Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 2h

Videokunst | Die Cowboys sind eigentlich traurig

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Seht ihr die Schiffe? Sie erinnern an Ausbeutung und Kolonialisierung. Foto: Karimah Ashadu Die Kamera rückt den jungen Männern im nigerianischen Lagos auf ihre Körper und die sich schnell bewegenden Hände, während sie ihre anstrengende Arbeit verrichten: Sie waschen Baulastwagen und Kleinbusse. Letztere werden als Personentaxis genutzt. Die meisten Kraftfahrzeuge sind weiß, von denen sich die schwarzen Körper und Gliedmaßen kontrastreich abheben. Mit reichlichem Einsatz von Seife schrubben die Arbeiter die Karosserien von oben bis unten und spritzen sie mit dem Schlauch ab. Alles geschieht in einem großen Tempo. Selbst die Bereifung wird nicht ausgelassen, auch die Innenräume und die Motorräume säubern die Arbeiter von Staub und Sand.

Ihre muskulösen Körper, Sonnenbrillen und Motorräder können nur oberflächlich über die Klassenverhältnisse hinwegtäuschen.

Die 1985 in London geborene Karimah Ashadu ist eine international gefragte Künstlerin und ihre Werke mit stark dokumentarischem Charakter werden in Einzel- und Gruppenausstellungen nicht nur in Europa, sondern auch in Afrika, Asien und in den USA gezeigt. Sowohl in London als auch in Lagos lebend, arbeitet sie hauptsächlich mit dem Medium Film. Sie präsentiert Videos als Mehrkanal-Installationen, wie auch derzeit in der monografischen Ausstellung »Chrystalline« in der Kestner-Gesellschaft in Hannover.

Dort sind zwei neuere Zweikanal-Projektionen zu betrachten. Die eingangs geschilderten Motive entstammen der Arbeit »Waves«. Dem Video mit den autowaschenden Männern ist eine zweite Projektion an die Seite gestellt, mit Bildern von der Meeresbrandung. Hier die Gewalt der Natur, dort die unentwegt arbeitenden Männer. Im weiteren Verlauf des fast 30-minütigen Films wird deutlich, dass beide Szenen nur durch Felsen getrennt sind. Die Autowäscherei befindet sich auf der Landzunge, die dem Meer durch Aufschüttung abgetrotzt wurde. Manche Einstellungen geben den Blick auf Betonbauten frei, die im Hintergrund am Entstehen sind. Dort, in der immens anwachsenden Megastadt Lagos mit gesichert 16 Millionen Einwohnern und geschätzten 21 bis 24 Millionen mit den Randbezirken, entsteht vor den Augen der Autowäscher ein Neubauviertel für Wohlhabende. Im Kontrast dazu sind die hier schuftenden Männer aus ländlichen und armen Regionen nach Lagos gekommen, um dort ihr Glück zu suchen.

Sie leben mehr oder weniger illegal in selbstgeschaffenen Unterkünften auf der Straße, sind immer wieder von Vertreibung bedroht und durch Sicherheitskräfte erpressbar. Die einzelnen Arbeiter, die neben dem Video auch auf Fotoporträts in der Installation zu sehen sind, erzählen aus dem Off von ihren Träumen. Die einen möchten sich eine sichere Existenz, vielleicht eine eigene Autowäscherei, aufbauen, andere hoffen, mittels Ausbildung oder gar Studium gesellschaftlich aufzusteigen. Sie senden Geld an die Eltern auf dem Land, wollen aber auch selbst Familien gründen. Es sind männliche Vorstellungen in einer patriarchalen Gesellschaft, die gerade auch in untersten Schichten Geltung haben. In vielen Arbeiten befasst sich Karimah Ashadu mit der tradierten Vorstellung von Männlichkeit, in der körperliche Stärke und finanzielle Verantwortung für die Familie prägende Bedeutung haben.

Bei der 60. Biennale in Venedig 2024 wurde ihr Film »Machine Boys« über die illegalen Motorradtaxis in Lagos mit einem Silbernen Löwen ausgezeichnet. In Nigeria ist diese verbotene informelle Ökonomie bekannt als »Okada«, nach einer früheren nigerianischen Fluggesellschaft. Sie ist für die Fahrer und die Nutzer gefährlich, denn beide riskieren dafür Haftstrafen, wenn sie erwischt werden. Die physische Stärke der Motorradfahrer und ihr Wunsch nach Autonomie kollidieren mit den Ausbeutungsverhältnissen, denen sie, aus den armen Schichten stammend, ausgesetzt sind. Ihre maskulinen Codes, ihre muskulösen Körper, Sonnenbrillen und ihre Motorräder, können nur oberflächlich über die Klassenverhältnisse hinwegtäuschen.

Die zweite Video-Installation »Cowboy« in der Kestner-Gesellschaft porträtiert einen Mann, der mehrere Pferde besitzt. Er wird beim zärtlichen Umgang mit ihnen gezeigt. Die Kamera verfolgt ihn beim Reiten durch die Landschaft, während er aus dem Off davon berichtet, dass ihn seine Leidenschaft für Pferde in viele Länder und auf andere Kontinente geführt habe. Stolz, unabhängig und frei fühle er sich. Als er auf seinem Pferd das Meer erreicht, sind am Horizont Transportschiffe zu sehen. Nun erinnert der Cowboy an Kolonialisierung, Sklavenhandel und Migration – und zeigt, wie präsent ihm die Geschichte ist.

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Source: nd