World · nd · · 2h
Russland | Boris Kagarlitzki: Die parasitären Gruppen selbst sind die Macht
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Der russische Soziologe Boris Kagarlitsky wurde auf die Liste der Terroristen gesetzt und sprach Ende 2023 bei einer Anhörung vor einem Militärgericht. Foto: Imago/ITAR-TASS Herr Kagarlitzki, Sie sitzen seit 2023 in einer Strafkolonie. Die russische Justiz hat Sie wegen Ihrer kritischen Haltung zum Ukraine-Krieg verurteilt. Vielleicht schildern Sie uns zu Beginn, wie Ihre Haftbedingungen sind.
Ich kam erst im Mai 2024 in die Strafkolonie. Davor war ich in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert: Syktywkar, Moskau, Twer und Rschew. Im Dezember 2023 wurde ich sogar für kurze Zeit auf freien Fuß gesetzt – die Behörden haben wohl gehofft, dass ich das Land verlassen würde. Aber ich war entschlossen zu bleiben und wurde wieder inhaftiert. Was die Haftbedingungen betrifft, variieren sie stark von einer Haftanstalt zur nächsten. Aber die Strafkolonie IK-4 in Torschok hat vergleichsweise milde Haftbedingungen. Ich weiß von der Situation vieler anderer politischer Gefangener, und die Umstände sind bei uns deutlich besser.
Boris Kagarlitzki, 1958 in Moskau geboren, ist Soziologe. Während des Studiums beschäftigte er sich mit dem – in der Sowjetunion verbotenen – »kritischen Marxismus« und wurde deswegen bereits 1980 von der Universität verwiesen. Wenig später wurde er wegen der Mitarbeit an einer linken Zeitschrift zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 blieb Kagarlitzki im Unterschied zu vielen anderen osteuropäischen Intellektuellen einer marxistischen Perspektive treu. Er gründete das »Institut für Globalisierungsstudien und soziale Bewegungen«, arbeitete in zahlreichen internationalen Netzwerken und war zuletzt am Entstehen des linken russischen Youtube-Kanals Rabkor beteiligt. Weil er 2022 die russische Invasion in der Ukraine verurteilte, wurde Kagarlitzki angeklagt, verhaftet und 2024 zu fünf Jahren Haft verurteilt. Zurzeit sitzt er in der Strafkolonie 4, etwa 250 Kilometer nördlich von Moskau. Dieses Interview wurde brieflich und unter Bedingungen der Zensur geführt. Zwar ging ihm ein inhaltlicher Austausch voraus, aber es war »nd« nicht möglich, auf Aussagen Kagarlitzkis mit Gegenfragen zu reagieren. Dadurch bleiben einzelne Aussagen etwas unvermittelt stehen. Vermittelt und ermöglicht wurde das Gespräch durch Dmitrij Poschidajew. Der Entwicklungsökonom hat, vor allem seit der Inhaftierung Kagarlitzkis, immer wieder gemeinsame Forschungs- und Debattenbeiträge mit dem politischen Gefangenen initiiert und veröffentlicht. »nd« dankt Poschidajew für diese unermüdliche Solidaritätsarbeit.
Bei Ihnen wird die Kommunikation mit der Außenwelt nicht unterbunden und Sie haben zuletzt sogar Artikel veröffentlicht. Interessiert sich die Gefängnisleitung nicht für politische Ansichten, wenn bestimmte Grenzen der Kritik nicht überschritten werden?
Formal ist die Zensur gemäßigt und klar festgelegt: Du darfst keine Fluchtpläne diskutieren, keine persönlichen Informationen über das Gefängnispersonal weitergeben oder Drohbriefe an Menschen verschicken, die in Freiheit sind. Selbstverständlich interpretieren Zensoren an verschiedenen Orten ihre Pflichten unterschiedlich. Ich habe gehört, dass in anderen Haftanstalten sogar völlig harmlose Dinge in Briefen geschwärzt wurden. Aber hier geschieht das nicht. Und in Selenograd war die Zensorin eine gebildete Frau, die gelegentlich vorbeikam, um mit mir die in meiner Korrespondenz aufgeworfenen philosophischen und historischen Fragen zu diskutieren.
