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War & Militarism nd

Ukraine-Krieg | »Wir haben einfach an Russland geglaubt«

Sie flohen vor dem Krieg nach Russland und hofften auf einen Neuanfang. Nun droht ihnen die Räumung der Unterkunft. Drei Familien erzählen.

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Darina mit ihrer Katze Rusja. Die 15-Jährige lebt mit ihren Eltern in der Notunterkunft. Foto: Bereg/CC Donezk, Luhansk, Charkiw – die Autokennzeichen vor dem Sanatorium im Gebiet Tula verraten, woher die Menschen kommen. Zur Erholung sind sie nicht hier. Vor den beiden Gebäuden, die seit zwei Jahren als Notunterkunft für Geflüchtete dienen, schaukeln Schulkinder. Auf den Bänken sitzen Erwachsene, rauchen und unterhalten sich. Sie loben die Wohnbedingungen. Nur über das Essen in der Kantine beschweren sie sich.

Im Mai beschloss die Regionalregierung, dass die Geflüchteten die Unterkunft bis zum Herbst verlassen müssen – bis auf wenige Ausnahmen. Sollten sie nicht freiwillig ausziehen, werde die Sondereinheit Omon sie vertreiben, hieß es.

In ihrer Verzweiflung wandten sich rund 70 Bewohner mit einer Videobotschaft an Präsident Wladimir Putin. »Unsere Heimatorte sind abgeriegelt und vollständig zerstört. Wir können nirgendwohin zurückkehren«, sagt Natalja darin. Ihre Stimme zittert leicht, mitten im Satz verstummt sie.

Kurz darauf tauchten Mitarbeiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB im Sanatorium auf. »Wir wurden massiv eingeschüchtert. Das Telefon wurde gründlich durchsucht«, erinnert sich eine Geflüchtete, die anonym bleiben möchte. »Es wurden Fragen gestellt wie: Wer sind die Aktivisten, wer sind die Verräter? Wen unterstützt ihr? Wie steht ihr zur militärischen Sonderoperation? Was haltet ihr überhaupt vom Präsidenten?«

Mit der Zwangsräumung würden die Bewohner nicht nur ihr Dach über dem Kopf verlieren, sondern auch ihre vorübergehende Anmeldung am Wohnort. Ohne diese wird es schwieriger, eine offizielle Arbeitsstelle zu finden, Kinder in Kindergarten und Schule anzumelden und medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen.

Aktuell leben 246 Menschen im Sanatorium. In zwei benachbarten Notunterkünften sind ebenso viele untergebracht. Sie alle sind aus dem unter Beschuss stehenden russischen Grenzgebiet oder aus zerstörten Städten und Dörfern in den besetzten ukrainischen Gebieten geflohen.

Die 50-jährige Marina floh mit ihrem Mann Sergej und ihrer 15-jährigen Tochter Darina aus Jampil im Gebiet Donezk. Dreieinhalb Jahre lang lebte die Familie in einem Unterstand, den Sergej unter einem Schuppen ausgehoben hatte. In das von der Ukraine kontrollierte Gebiet wollte Marina nicht fliehen. »Ja, ich spreche Ukrainisch und meine Tochter auch. Aber ich bin Russin. Und ich hatte nicht vor, mich zu unterwerfen. In einem Land, in dem Männer zu Kanonenfutter werden«, sagt sie.

Erst im Februar 2026 gelang der Familie die Flucht aus dem Kriegsgebiet. Im April kam sie in der Notunterkunft an. Sergej arbeitet inzwischen in einem benachbarten Hotel. Marina kann wegen gesundheitlicher Probleme vorerst nicht arbeiten. In den sechs Monaten in Russland konnte die Familie gerade einmal 35.000 Rubel (372 Euro) ansparen. Damit kann sie weder eine Wohnung mieten noch die Weiterreise finanzieren. Nicht einmal warme Kleidung haben sie.

Marina ärgert sich über die gleichgültigen Beamten, die beim Anblick ihrer ukrainischen Dokumente »das Gesicht verziehen«. Dabei betont sie, dass sie und ihre Eltern Russen seien und sie sich danach gesehnt habe, nach Russland zu kommen.

