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Tunesien | Toujane: Wie ein Bergdorf in Tunesien lebendig bleibt

Höhlenhäuser, Teppichkunst und alte Bewässerungsanlagen prägen das Wüstengebirge Dahar. Eine Reise zu Menschen, die sein Erbe bewahren.

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Die traditionell hergestellten Teppiche aus Toujane werden bis in die Hauptstadt Tunis verkauft. Foto: imago/GODONG Die Serpentinen schlängeln sich elegant den schroffen Hang hinauf. Mit einiger Mühe kämpft sich der kleine Leihwagen die letzten Meter bis zum auf rund 500 Metern gelegenen Toujane hoch. Toujane ist ein Dorf im Wüstengebirge Dahar, das sich im Süden Tunesiens erstreckt.

Ausgestiegen wird am »Dar Fatma«, einem Gasthaus in dem kleinen Ort. Das Gasthaus ist das ehemalige Familiendomizil der Betreiberin Fatma Ben Ahmed und im traditionellen Troglodytenstil gebaut. Das bedeutet, dass das Haus in den Fels eingebettet ist. Zwar haben viele Zimmer dadurch keine Fenster, dafür mildert der umgebende Fels die Temperaturschwankungen: In kalten Winternächten halten die Räume die Wärme, im Sommer bleiben sie kühler, wenn die Sonne unerbittlich die Außenwelt aufheizt. Hier können Reisende die Stille des Wüstendorfs erleben.

Die Wände der Unterkunft sind mit traditionellen Teppichen geschmückt, die mit ihren Farben und Mustern die sandfarbene Eintönigkeit durchbrechen. Entlang der Dorfstraße sind solche Teppiche in unterschiedlichen Ausführungen zu erwerben. Eines der Teppichgeschäfte gehört Salima Ben Mansour. Es ist von oben bis unten mit Teppichen vollgehängt, weitere stapeln sich zusammengerollt in der Ecke.

Mithilfe von Programmen der Entwicklungszusammenarbeit konnte Salima ihren Laden eröffnen und ein Geschäftskonzept erarbeiten. Ihre wichtigsten Geschäfte macht sie auf Handwerksmessen, beispielsweise in der Hauptstadt Tunis, denn der Laden allein ist bei der geringen Zahl von Touristen nicht rentabel.»Und das schaffe ich alles allein als Frau. So was gibt es hier nicht so oft«, sagt sie stolz. Tunesiens 1956 verabschiedetes Familienrecht verbietet die Vielehe und ermöglicht es Frauen, selbst die Scheidung einzureichen.

Im Alltag stoßen sie dennoch auf Hindernisse. Manche Ehemänner wollen mitbestimmen, wo ihre Frauen unterwegs sind – angeblich lauern in der Öffentlichkeit viele Gefahren für sie. Gerade im Süden Tunesiens hätten es Frauen besonders schwer, heißt es in der Hauptstadt oft. Unternehmerinnen wie Fatma Ben Ahmed und Salima Ben Mansour zeigen ein anderes Bild.

Für ihre Geschäftsidee war Ben Mansour eigens aus dem neuen Toujane unten im Tal in das alte Dorf zurückgezogen. Seit den 70er Jahren hatten die Behörden unter Habib Bourguiba, dem ersten Präsidenten des unabhängigen Tunesien, vielerorts im Dahar auf solche Umsiedlungen gedrängt. Die Neubausiedlungen im Tal ließen sich leichter an das Strom- und Wassernetz anschließen als die Dörfer auf Berggipfeln und Hochebenen. Die Politik folgte zugleich Bourguibas Vorstellung von einem modernen Staat, in dem die traditionellen Höhlenhäuser keinen Platz haben sollten.

Während andere Orte der Region weitgehend verlassen wurden und verfielen, blieb das alte Toujane bewohnt, wie das Dorfcafé, drei Lebensmittelgeschäfte, die makellos weiß getünchte Moschee und Läden wie der von Ben Mansour zeigen. Heute gibt es auch im alten Toujane fließendes Wasser, ebenso wie Strom.

Zurück zu Ben Mansours Laden: Sie zieht ein paar Exemplare ihrer Teppiche aus dem Stapel und erklärt die Unterschiede. Die ausladenden Margoum-Teppiche werden Hochzeitspaaren zur Einrichtung des Wohnzimmers geschenkt. Und auch gewebte Hochzeitsschleier – ortstypisch in roter Farbe – finden sich in ihrem Geschäft. Zum Färben werden Naturfarben verwendet.

Zu den Mustern sagt Ben Mansour: »Die traditionellen Muster von Toujane habe ich von meiner Mutter gelernt. Aber jetzt sehe ich mir im Internet manchmal Bilder an und lasse mich inspirieren.« Zu den traditionellen Motiven gehört auch der Fisch als Sinnbild des Lebens. Die Region hat zudem eine christliche Vergangenheit. Mit der arabischen Eroberung im siebten Jahrhundert begann ein langer Prozess der Islamisierung und Arabisierung.

Aus den beigen Steinhäusern in Toujane sticht die weiß getünchte Moschee deutlich heraus. Foto: imago/Helge Sobik Heute gehört der Dahar zu den Regionen Tunesiens, in denen die Kultur der Amazigh, der indigenen Bevölkerung Nordafrikas, besonders sichtbar ist. Neben der Teppichkunst ist die Amazigh-Identität bei den traditionsreichen Hochzeiten der Region zu spüren. Die Amazigh-Sprache sprechen die Bewohner Toujanes allerdings nicht mehr.