In einem Interview, das Sie vergangenes Jahr per Audio mit dem russischen Medienkanal Rabkor führten, haben Sie berichtet, dass den Gefangenen häufig eine Haftverschonung angeboten wird, wenn sie sich im Gegenzug für eine Teilnahme an der »Spezialoperation« in der Ukraine entscheiden. Haben sich Russlands Gefängnisse in den vergangenen Jahren geleert?
Jeden Monat werden die Statistiken der Strafkolonie für jeden einsehbar veröffentlicht. Als Soziologe finde ich das extrem interessant. Als ich im Mai 2024 hierherkam, verließen jeden Monat 35 bis 40 Insassen die Kolonie, um sich der »militärischen Spezialoperation« anzuschließen, wie die offizielle Bezeichnung lautet. 2023 sollen es 200 gewesen sein. Vergangenes Jahr war die Zahl bereits auf acht bis zwölf Personen pro Monat gefallen. Dieses Jahr waren es nie mehr als vier. Gewöhnlich sind es ein oder zwei, aber es gibt auch Monate, in denen sich niemand meldet.
»Die Kriege reflektierten die systemischen Widersprüche des globalen Kapitalismus.«
In den vergangenen Jahren gab es in der internationalen Linken zwei Lesarten von den Verhältnissen in Russland. Die einen hielten das Land für die »größte autoritäre Gefahr der Gegenwart« und glaubten sogar der liberalen Erzählung, wonach Putin hinter Donald Trump stecken soll. Im Globalen Süden hingegen überwiegt die Einschätzung, dass Russland ein Opfer der Nato sei und der Konflikt in der Ukraine vom Westen provoziert worden sei. Sie teilen beide Analysen nicht. Können Sie uns Ihre Interpretation skizzieren?
Die Debatte über den Charakter des Krieges spiegelt weitgehend die Argumente wider, die während des Ersten Weltkriegs 1914 bis 1918 ausgetauscht wurden. Bekanntlich hat ein Teil der Linken damals den eigenen Imperialismus unterstützt. Wir erinnern uns gut an die Rolle, die die deutsche Sozialdemokratie damals spielte. Der russische Sozialdemokrat Georgi Plechanow hingegen unterstützte den Zarismus. Wieder andere, so etwa der Führer der russischen Menschewiki Julius Martow, vertraten den Standpunkt, beide Seiten sollten »die Pest bekommen«.
Lenin stellte sich die Frage grundlegend anders. Für ihn war der entscheidende Punkt nicht, welcher Imperialismus die größere Verantwortung für den Kriegsausbruch trug, sondern wie die Situation zugunsten der Revolution genutzt werden könnte. Offenkundig eröffnete die Niederlage des Zarismus die Möglichkeit für eine revolutionäre Veränderung in Russland. Aus diesem Grund wurde Lenin als »Defätist« bezeichnet. Aber er hat niemals das deutsche Kaiserreich unterstützt, auch wenn ihm seine Gegner in verleumderischer Absicht das vorwarfen. Lenins Position scheint mir heutzutage sehr relevant zu sein.
In Ihrem 2007 veröffentlichten Buch »Empire of the Periphery« schreiben Sie, Russland habe in seiner Geschichte zwar immer wieder eine imperialistische Politik verfolgt, doch diese Expansion sei letztlich von ökonomischer Schwäche getrieben gewesen. Von Westeuropa wurde Russland imperialistisch durchdrungen, betrieb in Asien aber selbst Kolonialpolitik. Kann man das so zusammenfassen?
Ja, genau so würde ich das beschreiben. Es ist wichtig anzumerken, dass Russland nach den Niederlagen im Krimkrieg des 19. Jahrhunderts, dem russisch-japanischen Krieg von 1904 bis 1905 und schließlich dem Ersten Weltkrieg stets eine Phase soziopolitischer Transformation durchlebte. Genauso wichtig ist zu begreifen, dass diese Kriege keineswegs das Ergebnis schlechter Absichten einzelner Herrscher waren. Sie reflektierten vielmehr die systemischen Widersprüche des globalen Kapitalismus und die internen, ebenfalls systemischen Krisen des in Russland herrschenden Regimes. Und genau das ist auch extrem wichtig, wenn wir den Konflikt der Gegenwart verstehen wollen. Immer wieder wird dasselbe Drehbuch durchgespielt, auch wenn unsere Zeit natürlich Eigenheiten aufweist.
