Ukraine-Krieg | Waffenruhe in Oleschky: Vorbild oder weitere Enttäuschung?
In der Frontstadt Oleschky schweigen die Waffen, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern. Die Vereinbarung könnte ein Schritt zum Frieden sein.
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Russische Soldaten bei der Entminung von Oleschky. Hier sollen Zivilisten den eingekesselten Ort an der Frontlinie verlassen dürfen. Foto: imago/ZUMA Press Es herrscht Waffenstillstand in der Ukraine. In einem begrenzten Gebiet unweit der südukrainischen Stadt Cherson ist seit dem 27. Oktober um 3 Uhr keine Explosion mehr zu hören. »Es ist die größte Deeskalation seit 2022. Eine solche Deeskalation bringt den lange ersehnten Frieden in der Ukraine näher«, jubelt Dawyd Arachamija, Fraktionschef der ukrainischen Regierungspartei Diener des Volkes, auf seinem Telegram-Kanal.
Auf Initiative von US-First-Lady Melania Trump und nach langen Verhandlungen, an denen auch der Vatikan beteiligt war, haben sich die Kriegsparteien auf einen Waffenstillstand im Gebiet der von Russland besetzten Stadt Oleschky geeinigt. Papst Leo XIV. und seine Vertreter, Kardinal Matteo Zuppi und Erzbischof Paul Richard Gallagher, hatten sich bei ihren Besuchen in Russland für eine humanitäre Lösung für Oleschky eingesetzt. Dabei gelang Kardinal Zuppi auch ein Treffen mit ukrainischen Kriegsgefangenen. Bis dahin hatte Russland keinem Vertreter eines anderen Staates einen solchen Besuch gestattet.
Der Waffenstillstand soll bis zum 1. November um 22.59 Uhr gelten. Das Besondere an der Vereinbarung: Sie beschränkt sich nicht auf einzelne Abschnitte der Front. Seit ihrem Inkrafttreten sind nicht nur im russisch kontrollierten Oleschky, sondern auch im ukrainisch kontrollierten Cherson keine Explosionen mehr zu hören. Übereinstimmenden Berichten von Einwohnern zufolge sind die Straßen von Cherson in den Tagen dieses Waffenstillstands so belebt wie seit Jahren nicht mehr.
»Es ist die größte Deeskalation seit 2022. Eine solche Deeskalation bringt den lange ersehnten Frieden in der Ukraine näher.«
In Oleschky, wo vor dem Krieg mehr als 20.000 Menschen lebten und sich heute noch etwa 2000 aufhalten, herrscht eine humanitäre Katastrophe. Die von Russland besetzte Stadt wurde regelmäßig beschossen und ist wegen verminter Zugangswege weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Es fehlt an allem: Trinkwasser, Strom, Medikamenten und Lebensmitteln.
Am Donnerstagmorgen brachen im belarussischen Gomel ukrainische und russische Delegierte zu einer gemeinsamen Mission auf. Ihr Ziel: während dieses Waffenstillstands einen humanitären Korridor nach Oleschky zu ermöglichen. Sie bestiegen gemeinsam eine russische Militärmaschine, wie ein Video der belarussischen Agentur Belta zeigt.
Die humanitäre Aktion soll mit der Räumung von Minen beginnen. Anschließend sollen Lebensmittel, Trinkwasser und Medikamente nach Oleschky gebracht werden. Auch ein Ärzteteam soll in die Stadt reisen. Wie Melanie Trump in den sozialen Netzwerken mitteilte, werden vier US-amerikanische Journalisten von vor Ort über die Aktion berichten. Sie sollen dabei sowohl von russischen als auch von ukrainischen Militärs begleitet werden.
Anschließend soll allen Bewohnern die Möglichkeit gegeben werden, die Stadt zu verlassen. Dabei könne jeder selbst entscheiden, ob er nach Russland oder in die von Kiew kontrollierten Gebiete der Ukraine geht. Koordiniert wird die Aktion gemeinsam vom ukrainischen Menschenrechtsbeauftragten Dmytro Ljubinez und der russischen Menschenrechtsbeauftragten Jana Lantratowa. Fotos zeigen die beiden mehrfach auf dem Instagram-Account von Ljubinez.
Während der regionale Waffenstillstand Hoffnung weckt, geht der Krieg in anderen Teilen der Ukraine und Russlands unvermindert weiter. Die Ukraine griff erneut Moskau sowie ein Chemiewerk im russischen Fernen Osten mit Drohnen an. Russland setzte seinerseits seine Angriffe auf die Ukraine nahezu im Stundentakt fort. So wurde der Bahnhof der ukrainischen Stadt Dnipro beschossen. Die Drohne schlug auf einem Bahnsteig ein, an dem ein Nahverkehrszug und ein Personenzug nach Saporischschja standen. Nach ukrainischen Angaben wurden 14 Menschen getötet und mindestens 14 weitere verletzt, darunter ein elfjähriger Junge.
Auf ukrainischer Seite gibt es zudem Befürchtungen zu zwei Aspekten des Waffenstillstands. Was geschieht mit den Kindern von Oleschky, insbesondere mit jenen, die ohne ihre Eltern leben, fragt man sich zum einen. Werden sie tatsächlich frei entscheiden können, ob sie nach Russland oder in die von Kiew kontrollierten Gebiete gebracht werden wollen?
Der Ruf der russischen Menschenrechtsbeauftragten Lantratowa bietet aus ukrainischer Sicht wenig Anlass zu Vertrauen. Sie war offensichtlich, so der ukrainische Vorwurf, an der Verschleppung ukrainischer Kinder beteiligt. Ukrainische Ermittler werfen ihr vor, an der Verbringung eines Mädchens namens Margarita aus einem Kinderheim im besetzten Cherson nach Russland mitgewirkt zu haben.
Besonders brisant ist, wer das Mädchen später adoptierte: Sergej Mironow, Vorsitzender der kremlnahen Partei Gerechtes Russland und langjähriger Weggefährte von Präsident Wladimir Putin.
Überdies fragt man sich in der Ukraine, welche Auswirkungen der Waffenstillstand und die Evakuierung von Oleschky für die Bevölkerung der Nachbarorte haben werden. Dort ist die humanitäre Situation nicht besser. Doch dort wird weiter geschossen. Wenn nun, was anzunehmen ist, Menschen aus diesen Nachbarorten nach Oleschky fliehen, in der Hoffnung, evakuiert zu werden, setzen sie sich mit dieser Flucht einer erhöhten Gefahr aus, beschossen zu werden. Doch die entscheidende Frage ist: Was wird am 1. November um 23 Uhr passieren? Wird der um 22.59 Uhr endende Waffenstillstand wirklich beendet? Oder wird er vielleicht ausgeweitet, regional und zeitlich? Wird er Vorbild sein für weitere regionale Waffenstillstände, oder werden wir wieder einmal um eine Enttäuschung reicher sein?
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