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»Von Scham und Geld« im Kino | Scham ist Luxus
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Die Bauernfamilie bewirtschaftet im ländlichen Kosovo einen kleinen Hof. Foto: ©Janis Mazuch Sehr dankbar darf man dieser Tage ja bereits sein, wenn man einmal ein Kulturprodukt vorgesetzt bekommt, in dem weder irgendwelchen herbeifantasierten »Wokies« die weltweite Faschisierung angelastet wird noch man davon überzeugt werden soll, dass all die Fascho-Wähler nur ganz schrecklich unterprivilegierte arme Schafe seien, die ja gar nicht anders können und so weiter.
So gesehen ist das jetzt in den deutschen Kinos anlaufende albanische Arbeiter-Drama »Von Scham und Geld« schon einmal eine positive Erscheinung. Aber der Film, der den »World Cinema Grand Jury Prize« beim diesjährigen US-amerikanischen Sundance-Filmfest gewinnen konnte, womit er für den Oscar in der Kategorie »Bester Internationaler Film« nominiert ist, schafft es nicht nur, die antiwoke kulturkämpferische Monothematik der bourgeoisen Kulturindustrie zu umgehen, sondern er ist auch ein fesselnder und sehr präzise beobachtender Sozialthriller.
Zunächst geht es um das Bauernehepaar Shaban und Hatixhe, die im ländlichen Kosovo einen kleinen Hof bewirtschaften. Haupteinnahmequelle ist der Verkauf von tierischen Produkten, wie die Milch einiger Kühe, was den beiden und ihren drei kleinen Töchtern ein annehmbares und ausreichendes Auskommen ermöglicht. Als jedoch Shabans arbeitsloser Bruder die Kühe stiehlt, verkauft und das Weite sucht, verliert die Familie von heute auf morgen ihre Existenzgrundlage und ist gezwungen, in der kosovarischen Hauptstadt Pristina neu anzufangen. Die leidlich wohlhabende Familie von Hatixhes Schwester organisiert Unterkunft und einige prekäre Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten, doch bald fühlt sich vor allem Shaban gedemütigt, insbesondere von der Abhängigkeit von seinem etwas jüngeren Schwager Alban.
Dabei liegt das Augenmerk von Regisseur Visar Morina (»Exil«, »Babai«) weniger auf der Handlung als darauf, zu zeigen, was es bedeutet, in spätkapitalistischen Krisenzeiten zu den Mehrwertproduzenten zu gehören, und der großartige kosovarische Schauspieler Astrit Kabashi spielt den um seine Würde kämpfenden Shaban als dauernd durchgeschwitzten, nie zur Ruhe kommenden Arbeiter, dessen Einsatz allerdings kaum ausreicht, der Familie ein erträgliches Leben zu finanzieren.
Was wir hier präsentiert bekommen, ist die ungeschönte Lebensrealität der Mehrheit der Menschheit, die eben darauf angewiesen ist, ihre Arbeitskraft an einen kapitalistischen »Arbeitsmarkt« zu verkaufen.
Morina zeigt Shabans Mühen also nicht in erster Linie als Teil einer zu erzählenden Geschichte, sondern als das wirklich wahre Sein eines Mannes Anfang fünfzig, der das für den Kapitalismus kennzeichnende »Einen-Schicksalsschlag-entfernt-sein« von der Existenzkrise buchstäblich am eigenen Leib erfährt. Da Shaban und Hatixhe angesichts ihrer Verantwortung für ihre Kinder und Shabans Mutter, die aus Mangel an Alternativen mit nach Pristina gezogen ist und sich fürderhin um die drei Mädchen kümmert, nichts anderes übrig bleibt, als irgendwie Geld aufzutreiben, pflegt Hatixhe den bettlägrigen Schwiegervater ihrer Schwester, während sich Shaban im Club des Schwagers und als Tagelöhner verdingt. Gerade dieses Sich-Verdingen, das Zum-Ding-Werden setzt Shaban zu, während Schwager Alban sich um den Ruf der Familie sorgt, den er von einem sich auf der Straße feilbietenden Schwager gefährdet sieht.