Wie müsste eine Imperialismusanalyse heutzutage aussehen? Wenn ich Sie recht verstehe, ist es entscheidend, nicht einfach das Vorgehen von Putin oder Trump zu kritisieren, sondern an einem materialistischen Imperialismusbegriff festzuhalten. Was würde das für das Russland der Gegenwart bedeuten?
In meinem Buch »From Empires to Imperialism« habe ich versucht, die Unterschiede zwischen diesen Phänomenen und Konzepten zu erklären. Imperialismus setzt eine besondere Kapitalstruktur und ein dazugehöriges Akkumulationsregime voraus, in dem der Staat eng mit den führenden monopolistischen Konzernen verbunden ist. Dies wiederum formt das Verständnis, das die herrschenden Gruppen vom Nationalinteresse besitzen. Aber Expansion, Eroberung und Herrschaft dienen keineswegs immer als Instrumente, um Kapital zu akkumulieren oder Märkte für Unternehmen zu sichern. Die Politik wird auch dadurch bestimmt, was wir als tendenzielle Interessen der herrschenden Gruppen bezeichnen können. In dieser Hinsicht ist Russland ein sehr interessanter Fall. Seine Rohstoffkonzerne sind extrem wohlhabend, aber strukturell, technologisch und organisatorisch schwach. Der Staat versucht, sich wie eine normale imperialistische Macht zu verhalten – allerdings eher wie eine des 19. denn des 20. Jahrhunderts –, die Territorien besetzt und Einflusssphären verteidigt. Gleichzeitig fehlen dem Land die Ressourcen dafür. Man könnte diese Situation als »gescheiterten Imperialismus« bezeichnen.
»Russlands Verwundbarkeit ist nicht politischer, sondern ökonomischer Natur.«
In welchem Verhältnis stehen die bewaffneten Konflikte Russlands in Georgien und der Ukraine eigentlich zu den wirtschaftlichen Krisen des Landes? Sie haben gerade ja schon angedeutet, dass sich an der abhängigen Entwicklung Russlands, vor allem an seiner Abhängigkeit von Rohstoffexporten, trotz des verstärkten Nationalismus nichts geändert hat. Inwiefern hängt die russische Geopolitik mit der ökonomischen Schwäche zusammen?
Ja, Russlands Verwundbarkeit ist nicht politischer, sondern ökonomischer Natur. Die herrschenden Kreise konsumieren parasitär die von der Sowjetunion geerbten Ressourcen. Übrigens lässt sich dasselbe auch über die Ukraine sagen. Nach dem Beginn des Kriegs 2022 gab es in Russland einige Modernisierungs- und Re-Industrialisierungsversuche, vor allem im Rüstungsbereich, aber nicht nur dort. Diese Anstrengungen sind jedoch nicht in erster Linie wegen der technologischen Rückständigkeit, über die so häufig gesprochen wird, ins Stocken geraten, sondern wegen der strukturellen Interessen der herrschenden Elite. Es ist unmöglich, das Land zu modernisieren, ohne diese parasitären Gruppen von der Macht zu entfernen. Das Problem ist allerdings: Sie selbst sind die Macht.
Unter »Imperialismus« wurde lange Zeit das verstanden, was Sozialist*innen Anfang des 20. Jahrhunderts in etwa so beschrieben: Das Kapital wird durch den Wettbewerb zu Monopolen konzentriert, dabei verschmelzen Industrie- und Finanzkapital. Weil die einheimischen Märkte zu klein werden, expandiert das Monopolkapital mit staatlicher Unterstützung nach außen, und gerät dabei in Konflikt mit anderen nationalstaatlich organisierten Monopolkapitalen. Der Kapitalismus weist heutzutage wichtige Unterschiede dazu auf: Produktionsnetzwerke und Finanzkapital sind viel stärker transnational organisiert als um 1900.
