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Wohnungslosigkeit | Berlins Housing First: Erfolgreich, aber an der Grenze
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Seit 2018 gibt es in Berlin Housing First. Das Konzept ist erfolgreich, aber die Träger stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen. Foto: IMAGO/Funke Foto Services »Jetzt ist alles okay«, sagt Ilie. Er hat seit Mai eine Wohnung. Sein Nachname soll nicht genannt werden. Ilie spricht auf einer Pressekonferenz in den kleinen Räumen des Vereins Phinove in Pankow, zu der die Senatsverwaltung für Soziales eingeladen hat. Anlass ist, dass am 9. September der 350. Mietervertrag der Berliner Housing-First-Projekte vermittelt wurde; einer davon an Ilie.
Bevor Ilie und seine Familie eine Wohnung in Neukölln ihr Zuhause nennen konnten, hatten sie eine lange Odyssee hinter sich. Vor vier Jahren kamen sie aus Rumänien nach Deutschland. Er und seine Frau fanden Arbeit, aber einen normalen Mietvertrag zu bekommen, war unmöglich. Sie fanden immer wieder auf dem grauen Wohnungsmarkt eine Bleibe, in Wohnungen mit vielen anderen Menschen, ohne Mietvertrag und sehr teuer. »Wir waren sehr gestresst wegen unseres Kindes, das nicht lernen konnte«, sagt er. Nachdem die Familie dreimal ihre Wohnung habe verlassen müssen, sei sie schließlich in ein Heim gekommen und dort an den Verein Phinove geraten, der sie unterstützt habe. Jetzt, mit der Wohnung, gehe es ihnen viel besser, sagt Ilie.
Housing First ist ein in den USA entwickeltes Konzept, das an Wohnungslose niedrigschwellig Wohnungen vermittelt. In Berlin bedeutet das, dass anders als bei anderen Angeboten der Wohnungsnotfallhilfe Menschen ohne Wohnung keinen komplizierten Antrag stellen müssen, sondern direkt unterstützt werden. »Wir wissen, wie schwer es ist, in Berlin Wohnraum zu finden«, sagt Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe (SPD). Das Konzept sei wichtig, weil es die Perspektive wechsle. Es gebe viele andere Angebote in der Wohnungsnotfallhilfe. Housing First sei aber anders, weil es Menschen ohne Bedingungen in Wohnraum bringen wolle. »Die Menschen sollen zur Ruhe kommen und sich stabilisieren, um dann ihren eigenen Weg selbstständig gehen zu können.«
»Wohnen ist ein Menschenrecht. Eine soziale Stadt muss die Menschen im Blick behalten, die es am schwersten haben.«
Housing First ist ein Baustein der Berliner Sozialpolitik zur Bekämpfung der Wohnungslosigkeit. Eigentlich hat sich das Land das Ziel gegeben, bis 2030 Wohnungs- und Obdachlosigkeit zu beenden. Davon ist man aber noch weit entfernt. Im Januar 2026 waren fast 60.000 Menschen untergebracht. Dazu kommen schätzungsweise noch 6000 bis 7000 Menschen, die auf der Straße leben.
In Berlin startete das Konzept in einer Pilotphase mit zwei Trägern 2018. »Wir sind Vorreiter und Innovationslabor in Deutschland für dieses Konzept gegen Wohnungslosigkeit«, sagt die Sozialsenatorin. Mittlerweile gibt es sechs Träger, die vom Senat mit insgesamt 3,6 Millionen Euro pro Jahr gefördert werden und jeweils spezifische Zielgruppen haben. Das Geld sei gut investiert, sagt Kiziltepe. »Housing First richtet sich an Menschen, die sonst durch das Raster fallen.« Dass der Ansatz funktioniere, zeige sich auch an der Wohnstabilität: Mehr als 90 Prozent der Vermittelten blieben in ihrer Wohnung. »Wohnen ist ein Menschenrecht. Eine soziale Stadt muss die Menschen im Blick behalten, die es am schwersten haben«, sagt die Senatorin.
