltende Blockade schränkt insbesondere LNG-Lieferungen aus der Golfregion ein. LNG – das steht für verflüssigtes Erdgas. Es wird stark gekühlt, damit einfacher mit Schiffen über weite Strecken transportiert werden kann. Bereits jetzt hat die Krise die europäischen Gaspreise deutlich nach oben getrieben. Der TTF-Preis („Title Transfer Facility“) ist der wichtigste europäische Referenzpreis für Erdgas. Er hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt.
Anfang September überschritt der Preis zeitweise 75 Euro pro Megawattstunde (MWh) – so hoch war er seit Anfang 2023 nicht mehr. Was das im Alltag bedeutet, zeigt der Blick auf die Preise für Haushalte: Eine Kilowattstunde Gas kostet inzwischen rund 12,42 Cent und könnte bei einer weiteren Verschärfung der Krise noch teurer werden.
Schon wenige Cent mehr pro Kilowattstunde schlagen bei einem Haushalt mit Gasheizung oder Herd schnell mit mehreren hundert Euro im Jahr zu Buche. Und es bleibt nicht beim Heizen: Auch Service-, Lebensmittelproduzenten und andere Unternehmen müssen ihre höheren Energiekosten bezahlen. Am Ende geben sie ihre höheren Preise an Arbeiter:innen weiter.
Niedrige Speicherstände
Gleichzeitig sind die deutschen Gasspeicher für diese Jahreszeit ungewöhnlich schwach gefüllt. Ende August lag der Füllstand bei rund 53 Prozent. Etwa 20 Prozentpunkte weniger als der Vorjahreswert. Zum Vergleich: Für den 1. November gilt zur Vorbereitung auf die Wintermonate ein Füllstand von 80 Prozent als Ziel.
Die Versorgung sei aber aktuell nicht akut gefährdet, es gibt keinen Gasmangel. Das behauptet zumindest die Bundesregierung. Aber diese Analyse beruht auf der Hoffnung, der Krieg in West-Asien wird baldig beendet. Doch Anzeichen für ein kommendes Ende sind kaum gegeben. Eher ist aktuell realistisch, dass der Krieg sich noch länger ziehen wird.
Sollten die Speicher nicht ausreichend gefüllt werden können und gleichzeitig die LNG-Lieferungen über Hormus weiter ausfallen, könnte sich daraus ein Preisschock entwickeln. Dieser Preisschock wäre so stark wie seit der Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges nicht mehr. Denn Gas ist nicht irgendein Konsumgut. Es wird zum Heizen verwendet, in der Industrieproduktion und beeinflusst über Strom Transport- und Herstellungskosten für nahezu die gesamte Wirtschaft.
Gaspreise schießen nach oben
Während die Preise steigen und die Unsicherheit über die Energieversorgung zunimmt, verteidigt Wirtschaftsministerin Katharina Reiche das Handeln der Regierung. Oder wohl eher ihr nicht vorhandenes Handeln vor Kritik. Die CDU-Politikerin lehnt es bisher ab, staatlich einzugreifen und für besser gefüllte Gasreserven zu sorgen. Und das, obwohl Anfang September vergangenen Jahres, die Speicher mit mehr als 70 Prozent gefüllt waren und damals der Füllstand schon als niedrig galt.
Die Argumentation des Wirtschaftsministeriums, Deutschland sei durch verschiedene Lieferquellen und Flüssiggas-Terminals ausreichend abgesichert, reicht aber in der Realität nicht aus. Zwar gibt es staatliche Vorgaben für die Füllstände der Gasspeicher, doch Fachleute halten das Füllziel für den 1. November bereits jetzt für schwer erreichbar.
Selbst Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) fordert deshalb ein Eingreifen des Bundes. Und auch innerhalb der Bundesregierung wächst die Sorge vor möglichen Engpässen im Winter. Doch im Diskurs wird eine sehr entscheidende Frage ausgeblendet: Auch wenn ausreichend Gas vorhanden ist – was passiert, wenn es für Millionen Menschen unbezahlbar wird?
Beim Tanken schon sichtbar
Denn für die Bevölkerung macht es keinen grundlegenden Unterschied, ob Gas physisch fehlt oder ob dessen Preis so stark steigt, dass Haushalte ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen können. Am offensichtlichsten erkennen tut man dies beim Tanken. Denn die Preise sind hier schon seit längerem stark am Schwanken.
Ende August lag der Preis für ein Liter Super E10 bei Durchschnitt 2,15 Euro, nur 5 Cent unter dem Höchstwert aus dem März 2022. Beim Diesel sieht es ähnlich aus. Der Höchstwert von 2,45 Euro wurde im April dieses Jahres erreicht. Aktuell liegt er im Schnitt bei 2,20 Euro pro Liter.