Transnationale Verflechtungen gab es durchaus auch vor dem Ersten Weltkrieg, allerdings nicht in gleichem Ausmaß wie derzeit, das ist richtig. Der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein hat überzeugend dargelegt, wie der Kapitalismus zunächst als Weltökonomie entsteht und erst auf dieser Grundlage nationale Kapitalismen entstanden. Der Krieg in der Ukraine belegt gewissermaßen beides: sowohl die Unvermeidbarkeit von Konflikten als auch das Ausmaß der gegenseitigen Abhängigkeit. Die Frage ist jetzt: Warum dauert er so lange? Am Anfang des Krieges sprachen russische Staatsideologen gerne von der Schwäche des Westens. Diese Situation hat sich nun geändert, und Westeuropa wirkt – zumindest aus russischer Sicht – nicht mehr schwach. Andererseits erscheint der Westen auch nicht geeint.
Inszenierung des russischen Imperialismus: Putin (hinten, mittig) leitet eine Sitzung des Rates für strategische Entwicklung und nationale Projekte. Foto: AFP/Gavriil Ggrigorov Meiner Ansicht nach sahen die westlichen Eliten in den Jahren 2022 bis 2024 keine Notwendigkeit, ihre russischen Nachbarn zu bekämpfen. Trotz aller Rhetorik über das Regime Putins kamen sie mit diesem Regime recht gut zurecht. Sie verfolgten eine Politik, die Russland zur Vernunft bringen sollte. Nach dem Motto: »Ihr habt einen Fehler begangen, als ihr die Ukraine angegriffen habt. Wir werden euch dafür nicht streng bestrafen, aber wir müssen ein wenig Druck auf euch ausüben, damit ihr die Absurdität der Situation erkennt.« In Russland wurde dies jedoch als Schwäche interpretiert.
Ende 2025 gingen die Europäische Union und Großbritannien zu einem härteren Vorgehen über, obwohl ihnen klar war, dass ein möglicher Regimewechsel in Russland sozioökonomische Folgen haben könnte, die für die Herrschenden in Europa absolut nicht erfreulich sein würden. Die Trump-Regierung hingegen setzt weiter auf Überzeugungsarbeit – unter anderem, weil sie Europa und China für die eigentlichen Probleme hält und Russland potenziell gegen beide einsetzen könnte. Doch das wird nicht funktionieren.
»Ohne den Staat kann es keine stabilen Märkte geben.«
Aber warum verschärfen sich die nationalen Konflikte überhaupt so stark? Marxistische Autoren wie Costas Lapavitsas und William I. Robinson haben betont, dass die Transnationalisierung des Kapitals trotz der Konflikte weiter anhält. In diesem Sinne verwalten in den USA angesiedelte Fonds russisches, arabisches und sogar chinesisches Kapital. Warum vertiefen sich dann trotzdem Konflikte zwischen diesen Staaten?
William Robinson und ich haben über diese Frage viel diskutiert. Natürlich hat sich mit Blick auf das transnationale Kapital viel verändert. Aber transnationale Konzerne verfügen nicht über die Institutionen, die es ihnen ermöglichen würden, Gebiete und Bevölkerungen zu kontrollieren. Sie haben keine Armeen, Polizeikräfte oder Gerichte, sie steuern die Entwicklung der Grundlagenforschung nicht, ohne die die technologischen Entwicklungen und sogenannten »Innovationen« unmöglich wären.