Anjes Sanogo leitet das Projekt Housing First Queer, das 2023 gestartet wurde. In diesem Zeitraum habe man 49 Menschen in 46 Wohnungen vermittelt. Insgesamt betreue man 50 Menschen. »Damit sind wir an unserer sozialarbeiterischen Kapazitätsgrenze«, sagt Sanogo. Das Projekt hat fünf Vollzeitstellen für Sozialarbeiter. Was auf den ersten Blick überrascht, ist, dass es nicht fehlende Wohnungen sind, die die weitere Vermittlung begrenzen, sondern der Mangel an Personal. Allein wenn man die Menschen in Wohnungen vermittle, brauche es mehrere Wochen intensive soziale Arbeit, allein um unter Umständen Jobcenter-Wechsel zu organisieren, erläutert Sanogo.
»Es besteht weiterhin ein riesiger Bedarf«, sagt Sanogo. Man bekomme jede Woche mehrere Anfragen, die man ablehnen müsse. Die Sozialarbeiterin berichtet von einer Anfrage vom vergangenen Wochenende, die zeige, mit welchen besonderen Herausforderungen die Zielgruppe ihres Trägers, queere Wohnungslose, konfrontiert sind. Die anfragende Person ist eine nicht-weiße trans Frau und vor zwei Jahren nach Berlin gekommen, um ihre Transition vorzunehmen. Sie ist zurzeit in einer Wohnungslosenhilfe untergebracht. Aber das sei für die Person sehr belastend. »Sie erwägt ernsthaft, den Vertrag zu kündigen und wieder auf die Straße zu gehen«, sagt Sanogo. Eigentlich benötige sie einen sicheren Wohnraum. »Das sind die Anfragen, die wir gerade ablehnen müssen.« Sanogo wirbt dafür, Housing First auszubauen, damit man auch solche Personen unterstützen könne.
»Selbst wenn wir mit Geld zugeschüttet würden, könnten wir den Bedarf nicht decken.«
Phinove vermittelt Wohnungen für Familien aus dem EU-Ausland. Anna Hanf berichtet, dass man seit Projektstart elf Familien mit insgesamt 42 Personen zu einer eigenen Wohnung verholfen habe. Ein Fall ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: Eine Familie habe zwölf Jahre lang in verdeckter Wohnungslosigkeit gelebt, war also bei Freund*innen, Verwandten oder anderswo untergekommen. Auch Hanf weist auf ein grundlegendes Problem hin: »Viele Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe sind mit Familien überfordert.« Auch sie sagt, der Bedarf sei eigentlich viel größer als das, was ein kleiner Träger wie Phinove leisten könne. »Selbst wenn wir mit Geld zugeschüttet würden, könnten wir den Bedarf nicht decken.«
Auch wenn es sechs verschiedene Träger gibt, stehen diese nicht in Konkurrenz um Wohnungen zueinander. In der Wohnungsakquise kooperiere man, sagt Anjes Sanogo. Wie ein Sprecher der Sozialverwaltung ausführt, ist der anteilsmäßig größte Kooperationspartner das Immobilienunternehmen Vonovia, gefolgt von den landeseigenen Wohnungsunternehmen und anderen privaten und kirchlichen Wohnungseigentümern. Sanogo erklärt, die Unternehmen seien eigentlich froh, so Wohnungen vermitteln zu können, weil sie wüssten, sie hätten mit den Trägern immer einen Ansprechpartner.
Auf die künftige Förderung angesprochen, kann und will sich Sozialsenatorin Kiziltepe nicht festlegen. Die schlechte Haushaltslage sei bekannt und sie könne den Koalitionsverhandlungen, die nach der Wahl stattfinden, nicht vorgreifen. Ihr persönliches Ziel sei es aber, Housing First aus dem Zuwendungsbereich in die Regelversorgung zu holen. Dann würde der Ansatz nicht über zeitlich begrenzte Fördermittel finanziert, sondern würde sich nach dem Bedarf richten. Sowohl Anna Hanf von Phinove als auch Anjes Sanogo von Housing First Queer können sich mit diesem Gedanken gut anfreunden. Hanf wirft aber ein: »Wenn die Hilfesysteme niedrigschwelliger arbeiten würden, bräuchte es Housing First in dieser Form vielleicht nicht.«
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