Ihre Erfahrungen teilen viele Bewohner der Notunterkunft. Bei ihrem Einzug sei ihnen versprochen worden, dass sie so lange in der Unterkunft bleiben könnten, bis der Krieg vorbei sei, versichern die Geflüchteten. Viele von ihnen, deren Häuser zerstört wurden, würden jedoch gerne ausziehen – wenn sie eine Entschädigung für den Wiederaufbau bekämen. Dass sie in ihrer neuen Heimat auf verächtliche Beamte, komplizierte Bürokratie und Kontrollen durch Sicherheitskräfte treffen, können sie nicht verstehen.

An den Wänden von Annas Zimmer kleben Luftballons. Vor Kurzem feierte sie mit ihrer Familie den zwölften Geburtstag ihrer Tochter Rita und kurz darauf den 62. Geburtstag von Annas Mutter Irina. Für beide war es ein weiterer Geburtstag fern der Heimat.

Die Familie stammt aus Kupjansk. Als die russische Armee in den ersten Tagen der Invasion im Februar 2022 kampflos in die Stadt einrückte, wohnte die heute 39-jährige Anna unweit einer Brücke, die ständig beschossen wurde. Den ganzen März über saß die Familie im Keller fest. Anna und Rita wurden krank. Als Gerüchte aufkamen, Russland könne Kupjansk nicht halten, verließ die Familie im April 2022 die Stadt.

Anna in ihrem Zimmer. Sie kündigte ihren Job, um sich um ihre kranke Mutter Irina und ihre Tochter Rita zu kümmern. Foto: Bereg/CC Die nächsten acht Monate verbrachten sie in Belgorod. Ohne Anmeldung konnten Anna und Irina keine Ausweise beantragen; Rita durfte nicht zur Schule gehen. Schließlich fand Anna eine Arbeit und lernte eine Kollegin kennen, die ihr half, eine vorübergehende Anmeldung zu bekommen. Andere Geflüchtete mussten dafür bezahlen, 9000 Rubel (96 Euro) für ein halbes Jahr.

Allmählich begann sich das Leben der Familie zu normalisieren – bis Ende 2022 eine ukrainische Rakete im Nachbarhaus einschlug. Daraufhin zog die Familie nach Woronesch.

2023 wurde bei Irina Brustkrebs diagnostiziert. Der Familie wurde daraufhin angeboten, in die Notunterkunft im Gebiet Tula zu ziehen. Irina musste sich zwei Operationen unterziehen und ist auf Pflege angewiesen. Rita wurde in der Schule gemobbt und erhält deshalb kostenpflichtigen Online-Unterricht. Anna kündigte ihren Job, um ihre Mutter zu pflegen und sich um ihre Tochter zu kümmern.

Das gesamte Familieneinkommen besteht derzeit aus Irinas Rente und dem Kindergeld: zusammen 34.000 Rubel (362 Euro) im Monat. Fast die Hälfte davon fließt in die Schulkosten, erzählt Anna. Das Geld reichte gerade so zum Leben – bis die Verwaltung der Region Tula beschloss, die Geflüchteten aus der Notunterkunft zu vertreiben. Nur Irina darf bleiben.

Die 72-jährige Vera Nikolajewna stammt aus der Region Kursk. Ihr Dorf liegt etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt. »Es war unerträglich«, erinnert sie sich. Schon in den ersten Kriegstagen habe der Beschuss begonnen.