Libertäre kritisieren Linke gern dafür, dass sie iPhones verwenden. Dabei vergessen sie, dass nach Schätzungen mindestens ein Drittel der im iPhone verwendeten Technologien aus öffentlich geförderter Forschung stammt. Ohne den Staat kann es keine stabilen Märkte und dementsprechend auch keinen Kapitalismus geben. Der in den 1990er und 2000er Jahren so populäre Slogan von der »Ohnmacht des Staats« diente in erster Linie dazu, eine staatliche Politik zu verschleiern, die die sozialen Errungenschaften der arbeitenden Bevölkerung abwickeln sollte. In seinem Buch »Technofeudalismus« beschreibt Yanis Varoufakis den Aufstieg von Unternehmensgruppen, die an bestimmte Staaten und Regionen gebunden sind: an die USA, China und Westeuropa, das er für bedeutend schwächer hält. Ich mag den Buchtitel allerdings nicht. Mit »Feudalismus« hat das nichts zu tun. Es wäre passender, von Techno-Imperialismus zu sprechen. Aber es gibt auch eine gesellschaftliche Dimension des Problems. Anders als viele erwartet haben, ist keine transnationale Bourgeoisie entstanden. Zugleich sind die nationalen Institutionen der Bourgeoisie schwächer geworden, ihre Netzwerke weniger dicht und die Interessen der herrschenden Klassen auf nationaler Ebene weniger gefestigt. Ich würde sagen, dass wir seit den 1990er Jahren und vielleicht schon etwas früher eine Art Deklassierung der Bourgeoisie beobachten können. Der Ökonom André Gunder Frank verwendete in den 1960er Jahren für Lateinamerika den Begriff der »Lumpenbourgeoisie«. Dieses Phänomen hat sich verbreitet. Und Russland ist ein extremer Fall. Die gesamte herrschende Klasse hier hat eine »Lumpenisierung« durchlaufen.
In Deutschland bekommt man von der Stimmung in Russland nicht mehr viel mit. Wie blickt die russische Bevölkerung auf den Westen? Glauben die Menschen der Regierungsrhetorik, dass der Westen Russland überfallen will?
Die russische Gesellschaft ist heterogen, wie jede andere auch. Es gibt ein breites Spektrum an Überzeugungen – von der Idealisierung des Westens bis zu seiner Dämonisierung. Doch ich bin noch niemandem begegnet, der den Westen für eine unmittelbare Bedrohung halten würde. Die Nationalisten tendieren dazu, den Westen als Träger inakzeptabler Werte und daher als etwas zu betrachten, das im Idealfall zerstört werden sollte. Oder dem man zumindest so viel Schaden wie möglich zufügen sollte. In der Linken gibt es hingegen eine rationale Analyse des Imperialismus. Und der intellektuelle Einfluss der Linken hat selbstverständlich spürbar zugenommen.
Und was hält die russische Gesellschaft von China? Im Ausland wird oft von einem chinesisch-russischen Bündnis gesprochen, aber vermutlich ist China vielen Russ*innen genauso fern wie der Bevölkerung in Deutschland.
Die Angst vor einer chinesischen Expansion ist in der russischen Gesellschaft ziemlich weit verbreitet. Manchmal ist sie rational: China kauft Ressourcen für einen Spottpreis auf, chinesische Unternehmen fördern die rücksichtslose Zerstörung von Wäldern und so weiter. Manchmal ist die Furcht aber auch irrational. Als ich in Irkutsk arbeitete, stellte ich fest, dass es dort viele Menschen gab, die glaubten, die Chinesen planten, das gesamte Wasser aus dem Baikalsee abzuzapfen und zu trinken.
Neben der Kriegsbereitschaft wächst überall in der Welt auch der Einfluss autoritärer Bewegungen. Wie erklären Sie sich das?
Das neoliberale Modell des Kapitalismus hat sich erschöpft. Das zeigte sich bereits während der Großen Rezession 2008 bis 2010. Doch die Herrschenden weigerten sich, ihren Kurs zu modifizieren oder gar grundlegend zu ändern. In der Folge kollabierte die liberale Mitte und mit ihr die »gemäßigte« Sozialdemokratie. Das Problem ist jedoch nicht hierin begründet, sondern in der Schwäche einer linken Alternative, die dieselben Liberalen und Rechtssozialdemokraten zu Beginn des 21. Jahrhunderts politisch marginalisierten. Das entstandene ideologische und politische Vakuum wurde vom Rechtspopulismus gefüllt. In Ermangelung echter, substanzieller Alternativen sind die Institutionen der parlamentarischen Demokratie im Kontext der Krise nutzlos geworden. Vor diesem Hintergrund ist leicht zu verstehen, warum gewöhnliche Menschen von der Demokratie desillusioniert sind. Paradoxerweise ist die Lage in Russland besser. Die einfachen Russen sind vom Autoritarismus desillusioniert.
