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Serie »Familiengeheimnisse« | Die Burg zum Einsturz bringen
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Hauptsache nicht mein Kind, das ist der Wunsch aller Beteiligten in »Familiengeheimnisse«. Foto: SWR/Distinto Films/Quim Vives Ab wann Jugendliche für ihr Verhalten auch im Sinne des Strafrechts verantwortlich gemacht werden können, ist immer wieder Gegenstand gesellschaftspolitischer Debatten. Wie virulent das Thema ist und welch breites Interesse es hervorruft, zeigte der Vierteiler »Adolescence«, der es bei Netflix nach ganz oben in die Serien-Charts schaffte. Die im März angelaufene Serie gehört zu den meistgestreamten Inhalten auf Netflix überhaupt. »Adolescence« löste Debatten über die Schuldfähigkeit von Kindern aus (die in Großbritannien bereits ab dem 10. Lebensjahr gilt), aber auch über Misogynie, toxische Männlichkeit, die damit einhergehende Gewalt, die auch immer mehr von Jugendlichen ausgeübt wird, sowie die Rolle der sozialen Medien in diesem Zusammenhang.
Nun kommt mit »Familiengeheimnisse« (Originaltitel »Pubertat«) eine Serie aus Katalonien, die ebenfalls in diesem Spannungsfeld angesiedelt ist und in Spanien bereits Diskussionen über den Missbrauch Minderjähriger und die Rolle von Eltern bei der Aufarbeitung auslöste. Die unter anderem vom katalanischen Fernsehen und HBO produzierte sechsteilige Serie ist hierzulande auf Arte zu sehen. Wobei sie sich trotz thematischer Ähnlichkeiten sehr von »Adolescence« unterscheidet.
»Familiengeheimnisse« erzählt davon, wie schwierig es für Minderjährige sein kann, Missbrauch zu benennen und Täter zur Verantwortung zu ziehen.
Denn während es in dem britischen Drama um einen Mord geht, den ein Minderjähriger an einem gleichaltrigen Mädchen verübt, erzählt »Familiengeheimnisse« davon, wie schwierig es für minderjährige Betroffene sein kann, Missbrauch zu benennen und Täter zur Verantwortung zu ziehen.
Macherin der Serie ist die bereits 2019 für »Vida perfecta« in Cannes ausgezeichnete Leticia Dolera, die bei »Familiengeheimnisse« Regie führte, am Drehbuch mitschrieb und auch eine der Hauptrollen spielt. Ausgangspunkt ist eine Nacht während Sant Joan, der sommerlichen Sonnwendfeier, die in Spanien und Katalonien mit öffentlichen und privaten Partys inklusive Feuerwerk ähnlich wie Silvester begangen wird. Die vier Jugendlichen Pol, Roger, Steven und Manu sind seit Jahren eng befreundet, ebenso wie ihre Familien. Denn alle sind Mitglieder eines Castelles-Vereins, in dem Personen unterschiedlichen Alters zu menschlichen Pyramiden übereinander klettern, was in Katalonien ebenso Traditionspflege wie Sport ist. Die Idee dabei ist, dass die Älteren die Basis des »Castelles« (Burg) bilden, die Jüngeren klettern nach oben und rücken mit zunehmendem Alter nach unten. Alle verlassen sich aufeinander, um diesen generationsübergreifenden Balanceakt menschlicher Körper hinzubekommen.
Als die vier Jugendlichen im Alter von 13 und 14 Jahren an Sant Joan eine Pyjama-Party bei Pol (Ot Serra Bas), dem Unternehmersohn feiern, dessen Vater Marti (Xavi Saez) außerdem Vereinspräsident ist, konsumieren sie reichlich Alkohol, Hustensaft und Viagra. Zugedröhnt schauen sich die vier Kids jede Menge Pornos auf ihren Smartphones an. Mit zunehmendem Rausch beginnen sie zu tanzen, zu kuscheln, bis irgendwann Manu (Aina Martinez) aufwacht und merkt, dass etwas nicht okay ist. Was haben die drei Jungs im Rausch mit ihr gemacht? So genau weiß sie es auch nicht mehr. Aber sie fühlt sich schlecht. Als dann unter den Jugendlichen des Vereins auch noch ein Video von der Pyjama-Party auftaucht, das zeigt, wie sich Manu auf dem Bett zusammenrollt und sich die Jungs auf sie legen, wird klar, dass etwas vorgefallen ist.
Erst nach einigen Tagen kehrt bei Manu die Erinnerung zurück, während gleichzeitig das Gerücht einer Vergewaltigung im Verein die Runde macht. Als die Jungs befragt werden, schließlich auch von Jugendamt und Polizei, streiten sie alles kategorisch ab. Und alle Erwachsenen verharmlosen zunächst das Geschehene; es wären doch nur Kinder, deren Fantasie mit ihnen durchginge. Nicht anders reagiert die feministische Buchautorin Julia (Leticia Dolera), die alles tut, um ihren Sohn Roger (Bruno Bistuer Farre) zu schützen.
In »Familiengeheimnisse« geht es nicht um ein undurchdringliches Schweigekartell, auch wenn die drei Jungs lange nicht bereit sind auszusagen. Es geht vielmehr um die kollektive Bereitschaft, das Thema zu relativieren und eine Aufklärung der Ereignisse unmöglich zu machen. Der unter den Jugendlichen des Vereins viral gehende Vorwurf der Vergewaltigung kann durch kein explizites Bildmaterial unterfüttert werden. Alles sieht nach oberflächlicher Intimität aus. Und schließlich überbieten sich die Erwachsenen in ihren Beteuerungen, dass hier nichts Gravierendes vorliegt.
Aber wie es um die Sexualität von Minderjährigen steht, wo und wann Verletzungen stattfinden und Grenzen überschritten werden, damit will sich keiner der Erwachsenen befassen. Das passiert dann erst in einer Mediation, der alle Beteiligten nach langem Hin und Her zustimmen. Dieser fast gruppentherapeutisch anmutende Austausch geht zumindest auf die Bedürfnisse der 13-jährigen traumatisierten Manu ein.
»Familiengeheimnisse« zeigt eindrücklich, wie über verschiedene Generationen hinweg männliche Gewaltstrukturen reproduziert und weitergereicht werden. Die menschlichen »Burgen« im Castelles-Verein scheinen lange Zeit vor allem gesellschaftliche Machtgefüge zu zementieren, bis einige junge Frauen darum kämpfen, das Geschehene aufzuarbeiten.
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Source: nd