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Vergesellschaftung | Top-down ist out
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Wie die feministische Zukunft aussehen kann, wird auch auf der zweiten Konferenz »Feminist futures« zu Fragen der Vergesellschaftung besprochen. Foto: IMAGO/Christian Spicker In Bochum findet an diesem Wochenende die Konferenz »Feminist futures II: Feministisch vergesellschaften« statt. Als interessierter Laie kann ich leider nicht teilnehmen. Wie gut, dass die Rosa-Luxemburg-Stiftung als Organisatorin des Events auch ein Booklet herausgebracht hat, das man von ihrer Website downloaden kann: »Feministisch vergesellschaften. Von der Kritik des Privateigentums zu solidarischen Infrastrukturen«.
Der Einstieg in das Thema wird der Leser*in erleichtert durch Sabine Nuss, die hier als Interviewte auftritt. Die Politologin, Publizistin und Privateigentums-Expertin erklärt, was unter »Vergesellschaftung« zu verstehen ist. Der entscheidende Punkt scheint dabei zu sein: Vergesellschaftung bedeutet eben nicht Verstaatlichung. Die vergesellschafteten Mietwohnungen, um ein populäres Beispiel zu nehmen, wandern nicht aus den Händen des Konzerns in die Hände von Vater Staat, also nur in eine andere Form von Top-Down-Kontrolle. »Verstaatlichung bedeutet: Der Staat wird der neue Eigentümer, so wie früher etwa bei der Bundespost. Der Staat kann sein Eigentum aber jederzeit wieder verkaufen, umwandeln, privatisieren«, führt Nuss aus. Vergesellschaftung hingegen sei etwas anderes, »eine Form von Gemeineigentum, bei der diejenigen, die von einer Sache betroffen sind, gemeinsam darüber verfügen, und zwar zum einen demokratisch und zum anderen ohne Gewinnabsicht. (...) Kein Konzern, kein Aktienmarkt, aber auch keine Senatsverwaltung, die allein bestimmt.«
Vom 25. bis 27. September 2026 veranstaltet die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Bochum die Konferenz »Feminist futures II: Feministisch vergesellschaften«. Dabei geht es um die Frage, wer das Leben am Laufen hält – und unter welchen Bedingungen. Denn die hierarchische Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit und die Abwertung sorgender Tätigkeiten sind zentrale Grundlagen unserer Gesellschaft. Der Kapitalismus beruht darauf, dass Sorgearbeit als »weiblicher Liebesdienst« markiert und ins Private verschoben wird. Doch wie lässt sich diese Macht- und Ausbeutungsstruktur aufbrechen? Und welche Rolle spielt dabei die Sphärentrennung zwischen Privatem und Öffentlichem?
Niemand bestimmt allein. Das ist ein roter Faden, der sich durch die Publikation zieht. Die feministische Vergesellschaftung hat viele Stimmen. Barbara Fried und Alex Wischnewski umreißen das Konzept der feministischen Vergesellschaftung. Ursula Huws untersucht, wie neue digitale Plattform-Anbieter den Care-Bereich weiter pervertieren, indem sie das bislang Private kapitalisieren. Simin Jawabreh adressiert den Zusammenhang zwischen Rassifizierung und kapitalistischer Ausbeutung und schlägt die Brücke zwischen Antirassismus und feministischer Vergesellschaftung. Cari Maier denkt nach über »Gewalt im Geschlechterverhältnis, Gewalt als Geschlechterverhältnis«. Yayo Herrero trägt ökofeministische Perspektiven in diese Debattengrundlage hinein.
Besonders spannend wird es gegen Ende, wenn das Booklet aus den luftigen Höhen der Theorie in den Sturzflug übergeht – hinein in die harsche Realität der Umsetzung. Wie sieht etwas, das man als »feministische Vergesellschaftung« ansprechen könnte, dann aus? Praktiker*innen kommen zu Wort, die dabei natürlich auch Lobbyist*innen des eigenen Treibens sind. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Konzept der »sorgenden Städte«: Das sind gesellschaftliche, politische und Verwaltungs-Umstrukturierungen auf kommunaler Ebene, die feministische Ansätze verfolgen. Die Kommune wird dabei nicht mehr als amtlicher, allmächtiger Organisator gedacht, in dessen vorgefertigte Setzkästchen sich die Menschen einzufügen haben. Eher kommt sie zu sich selbst zurück, als eine Gemeinschaft, in der die Menschen mit ihren Bedürfnissen gehört werden, in der sich umeinander gekümmert wird – und nicht nur Frauen* die Sorgearbeit erledigen.