»Ich finde den Vergleich mit 1914 sehr berechtigt.«
Wie erleben Sie eigentlich die Konfrontation zwischen Menschen aus der Ukraine und Russland? Ist es für Sie wie eine Wiederholung der Tragödie von 1914, als sich die Arbeiterklasse vom nationalistischen Rausch der Herrschenden mitreißen ließ, oder sind Vergleiche dieser Art wenig hilfreich?
Ich finde den Vergleich mit 1914 sehr berechtigt. Allerdings gab es in Russland 2022 bis 2023 keine Kriegsbegeisterung, wie sie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Deutschland, Frankreich oder im Russischen Zarenreich zu beobachten war. Stattdessen waren Verwirrung und eine Art fatalistische Unterwerfung unter den Staat zu beobachten: »Man hat uns gesagt, wir müssen kämpfen, also kämpfen wir.« Darüber ging es nicht hinaus. Ein Drittel der Bevölkerung war von Anfang an gegen den Krieg, was die große Zahl politischer Gefangener ohne jede Verbindung zu oppositionellen Parteien und Organisationen erklärt.
In der Ukraine sieht die Lage etwas anders aus. Auch hier ist es möglicherweise hilfreich, sich an den Ersten Weltkrieg zu erinnern. Als deutsche Truppen 70 Kilometer vor Paris standen, war es ziemlich schwierig, eine Anti-Kriegs-Agitation zu betreiben. Der imperialistische Charakter des Krieges wurde in Frankreich erst im Nachhinein deutlich. Mein Eindruck ist, dass in der ukrainischen Gesellschaft heutzutage etwas Ähnliches geschieht.
In den USA werden sozialistische Positionen auf einmal wieder öffentlich sichtbar. In Europa zerbröckelt das Regime der neoliberalen Mitte. Wie ist die Lage in Russland: Haben Sie Hoffnung auf Wandel?
Ich beobachte die Erfolge der amerikanischen Linken mit Bewunderung. Obwohl die Democratic Socialists of America (DSA) lange Zeit eine eher marginale Organisation waren und sich linke Intellektuelle in New York oder Berkeley darüber beklagten, dass die Gesellschaft sie nicht verstehe, gewinnen die DSA jetzt Vorwahlen und haben es geschafft, die Bürgermeisterwahlen in New York zu gewinnen. Ich weiß nicht, wie sich Mamdanis Karriere in Zukunft entwickeln wird, aber im Augenblick ist er einfach großartig.
Verglichen damit gibt die europäische Linke ein deutlich weniger ermutigendes Bild ab. Dennoch ist ein Sieg der extremen Rechten keineswegs unvermeidlich. Der Hauptkampf steht uns noch bevor. Und tatsächlich entwickelt sich die Linke zur Hauptkraft bei der Verteidigung der Demokratie. Doch sie braucht viel ernstere und radikalere sozioökonomische Programme. Die Linke hat das Thema des öffentlichen Eigentums aus den Augen verloren und den Kampf für strukturelle Reformen durch die Verteidigung von Minderheitenrechten ersetzt. Leider nützt diese Politik selbst den Minderheiten und Migranten letztlich wenig, von denen die meisten ja nicht nur unter Diskriminierung, sondern auch unter der ökonomischen Krise leiden.
Wie sind nun die Aussichten für die Linke in Russland?
Das werden wir schon bald sehen, wenn das Scheitern der derzeitigen Politik zu einer offenen Krise führt. Ich kann nicht behaupten, dass wir darauf vorbereitet wären. Es ist nicht möglich, sich auf solche Ereignisse wirklich vorzubereiten. Und doch sind wir besser vorbereitet als jede andere politische Strömung in Russland.
Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.
Dank der Unterstützung unserer Community können wir:
→ unabhängig und kritisch berichten → Themen ins Licht rücken, die sonst im Schatten bleiben → Stimmen Raum geben, die oft zum Schweigen gebracht werden → Desinformation mit Fakten begegnen → linke Perspektiven stärken und vertiefen
Mit »Freiwillig zahlen« tragen Sie solidarisch zur Finanzierung unserer Zeitung bei. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd