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Sexuelle Gewalt | Wann beginnt Mittäterschaft?
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Am Anfang spielt Lucy »Would I Lie to You« und denkt dabei nicht an ihre Familie. Foto: Frederic Batier/Film AG Jedes fünfte Kind in Europa ist Schätzungen zufolge von sexueller Gewalt betroffen. 85 Prozent der Täter stammen aus dem unmittelbaren Umfeld der Kinder. Menschen, die dem Täter nahestehen und einen leisen Verdacht hegen, stecken oft in einem moralischen Dilemma: Liegen sie falsch, könnten sie die Existenz einer unschuldigen Person zerstören.
In einer ähnlichen Situation befand sich rückblickend auch die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer. 2022 lief ihr Habsburger-Biopic »Corsage« in Canne, war erfolgreich in den Kinos und schaffte es sogar auf die Oscar-Shortlist – als bekannt wurde, dass Burgtheater-Schauspieler Florian Teichmeister, der darin Sissis Ehemann spielt, wegen des Besitzes von Kinderpornografie angeklagt worden war. Ein Shitstorm ergoss sich über Kreutzer, die allerdings erst nach Abschluss der Dreharbeiten von der Anzeige erfahren hatte. Ironischerweise arbeitete sie zu dieser Zeit längst an »Gentle Monster«, ihrem neuen Film über eine Frau, die aus allen Wolken fällt, als ihr Mann des Besitzes und der Verbreitung pädophilen Materials beschuldigt wird.
Im Zentrum ihres Psychodramas steht nicht der pädophile Täter, sondern seine Frau Lucy, beeindruckend nuanciert verkörpert von Léa Seydoux. Stets um ihre Fassung bemüht, zeichnen sich auf ihrem Gesicht die wechselnden Gefühlsstürme ab, die über sie hereinbrechen – ein ständiges Flackern zwischen Liebe, Verdrängung und aufkeimendem Entsetzen.
Zunächst zieht sie zu ihrer Mutter. Lange ist sie nicht in der Lage, ihr zu sagen, weshalb sie ausgezogen ist.
Lucy ist eine erfolgreiche französische Musikerin und mit ihrem österreichischen Mann Philip (Laurence Rapp), einem Filmemacher, gerade aufs Land gezogen. Zu Beginn improvisiert Lucy auf ihrem Flügel zu dem Hit »Would I Lie to You« von Charles & Eddie – bezeichnenderweise hinterfragt sie bei ihren Auftritten Popsongs von Männern mit verschiedenen Instrumenten. Einerseits falle es den meisten Männern schwer, über Gefühle zu reden, andererseits dominierten ihre Gedanken zu Liebe und Romantik die Charts, wird sie später in einem Interview sagen. »Würde ich dich anlügen?« wird zur Leitfrage des Films: Lucy liebt ihren Mann so sehr, dass sie sich an jeden Strohhalm klammert, um die Augen vor dem Verdacht gegen ihn zu verschließen.
Zu Beginn des Films sieht man nur einen liebevollen Vater, der seinem siebenjährigen Sohn Johnny ein Trampolin aufbaut und gelegentlich seine beiden Liebsten filmt. Dann steht eines Morgens die Polizei mit einem Durchsuchungsbefehl vor der Tür. Kommissarin Elsa Kühn – gegen den Strich besetzt von »Fack-ju-Göhte«-Darstellerin Jella Haase, die zu überzeugen weiß – beschlagnahmt Philips Festplatten.
Während Philip sofort zu wissen scheint, worum es geht, zeichnen sich auf Lucys Gesicht widerstreitende Gefühle ab, schließlich umarmt sie ihren ertappt wirkenden Mann – skeptisch beobachtet von der Kommissarin im Hintergrund. Erst als Lucy auf der Polizeiwache mit dem Aufzug in das ihr zugewiesene Stockwerk fährt und auf dem Schild »sexualisierte Gewalt gegen Kinder« liest, dämmert es ihr. Doch erst quälend spät reagiert sie darauf. Zunächst zieht sie zu ihrer Mutter, die von Catherine Deneuve gespielt wird. Lange ist sie nicht in der Lage, ihr zu sagen, weshalb sie ausgezogen ist.
Ist ihre Ehe nur ein hässliches Lügengebäude oder hat Philip doch nur für einen Dokumentarfilm recherchiert? Oder hat er es nur wegen des Geldes getan, damit sie sich das Haus auf dem Land leisten können? Ist der gemeinsame Sohn in Gefahr? Oder wurde ihm bereits etwas angetan? Eine Psychologin macht Lucy klar, dass sich das nie mit letzter Sicherheit wird klären lassen – eine grauenvolle Unsicherheit, die der Film nie auflöst, sondern aushält.
Warum hat Lucy selbst nie etwas bemerkt? Oder hat sie es einfach nicht wahrhaben wollen? Spät kommen ihr Erinnerungen, die sie womöglich hätten aufhorchen lassen sollen. Wo beginnt Mittäterschaft?
Dieselbe Frage nach der Mittäterschaft müsste sich eigentlich auch die Kommissarin Elsa stellen: Während sie gnadenlos Pädophile jagt, wird ihr demenzkranker Vater von einer polnischen Pflegerin betreut – und verhält sich dieser gegenüber respektlos und sexuell übergriffig. Als die Pflegerin kündigen will, bietet Elsa ihr mehr Geld an, statt sie zu schützen.
Judith Kaufmanns Kamera beobachtet die Frauen nur, es bleibt den Zuschauern überlassen, ihre Gedanken und Handlungen zu interpretieren. Gelegentlich befremdet ihr Verhalten, doch genau dieser Kniff führt dazu, dass man selbst stärker reflektiert: Wie würde man selbst sich verhalten? Wann hat man zuletzt über sexistische Witze peinlich berührt gelacht, statt sie anzuprangern? Hat man zugelassen, dass das eigene Kind vom Onkel umarmt wurde, obwohl es sich sichtlich unwohl fühlte? Ab welchem Punkt würde man sich selbst eingestehen, einen Menschen, den man liebt, überhaupt nie richtig gekannt zu haben? Wo beginnt Mittäterschaft? Das fragt der Film unerbittlich.
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Source: nd