Wer täglich mit dem Auto zur Arbeit fahren muss, kann diesen Kosten nicht einfach ausweichen. Bei einem durchschnittlichen Verbrauch von sieben Litern auf 100 Kilometer kosten allein 50 Kilometer Fahrt mit E10 bereits rund 7,50 Euro.
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Damit wird die Energiekrise für viele Menschen gleich mehrfach spürbar: zu Hause über die Heizkosten, an der Tankstelle über die Spritpreise und im Supermarkt über die weitergegebenen Kosten der Unternehmen.
Der Markt soll entscheiden
Statt die Energieversorgung als gesellschaftliche Grundversorgung zu behandeln, bleibt die Bundesregierung damit bei einer Logik, nach der der Markt über die Verteilung entscheidet. Doch zum Teil greift die Regierung wiederum doch in die Märkte ein. Weil anders als für Arbeiter:innen hat die Regierung für die Großindustrie vorgesorgt. Steuerentlastungen, neue CO₂-Regelungen und wo dies nicht ausreicht, werden die Kosten auf Endkonsument:innen ausgelagert.
Auch in der Eurozone insgesamt hat sich der Preisauftrieb zuletzt verstärkt. Gas und Öl verteuern zugleich Produktion, Transport, Lebensmittel und Dienstleistungen. Was auf dem europäischen Großhandelsmarkt beginnt, wird deshalb mit Verzögerung an die Verbraucher weitergegeben, um die eigen Profite zu sichern.
So gibt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, dies offen zu: „Selbst wenn das Öl wieder ungehindert durch die Straße von Hormus flösse und sich Energie verbilligte, dürfte die Inflation noch lange deutlich über dem EZB-Ziel von zwei Prozent liegen.“ Dies begründet er damit, Unternehmen gezwungen sind, den zurückliegenden Kostenschub bei der Energie Kund:innen weiterzugeben.
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Inflation steigt wieder an
In Deutschland lag die Inflationsrate im August bei 2,9 Prozent, im Juni waren es noch 2,3. Besonders stark und rasch verteuerten sich die Energiepreise: Sie lagen im August 10,5 Prozent über dem Vorjahresniveau, nachdem der Anstieg im Juli noch 8,3 Prozent und im Juni 3,4 Prozent betragen hatte. In der Europäischen Union steigen die Verbraucherpreise im August um 3,3 Prozent, wie das EU-Statistikamt mitteilte.
Aktuell liegt die sogenannte Kerninflation, bei der Energie und Lebensmittel herausgerechnet werden, mit 2,4 Prozent unter der allgemeinen Inflationsrate. Doch gerade das zeigt, dass der aktuelle Energieschock noch nicht vollständig in allen Preisen angekommen ist. Wenn Unternehmen ihre gestiegenen Energie- und Produktionskosten weiterreichen, dürfte sich der Preisanstieg in den kommenden Monaten weiter ausbreiten.
Das ifo-Institut rechnet deshalb mit einer anhaltend hohen Inflation. Für 2027 wird sogar eine Inflationsrate von 3,0 Prozent vorhergesagt. Die Bundesregierung selbst dagegen rechnet mit einem Rückfall auf 1,9 bis 2028. Angenommen der Irankrieg wird bald beendet und der Umstieg auf nationalen CO₂-Preises auf das Europäische System ETS II senkt die Preise tatsächlich.
Obwohl die Lohnstückkosten – also die Kosten, die Unternehmen für die Arbeit ihrer Beschäftigten pro produziertem Stück zahlen – im laufenden und im nächsten Jahr weniger stark steigen, ist das vor allem eine Entlastung für die Industrie. Für Arbeiter:innen bedeutet ein langsamerer Anstieg der Lohnstückkosten dagegen nicht automatisch höhere Löhne. Denn die Lebenserhaltungskosten steigen durch die Inflation. Der Reallohn fällt also stetig weiter.
Selbst wenn die Energiepreise wieder sinken sollten, könnten die höheren Kosten also noch lange in den Verbraucherpreisen sichtbar bleiben. Die Rechnung dafür landet nicht bei den Energiekonzernen und großen Unternehmen, sondern bei den Menschen, die heizen, einkaufen und von ihrem Lohn leben müssen.
Inflation und steigende Preise treffen auf Sozialabbau
Der Energiepreisschock trifft nicht auf eine Politik, die plant die Lebensbedingungen der Mehrheit zu verbessern. Im Gegenteil: Die Bundesregierung plant gleichzeitig fröhlich weitere Reformen und Einschnitte im Sozialstaat. Die Debatte über Bürgergeld, Arbeitslosenversicherung, Rente, Pflege und andere Sozialleistungen steht dabei für eine grundsätzliche politische Richtung. Denn, die Kosten der Krise sollen stärker auf Arbeiter:innen und sozial bereits Benachteiligte abgewälzt werden.
Der Staat ist jedoch keineswegs machtlos gegenüber dem Markt, auch wenn Politiker:innen gerne ihre Verantwortung dafür ablegen wollen. Wenn Banken, Konzerne oder die wirtschaftliche Stabilität gefährdet sind, werden Milliarden mobilisiert, Garantien übernommen, Preisbremsen veranlasst, Industriebetriebe mit geringeren Steuern entlastet und Preise staatlich beeinflusst.
Die Frage ist also nicht, ob der Staat in den Markt eingreifen kann. Die Frage ist, wessen Interessen es dabei zu schützten gilt. Geht es um die Stabilisierung von Kapital und Unternehmen, gilt staatliches Eingreifen plötzlich als notwendig. Geht es um die Frage, wie wir Arbeiter:innen unsere Heizkosten, Mieten oder Lebensmittel bezahlen sollen, soll dagegen der Markt sich selbst regulieren.
Kapital fordert Kürzungen
Gleichzeitig werden die Forderungen aus Wirtschaft und Kapital immer offensiver – etwa mit dem Brandbrief an die Bundesregierung, in dem unter anderem das Unternehmen Siemens mit 16 weiteren Wirtschaftsverbände und Unternehmen einen schnelleren Sozialabbau in Deutschland fordern.
Die Angriffe auf Arbeiter:innen sind immer konkreter: Die Regierung hat Karenztage und eine Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall verabschiedet, während die 40-Stundenwoche angegriffen wird. Sachgrundlose Befristungen sollen auf bis zu 48 Monate ausgeweitet werden. Was unter „Wettbewerbsfähigkeit“ verkauft wird, bedeutet für Arbeiter:innen vor allem eines: länger arbeiten, weniger Sicherheit und mehr Risiko. Während Unternehmen und Kapital nach weiteren Entlastungen verlangen.
Doch wenn der Staat bereit ist, die Interessen des Kapitals mit Milliarden und politischen Eingriffen abzusichern, müssen wir als Arbeiter:innen umso entschiedener fordern, dass nicht weiter bei denen gekürzt wird, die von ihrer Arbeit leben. Das bedeutet: bezahlbare Energie, sichere Renten, gute Löhne und ein starker Sozialstaat statt Sozialabbau zugunsten der Profite.
Brandbrief an Merz: Siemens und Co. fordern schnelleren Sozialabbau auf unsere Kosten
Keine Angriffe ohne Widerstand – machen wir der Regierung einen heißen Herbst
Wenn Menschen jeden Monat weniger mit ihrem Einkommen kaufen können, Mieten und Heizkosten steigen und gleichzeitig Sozialleistungen gekürzt werden sollen, wächst auch die Unzufriedenheit mit der herrschenden Politik. Das war am vergangenen Wochenende etwa schon bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sichtbar. Wichtigstes Thema für die Wahlentscheidung der meisten Wähler:innen war die Wirtschaftslage.
Beim Antikriegstag am 1. September wurde vielerorts auch ein besonderes Augenmerk auf die Umverteilung zugunsten der Aufrüstung gelegt. Am 26. September 2026 ruft der DGB bundesweit zu einem Aktionstag für einen starken Sozialstaat auf. In 15 Großstädten sind Kundgebungen und Demonstrationen geplant – unter dem Motto „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“
Diese Proteste müssen aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Die Proteste müssen hin zu einer Bewegung wachsen, die Kürzungen mit dem „großen Ganzen“ in Verbindung setzt. Denn Energiekrise, Inflation, Sozialabbau und der wachsende Druck auf Arbeiter:innen sind keine voneinander getrennten Probleme. Sie haben eine gemeinsame Grundlage: eine Gesellschaft, in der die Interessen von Kapital und Profit der Wenigen, über die Bedürfnisse der Mehrheit gestellt werden.
Protestbewegung aufbauen!
Deshalb darf der Widerstand nicht bei einzelnen Protesten gegen Reformen stehen bleiben. Während für Wirtschaftswachstum und Aufrüstung Unternehmen Milliardenhilfen und staatliche Unterstützung bekommen werden den Arbeiter:innen Karenztage, längere Arbeitszeiten und Sozialabbau zugemutet. Deshalb müssen wir umso entschiedener für unseren eigentlichen Interessen eintreten und uns in einer Protestbewegung zusammenschließen, die es mit Staat und Kapital aufnimmt!
Der 26. September kann dabei ein wichtiger Auftakt sein. Aber auch andere Kämpfe, wie der Schulstreik am 25. September oder das Protestwochenende gegen das NATO-Manöver in Hamburg Ende September können wir für uns Nutzen. Machen wir der Regierung einen heißen Herbst: Organisieren wir uns in Betrieben, Gewerkschaften und auf der Straßen. Gegen Sozialabbau, gegen die Abwälzung der Krisenkosten. Für eine Gesellschaft, in der unsere Bedürfnisse, die der Mehrheit im Mittelpunkt stehen, und nicht die Profite der Konzerne!
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