Germany · Perspektive Online · 1970-01-01
Das 1,5-Grad-Ziel wird verfehlt: Zeit, die Hoffnung aufzugeben?
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Das 1,5-Grad-Ziel wird nicht mehr zu erreichen sein, stellt die UN fest.
Heißt das, wir sollten den Kopf in den Sand stecken?
Nein, es heißt, wir müssen umso mehr gegen den Kapitalismus kämpfen! – Ein Kommentar von Herbert Scholle.
Das 1,5-Grad-Ziel ist Geschichte, oder zumindest der Plan, diese Marke nie zu überschreiten.
Das geht aus einem kürzlich veröffentlichten Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) hervor.
In diesem stellt UNEP fest, dass es selbst mit den optimistischsten Voraussagen nicht möglich sein wird, die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu halten.
Damit ist auch das oberste Ziel des Pariser Klimaabkommens gescheitert.
Zwar ist der UNEP-Bericht nicht der erste, der voraussagt, dass die Erderwärmung nicht unter 1,5 Grad Celsius zu halten ist, doch nun kommt es auch aus offizieller Quelle.
Stellt sich die Frage: Was kommt auf uns zu, wenn diese Marke überschritten wird?
Irreversible Schäden durch die Erderwärmung Zunächst einmal muss man festhalten, dass das 1,5-Grad-Ziel gewissermaßen willkürlich gewählt wurde.
Diese Marke bedeutet nicht etwa, dass alle Erderwärmung darunter keine Folgen hätte oder keinen großen Schaden anrichtet.
Ganz im Gegenteil erleben wir die Folgen des Klimawandels schon jetzt weltweit, beispielsweise in Form von Hitzewellen, sowie häufigeren Extremwetterereignissen und Umweltkatastrophen.
Extremwetter: Zweitwärmster Sommer seit Aufzeichnungsbeginn Was nun – auch wenn es hier ebenso wenig eine feste Grenze gibt – immer wahrscheinlicher wird, sind irreversible Schäden für Mensch und Umwelt.
So betont UNEP selbst , dass es keine Rückkehr zur Normalität geben wird: „Durch das Überschreiten von 1,5 Grad Celsius sind enorme Veränderungen in ökologischen und menschlichen Systemen unvermeidbar.“ Dass die Folgen der Erderwärmung also fatal sind, ist klar.
Weniger klar ist, wie schlimm sie ausfallen werden, wenn die Erderwärmung noch weiter steigt: „Was genau sich wann und in welchem Umfang ändern wird, sind große ‚Unbekannte‘ – der Anstieg des Meeresspiegels, das Abschmelzen der Kryosphäre (Überbegriff für das gesamte Eisvorkommen auf der Erde, Anm. d.
Red. ), Artensterben, Veränderungen der Ökosysteme, Vertreibung von Menschen, Veränderungen der Nahrungsmittel- und Wasserversorgung, sowie die Maßnahmen und Reaktionen von Regierungen.“ 1,5 Grad sind erst der Anfang All das ist möglich, sollte die Erderwärmung die 1,5-Grad-Marke überschreiten.
Allerdings sind wir derzeit nicht auf dem Kurs, nur knapp über 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu landen.
Ganz im Gegenteil prognostiziert die UN derzeit, dass wir bis zum Jahr 2100 im Median eine Erderwärmung von 2,6 Grad Celsius erreichen werden.
Im schlimmsten Fall könnte sie sogar bis zu 3,6 Grad Celsius reichen.
Selbst die optimistischste Prognose nimmt eine Erderwärmung von 1,8 Grad Celsius an – dafür müssten aber unglaubliche Fortschritte in sehr kurzer Zeit geschafft werden.
So müssten sich die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 halbieren.
Es müsste also eine radikale Trendwende geben, die derzeit nicht absehbar ist.
Ganz im Gegenteil steigen die Emissionen weltweit – Jahr um Jahr gibt es neue Rekordwerte.
Außerdem geht UNEP von den bisherigen CO2-Ausstößen aus und projiziert darauf basierend, wie sie sich weiter entwickeln werden.
Dabei ist allerdings ein entscheidender Faktor noch nicht mitgedacht: Krieg.
Während nämlich schon jetzt an mehreren weltweiten Hotspots Kriege geführt werden, bereiten sich alle Großmächte darauf vor, erneut um die Neuaufteilung der Welt zu kämpfen und rüsten dafür fleißig auf.
Krieg bedeutet dabei nicht nur unfassbares Leid für Menschen, sondern ist auch eine Umweltkatastrophe.
Schon jetzt zeigen die Kriege im Iran und in der Ukraine , wie die Umwelt dort zerstört und Ökosysteme bedroht werden.
Hinzu kommen die Unmengen an CO2-Emissionen, die durch die Produktion von Waffensystemen und die tausenden Bomben-, Raketen- und Drohnenangriffe freigesetzt werden.
Schwarzer Regen im Iran: Wie der Krieg in Westasien die Umwelt zerstört Überschreitung steht fest – Was jetzt?
Der UNEP-Bericht prognostiziert allerdings nicht nur die fatalen Folgen der Erderwärmung, sondern zeigt auch auf, wie es aus Sicht der UN weitergehen muss, um den Planeten zu retten.