Wir sehen Shaban immer wieder in langen, ungeschnittenen Großaufnahmen Hecken schneiden, Plastikstühle aufstellen und schließlich die sprichwörtlichen Steine klopfen. Was wir hier präsentiert bekommen, ist die ungeschönte Lebensrealität der Mehrheit der Menschheit, die eben nach wie vor darauf angewiesen ist, ihre Arbeitskraft an einen kapitalistischen »Arbeitsmarkt« zu verkaufen, was dazu führt, dass Menschen wie Shaban in ihrer ganzen Existenz auf die privaten Besitzer der Produktionsmittel angewiesen sind. Je näher Morina und sein Kameramann Janis Mazuch dem arbeitenden Individuum kommen – und sie kommen ihm oft sehr nah, und Mazuch lässt Kabashi kaum aus den Augen –, desto mehr wird klar, wie sehr hier eine ganze Familie existenziell davon abhängig ist, dass Vater und Mutter irgendwie Geld heranschaffen und dabei nicht vor Scham, Verzweiflung oder schlicht körperlicher Überlastung zusammenbrechen. Und wie sehr diese Situation Menschen deprimieren und demütigen kann. So wird mit zunehmender Spieldauer einsichtig, dass die Geschichte von Shaban und Hatixhe zuvörderst eine Studie der Verhältnisse ist, in der Menschen unter kapitalistischen Bedingungen vor allem außerhalb der kapitalistischen Zentren leben und sich reproduzieren müssen. Bald hält Shaban die Würdelosigkeit seiner Situation nicht mehr aus, wird gewalttätig und übergriffig, verliert daher mehrfach Jobs und setzt damit zusätzlich die Existenz seiner Familie aufs Spiel. »Scham ist Luxus«, sagt Hatixhe einmal ihrer Schwester, und als sich letztlich zumindest scheinbar alles zum Guten wendet, da Shaban eine vergleichsweise gut dotierte Stelle als »Security« angeboten wird, erklärt er seiner Frau in knappen Worten seine neue Aufgabe: »Arme Schlucker wie uns fernhalten.« Shaban arbeitet jetzt bei einer Sicherheitsfirma, die eine exklusive, eingezäunte Reichen-Siedlung sichern soll.
Die Demütigung Shabans ist somit eine zweifache. Zunächst wird er seiner Würde beraubt, da er als Familienvater in die totale Abhängigkeit getrieben wird. Letztlich ist dann der einzige Ausweg eine Art Klassenverrat, indem er zum Teil einer repressiven, privaten Truppe wird, die sich gegen die eigenen Klassengenossen richtet. Diese Entwürdigung geht in Shaban mit heftigen gewalttätigen Ausbrüchen und letztlich einer brutalen, mörderischen Gewaltfantasie gegen einen seiner »Arbeitgeber« einher. So zeigt der Film zwar keinen Ausweg aus der Misere, keine Möglichkeit der Emanzipation aus den Verhältnissen, etwa durch gewerkschaftliche Zusammenschlüsse oder Ähnliches, sondern er verweist auf das Unmittelbare der Klassen- und Ausbeutungsverhältnisse, auf den unmittelbaren Widerspruch von besitzenden beziehungsweise besitzlosen Klassen. Shabans Wut richtet sich mithin gegen die Ausbeuter und nicht gegen irgendwelche Migranten oder woke Stadtmenschen, die mit der Sache schlicht nichts zu tun haben.
»Von Scham und Geld« erklärt nicht, warum Klassenkämpfe (nicht) erfolgreich sind oder inwiefern das politisch zu überwinden wäre. Auch ist der Film erfreulich weit davon entfernt, konkreten Personen oder Gruppen Schuld zuzuweisen, und gerade deshalb ist er hochpolitisch. Denn er ästhetisiert die Zerrissenheit eines Arbeiters zwischen Aufrechterhaltung der eigenen Würde, Klassenbewusstsein und den Zwängen des brutalen kapitalistischen Normalbetriebs nicht nur anschaulich, sondern auch in einer Roh- und Rauheit, wie man es nur sehr selten im Kino sieht.
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Source: nd