Bis zum Sommer 2023 hatte Vera Nikolajewna jedoch nicht daran gedacht, ihr Zuhause zu verlassen. Das änderte sich, als ukrainische Saboteure angeblich einen Konvoi russischer Soldaten beschossen – nur 20 Kilometer von ihrem Haus entfernt. Sofort kam ihre 48-jährige Tochter Olga, um ihr beim eiligen Packen zu helfen. Sie wollten nur noch weg. Seitdem leben sie in der Notunterkunft. »Das Wichtigste ist, dass man uns hier wohnen lässt«, sagt die Rentnerin. »Zumindest bis zum Frühjahr.«

Veras Tochter Olga hat ebenfalls eine lange Flucht hinter sich. Mit ihrem Mann Nikolaj und ihrer Tochter Alina war sie zunächst in Soledar im Gebiet Donezk geblieben, bis Wagner-Kämpfer die Familie aus der Stadt herausholten. Anfang Januar 2023, als die Söldner dort einmarschierten, war Soledar bereits schwer zerstört. Mehrfach hatte die ukrainische Armee der Familie eine Evakuierung angeboten, doch sie lehnte ab. Nikolaj war damals 58 Jahre alt und damit noch im wehrfähigen Alter. Die Familie liebte ihre Stadt, lebte in Wohlstand und wollte nicht verlieren, was sie sich aufgebaut hatte.

Vera Nikolajewna aus dem Gebiet Kursk in dem Zimmer, in dem sie mit ihrer Tochter lebt. Über ihr hängen Porträts von Familienmitgliedern. Foto: Berge/CC Olga, Nikolaj und Alina warteten auf die Ankunft der russischen Truppen. »Wir haben einfach an Russland geglaubt, an die Worte: ›Wir lassen unsere Leute nicht im Stich.‹ Genau an diese Worte«, sagt Alina.

»Wir verstehen, dass uns niemand braucht. Den Körper haben sie uns gelassen, aber das Leben haben sie uns genommen.«

Auch als die Wagner-Kämpfer ihnen die Ausreise nahelegten, wollten Alina und ihre Eltern die Stadt zunächst nicht verlassen. Doch die Söldner bestanden darauf und versicherten ihnen: »Macht euch keine Sorgen, alles wird gut. Russland wird euch dort empfangen und euch alles geben.« Die Familie machte sich in der Gewissheit auf den Weg, dass man in Russland auf sie warten würde. Die Ernüchterung folgte schnell. Im 80 Kilometer entfernten Torez war man auf die Ankunft der Geflüchteten nicht vorbereitet. »Da wurde uns klar: Niemand braucht uns«, erinnert sich Olga.

Trotz seiner langjährigen Arbeit als Bergmann erhielt Nikolaj in Russland lediglich eine Rente von 10.000 Rubel (107 Euro). Alina fand eine Stelle in einem Café in Torez. Ihre Eltern zogen zum Arbeiten in die Region Wladimir. Dort starb Nikolaj 2024 an einem Herzstillstand. Olga kehrte zu ihrer Tochter zurück.

Im Juni 2025 wurde das Flüchtlingszentrum in Torez geschlossen. Daraufhin zogen die beiden Frauen in die Region Tula. Sie sind enttäuscht und verärgert darüber, dass sie sich in Russland nicht willkommen fühlen. Alina hat mehrfach den Arbeitsplatz gewechselt. Überall nannten ihre Kollegen sie »Chochluschka«, eine abfällige Bezeichnung für Ukrainerinnen.

Auch Alina hofft, wenigstens bis zum Frühjahr in der Notunterkunft bleiben zu können. Bis dahin wollen die beiden Geld sparen, um eine Wohnung zu mieten. Sollte das nicht gelingen, erwägen Alina und Olga, in das besetzte Gebiet nach Switlodarsk zurückzukehren, etwa 35 Kilometer von Soledar entfernt. Zwar wird die Stadt beschossen, doch die Mieten sind günstig.

Olga weint. Kein einziges Foto ihrer Angehörigen ist ihr geblieben. Mit erstickter Stimme sagt sie: »Wir verstehen, dass uns niemand braucht. Sie haben uns das Leben genommen. Den Körper haben sie uns gelassen, aber das Leben haben sie uns genommen.«

Am 5. Oktober kamen Beamte in die Notunterkunft und boten den Geflüchteten an, gegen Bezahlung weiterhin im Sanatorium zu wohnen. Die Bewohner befürchten, dass die Unterkunft dann ebenso viel kosten würde wie eine Wohnung in der Region. Doch so viel Geld haben sie nicht.

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