Der Bericht betont, dass wir auch trotz der abzusehenden Überschreitung am 1,5-Grad-Ziel festhalten sollten – man müsse es nun eben von oben statt von unten angehen.
Besonders wichtig dabei sei es, die Überschreitung so kurz und so gering wie möglich zu halten.
Vor allem müssen wir so schnell wie möglich zur sogenannten „Netto-Null“ bei den Treibhausgas-Emissionen kommen, also weniger CO2 und andere schädliche Gase ausstoßen, als durch andere Wege aus der Atmosphäre genommen werden.
Das kann allerdings nur der Anfang sein.
Denn es ist nicht etwa so, dass sich die Probleme in Luft auflösen würden, sobald wir keine Treibhausgase mehr in die Atmosphäre pusten.
Vielmehr würden wir damit zunächst nur am Status Quo festhalten.
Stattdessen müssen wir dafür sorgen, so schnell wie möglich Treibhausgase aus der Luft zu entfernen.
Forscher:innen sprechen dabei vom Carbon Dioxide Removal (CDR), also der CO2-Entnahme.
Dies kann zum Beispiel durch Aufforstung oder der Wiederherstellung von Mooren passieren, da diese Pflanzen CO2 zu Sauerstoff umwandeln.
Auch Hightech-Anlagen, die dieses Ziel technologisch umsetzen können, sind möglich und werden immer weiter entwickelt.
UNEP warnt allerdings davor, das CDR als „silver bullet“, also als Allheilmittel, zu verstehen.
Der Platz für beispielsweise Aufforstung oder Moorwiederherstellung ist begrenzt und die gespeicherten Treibhausgase könnten zum Beispiel durch Temperatursteigerungen oder Waldbrände wieder freigesetzt werden.
Die technologischen Lösungen sind hingegen teuer und ineffizient.
Bis zum Jahr 2050 müsste sich die Menge an CO2 verdrei- oder vierfachen, um einen wirklichen Einfluss zu haben.
Es ist davon auszugehen, das CDR selbst unter den besten Umständen nur ein paar Zehntel-Grad Erderwärmung pro Jahr ausgleichen kann.
Man darf es also unter keinen Umständen als Alternative zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen verstehen.
Europas Waldbrände: Vorboten der Klimakatastrophe Rettung des Planeten heißt Abschaffung des Kapitalismus Fassen wir einmal zusammen: Die Erderwärmung wird das gesetzte Ziel mit Sicherheit übersteigen, wahrscheinlich werden es sogar weit mehr als zwei Grad Celsius.
Um das zu verhindern, müssten weltweit radikale Änderungen vorgenommen werden.
Und selbst wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen auf die „Netto-Null“ begrenzten, wird es lange dauern und viel Geld kosten, die Erderwärmung umzukehren.
Insgesamt wirkt die Lage also völlig aussichtslos, oder?
Nun ja, um zu verstehen, wie aussichtslos die Lage wirklich ist, muss man zunächst verstehen, warum bisher so wenig gegen den Klimawandel getan wird und warum es nicht so aussieht, als würde sich das allzu schnell ändern.
Es wird dabei immer wieder vom menschengemachten Klimawandel gesprochen, das erzählt aber nicht die ganze Geschichte.
Während Menschen zwar unbestreitbar für den Klimawandel verantwortlich sind, sind einige nämlich deutlich verantwortlicher als andere.
Es gibt die Erzählung, dass unser Lifestyle Schuld am Klimawandel habe und wir alle einfach beispielsweise öfter mit dem Rad zur Arbeit fahren müssten, um das Problem zu lösen.
Doch die Realität sieht anders aus: In Wirklichkeit stoßen die Unternehmen den überwältigenden Großteil der Treibhausgasemissionen aus.
Das Grundproblem liegt also nicht in unserer Lebensweise, sondern in der kapitalistischen Produktionsweise.
Kapitalist:innen behaupten auch gerne, das man ja nur den Bedürfnissen und der Nachfrage nachkommen würde, doch das ist nichts als ein Märchen: Wir bestimmen nicht, wie produziert wird, der Kapitalismus gibt es vor.
Es ist nämlich keineswegs unmöglich, mit Mensch und Natur in Einklang zu produzieren, doch das ist schlicht nicht profitabel.
Das kapitalistische System zwingt Unternehmen dazu, nach dem größtmöglichen Profit zu streben, sonst werden sie abgehängt.
Wenn das bedeutet, dass Mensch und Natur darunter leiden müssen, dann sei es eben so.
Die unvermeidbare Überschreitung des 1,5-Grad-Ziels sollte uns also nicht dazu verleiten, den Kopf in den Sand zu stecken.
Vielmehr sollte es ein weiterer Ansporn sein, gegen das kapitalistische System zu kämpfen, das unsere Umwelt zerstört.
Im Kapitalismus werden wir die Erderwärmung, wenn überhaupt, erst viel zu spät aufhalten.
Erst wenn wir ihn beseitigt und an seine Stelle ein System gestellt haben, dass nicht den größtmöglichen Profit als oberste Priorität versteht, sondern die Interessen von allen Menschen und der Natur, können wir den Klimawandel aufhalten und retten, was zu retten ist.
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