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Tiefenentspannungs-Pop | Die Schönheit der Verweigerung von Roy Montgomery
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Schöne Musik für einen gepflegten Nebel. Foto: unsplash/Shapelined Mehr Karriereverweigerung kann man eigentlich nicht betreiben. Die Band Pin Group aus Christchurch veröffentlichte 1981 ihre erste Single, »Ambivalence«, zugleich die erste Single, die auf dem stilbildenden neuseeländischen Flying-Nun-Label erschien. Ein angenehm verleiert-verhalltes Stück Postpunk, die Band war aber nicht so zufrieden damit und verhielt sich ambivalent. Sie verweigerte Fotos und versuchte zu verhindern, dass Exemplare bis zur Presse vordrangen. Auf dem Cover der zweiten Single entschuldigten Pin Group sich schon einmal für die Unzulänglichkeiten ihrer Musik, Gitarrist Roy Montgomery haute schon vor Erscheinen der Platte nach England ab, Bildungsreise, und veröffentlichte sein erstes Soloalbum erst fast fünfzehn Jahre später.
Es gibt aber auch Arten von Ambitionslosigkeit, die freiheitsfördernd sind. Wo man kommerziell nichts erreichen will, muss man sich auch keine Gedanken darüber machen, wie man dorthin kommt. Das tut der Kunst nicht zwangsläufig, aber auch nicht selten gut. Man kann dann machen, was man will.
Zurück in Neuseeland spielte Montgomery kurz in den Bands Shallows und Dadamah. Bei letzteren waren die Gitarren dann schon droniger und übersteuerter, aber das Dadamah-Album »This Is Not a Dream« blieb, mit stoischem Schlagzeug und verhallten Vocals noch innerhalb der Koordinaten, die Velvet Underground abgesteckt hatten. Die ersten Soloalben kamen dann erst ab 1995, das zweite, »Temple IV«, erzählte ohne Gesang vom Tod seiner Frau Jo drei Jahre zuvor und gehört zum Schönsten, was im ja gerne seicht gestimmten Feld des instrumentalen Postrock-Ambient mit nur einer Gitarre und einem Vierspurgerät aufgenommen worden ist.
Das Album der Woche. Weitere Texte unter dasnd.de/plattenbau
Seit Mitte der Neunziger fabriziert Roy Montgomery mit seiner Gitarre und ein paar Filtern, Verzerrern, seiner angenehm sonoren Stimme und immer wieder auch anderen Musiker*innen weitgehend unbemerkt eine nur ihren eigenen Maßgaben folgende introspektive Musik. Gleich, ob repetitiv und minimalistisch oder im Verzerrer-Modus: Sein Spiel strahlt immer eine große Ruhe und Einkehr aus. Entschleunigungsmusik fürs überforderte Subjekt.
Sein aktuelles Album heißt »Nebular«, er hat es eingespielt mit der Londoner Sängerin Martha Skye Murphy. Der Titel stimmt: Musik wie warmer Nebel. Die Gitarre ist nach wie vor Hauptinstrument, aber anders als auf den meisten anderen Alben klingt sie oftmals nicht mehr wie ein Saiteninstrument, sondern wie etwas, das aus irgendeinem Paralleluniversum flächige Signale zur Erde sendet. So weggedriftet das auch wirkt, man hört immer noch das Erbe von Velvet Underground durch, den Postpunk der Achtziger und generell die Ästhetik von Musik, die in Garagen und Schlafzimmern aufgenommen worden ist.
Auf »Nebular« findet man fünf zutiefst introvertierte und trotzdem maximal präsente Stücke, wie bei aller Musik, bei der Montgomery seine tiefenentspannten Finger im Spiel hat. Der weitgehend wortlose, entkörperlichte Gesang von Martha Skye Murphy, der, auch wenn er expressiver ist, an die Stimme von Liz Harris erinnert (mit deren Projekt Grouper Roy Montgomery 2007 eine sehr, sehr schöne Platte gemacht hat), wandert vom Hintergrund nach vorne und wieder zurück und trägt zum ätherischen Charakter bei. In dem viertelstündigen »The Play of Light and Dark« kommt dann alles zusammen: ein Stück, das langsam ansteigt, sich auf und ab bewegt, mehr und mehr aus Gitarren und Stimmen gemachte Nebelflächen auf- und ineinander schichtet, ohne zu einem Schlusspunkt zu kommen, und in einem Fade-out entgleitet.
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Source: nd