Seit dem Umbruch von 2011 haben sich auch in Tunesien Vereine gegründet, die sich für die Amazigh-Sprache und -Kultur einsetzen. Bergführer Ali Bouhala sieht die politische Betonung dieser Identität allerdings skeptisch: »Das Thema ›Amazigh‹ ist ein sensibles Thema. Ich habe das Gefühl, dass immer wieder versucht wird, Tunesien mit diesem Argument zu spalten. Ich bin gegen solche Tendenzen«, erklärt er.

Das kulturelle Erbe seiner Vorfahren zu erhalten, ist Ali dennoch wichtig. Er hat ein kleines Museum im ehemaligen Haus seiner Familie im Nachbarort Zmerten geschaffen.

Anders als in Toujane sind in Zmerten die traditionellen Häuser nicht in den Hang eingebettet, sondern direkt in den Boden eingelassen. Ein in die Erde gegrabener Innenhof ist durch einen kurzen Tunnel mit der Haustür verbunden.Eines der Zimmer, die vom Innenhof aus in den Boden gegraben sind, ist dem traditionellen Leben im Dahar gewidmet. Neben einem Webstuhl, Olivenölflaschen und Trinkbehältern aus Ziegenhaut ist Ali besonders stolz auf ein armlanges Stück Holz, in das an einem Ende drei kürzere Holzstäbe eingearbeitet sind: ein alter Haustürschlüssel.

Ein anderes Zimmer des Höhlenhauses ist dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Ein alter Wehrmachtshelm liegt neben einem Tankkanister der französischen Armee. In der Nähe verlief die Mareth-Linie, eine ursprünglich von Frankreich errichtete Befestigungsanlage. Deutsche und italienische Truppen nutzten sie 1943 gegen die vorrückenden Alliierten, die die Stellung im März überwanden.

Über die Präsenz der Nazis in Tunesien merkt Ali an: »In Tunesien haben wir eine andere Perspektive auf die Geschichte als in Europa. Für uns war wichtig, dass die Wehrmacht unsere Kolonialmacht Frankreich in die Enge trieb.« Das französische Protektorat hatte unter dem mit NS-Deutschland kollaborierenden Vichy-Regime jedoch selbst antisemitische Vorschriften eingeführt. Während der deutschen Besatzung von November 1942 bis Mai 1943 wurden rund 5000 jüdische Männer in Tunesien zur Zwangsarbeit in Lagern gezwungen.

Zwischen Toujane und Zmerten gibt es einen Wanderweg, der allerdings nicht ausgeschildert ist. Gemeinsam mit lokalen Guides wie Bouhala lässt sich die schroffe Schönheit der Gebirgswüste erkunden, ohne die Gefahr, sich zu verirren. Nach einem ersten atemraubenden Anstieg folgt die atemberaubende Aussicht auf den Dahar: Schluchten und Wüstenberge, nicht ganz so weit, wie das Auge reicht, denn am Horizont ist das Mittelmeer zu erahnen. An klaren Tagen reicht die Sicht sogar bis zu Tunesiens größter Insel Djerba. Mittendrin ein paar unscheinbare kleinere Berge. Genau auf diese zeigt Bouhala: »Dort im Massiv Djebel Tebaga finden sich Meeresfossilien, die über 250 Millionen Jahre alt sind.«

Das sind aber nicht die einzigen Schätze der Region: Weiter südlich, am Jebel El Mra rund 50 Kilometer südwestlich von Tataouine, machte ein italienisch-tunesisches Forschungsteam 2011 einen bedeutenden Fund. Dort wurden Knochen des Dinosauriers Tataouinea hannibalis entdeckt, die etwa 110 Millionen Jahre alt sind.

Beim Abstieg in ein Wüstental kommen wir an terrassenartigen Anlagen vorbei, den sogenannten Jessour. Auf ebenmäßigen und fein säuberlich gepflügten Flächen wurzeln Dattelpalmen und ausladende Olivenbäume, deren saftiges Dunkelgrün die Ockertöne der allgegenwärtigen Felsen bricht.

Dank des Jessour-Systems können die Bäume trotz der geringen Niederschläge gedeihen. Kleine Dämme aus Erde und Stein halten abfließendes Regenwasser und mitgeführtes Bodenmaterial zurück. So entstehen Anbauflächen, auf denen das Wasser versickern und den Wurzeln zur Verfügung stehen kann. Die Anlagen sammeln also nicht nur Wasser, sondern schützen auch den fruchtbaren Boden davor, weggespült zu werden. Überläufe lassen überschüssiges Wasser abfließen und helfen, die Dämme bei starken Regenfällen vor Schäden zu bewahren.

Am Ende der vierstündigen Wanderung gibt es auf der Dachterrasse des Gasthauses einen Tee. Lokal typisch ist eine Mischung aus selbst gepflücktem Rosmarin und grünem Tee – der allerdings aus der Packung kommt. Zum Tee serviert Ali pappsüße »Gazellenhörner«, ein Teiggebäck mit Nuss-Gewürz-Füllung, das frittiert und in Zuckersirup getaucht wird.

Die Terrasse gibt den Blick auf die Bergkulisse frei, über der der Abend in Orange, Lila und Blau dämmert. In Toujane flimmern einige wenige Lichter, und das weiße Minarett der Dorfmoschee strahlt mit seiner grünen Beleuchtung erhaben über den Ort, während der Ruf zum Abendgebet ertönt.

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Originally published bynd
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