Der Schwerpunkt von »feministischer Vergesellschaftung« liegt auf dem Konzept der »sorgenden Städte«.
Für ein solches Konzept steht beispielhaft Satoko Kishimoto, eine Umweltaktivistin, die im Tokioter Bezirk Suginami 2022 zur Bürgermeisterin gewählt wurde: In ihrer Person verbinden sich aktivistische Sphäre und Politik. Die parteilich ungebundene Kishimoto scheint dabei so überzeugend zu sein, dass sie im Juni dieses Jahres wiedergewählt wurde. Im Interview lernen wir ihre praxisgeprüfte Theorie und ihr Mindset kennen. »Munizipalismus« ist das Konzept, auf dem sie aufbaut, und sie erklärt den Grundgedanken: »Es ging darum, Demokratie auf lokaler Ebene zurückzugewinnen, Macht in den Stadträten zu erlangen, Vertreter*innen sozialer Bewegungen in die kommunale Regierung zu bringen und auch nach dem Eintritt in die Regierung mit diesen Bewegungen verbunden zu bleiben.«
Regieren heißt für sie »Regieren durch Dialog«. Dahinter steht eine Idee der kommunalen Selbstverwaltung: »Die Einwohner*innen sollen selbst Verantwortung dafür übernehmen, über Angelegenheiten ihrer Nachbarschaft zu entscheiden; die Aufgabe der Kommune besteht darin, die Bedingungen dafür zu schaffen.« Früher habe man diese Verantwortung eher auf eine professionelle Verwaltung abgewälzt, der man die effizienteste Lösung und deren planmäßige Umsetzung zuschrieb. Aber Kishimoto zufolge hat sich die Perspektive auf öffentliche Einrichtungen verändert: »Anstatt die Verwaltung entscheiden zu lassen, wie Einrichtungen organisiert werden sollen, und die Einwohner*innen anschließend darüber zu informieren, haben wir Verfahren eingeführt, in denen Einwohner*innen und Verwaltung gemeinsam über ihre Zukunft beraten.«
Eines ihrer zentralen Themen war die »Wiederbelebung des Öffentlichen«, und sie hat keine Scheu, auch die Vereinsamung in unseren Städten zum Thema zu machen. »Viele Einwohner*innen haben mit Schwierigkeiten zu kämpfen oder erleben ein gewisses Maß an Einsamkeit.« In der Bekämpfung dieses Problems könnten öffentliche Einrichtungen eine wichtige Rolle spielen können. Kishimoto möchte, dass man sich entsprechend auf diese Orte verlassen kann. »Doch gleichzeitig schaffen die Einwohner*innen selbst überall in Suginami viele kleine gemeinschaftliche Räume«, stellt sie dazu fest. »Ich möchte deshalb auf dem aufbauen, was bereits existiert, also diese kleinen Orte unterstützen und sie enger miteinander und mit öffentlichen Einrichtungen verbinden, sodass ein Netz von Orten entsteht, an denen Menschen sich zugehörig fühlen können.«
Zugehörigkeit ist ein kleines, bescheidenes, ein übersehenes Wort, in dem eine große Veränderung wohnt. »Wir müssen eine Gesellschaft schaffen«, sagt Kishimoto, »in der Menschen Hoffnung und Sicherheit empfinden können. Die Stadt ist nicht in erster Linie ein Ort, an dem wir Geld verdienen, sondern ein Ort, an dem wir leben. Das ist die grundlegende Perspektive, aus der heraus ich über kommunale Politik nachdenke.« Und das ist ein schönes Schlusswort. Ein bisschen Hoffnung ist immer gut in einer schief gekippten Welt. Vielleicht kann sie ja in Bochum schon wieder um ein paar Millimeter geradegerückt werden.
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Source: nd