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Rezeptionsgeschichte von Georg Lukács | Philosophische Neulektüren
»Lukács Werke 3.2« untersucht die globale Rezeption und aktuelle Relevanz des marxistischen Klassikers.
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Der marxistische Philosoph und Literaturwissenschaftler Georg Lukács in seiner Wohnung, Budapest 1969. Foto: picture alliance / akg-images / Károly Forgács Die Dominanz der Kritischen Theorie hierzulande und in den westlichen Ländern überhaupt hat eine angemessene Rezeption von Georg Lukács, dem Klassiker der marxistischen Philosophie, sehr erschwert. Adornos Verdikt gegen den angeblich angepassten Dogmatiker spielt dabei bis heute eine unrühmliche Rolle. Das umstrittene Interesse, das sein bekanntestes Werk »Geschichte und Klassenbewusstsein« bei den rebellierenden Student*innen von 1968 weckte, relativierte zweifellos den Schaden und sicherte ihm einen besseren Platz im marxistischen Gedächtnis. Gegen die Marginalisierung Lukács’ will die Internationale Georg-Lukács-Gesellschaft (IGLG), die in diesem Jahr ihren 30. Geburtstag feiert, auf seinen Stellenwert als – neben Gramsci – wichtigsten Philosophen der Praxis aufmerksam machen, wie es in Lateinamerika bereits der Fall ist.
Frucht und Bestandteil dieser Bemühungen ist der 20. Sammelband der IGLG: »Lukács Werke Band 3.2«, der vor einigen Monaten erschien. Er versammelt Beiträge aus den Jahren 2024/25. Als besonderes Merkmal der IGLG-Publikationen ist hervorzuheben, dass dahinter kein akademischer Ad-hoc-Zusammenschluss steht, sondern eine lebendige, im kontinuierlichen Dialog stehende Gemeinde, die seit drei Jahrzehnten existiert und jedem Lukács-Forscher eine generationen- und länderübergreifende Diskussionsplattform bietet.
Das Buch versammelt Beiträge von 17 Lukács-Forschenden aus verschiedenen Ländern. Die breite thematische Vielfalt und der unterschiedliche Wissenschaftsstil der Beiträge ermöglichen eine anregende Lektüre. Dabei gelingt es dem Autor und Herausgeber Rüdiger Dannemann sehr gut, die Neugier der marxistisch interessierten Leserin über die 300 Seiten hinweg wachzuhalten. Grob lassen sich im Sammelband drei Stränge unterscheiden: philosophische Neulektüren, ein Dossier zum Jahr 1923 und seinem Nachleben um das Ereignis 1968 sowie Berichte über die Rezeption unter Verfolgungsbedingungen.
Den drei Strängen steht die Einleitung Rüdiger Dannemanns vorweg. Seine Eröffnung des Bandes bietet eine Zeitdiagnose, der zufolge die drohende Faschisierung und die Ausweitung der Kriegslogik (und der Kriegsrealität) unserer Zeit eine Rückkehr zu den Begrifflichkeiten des ungarischen Philosophen über das Wesen des Kapitalismus und dessen Verwerfungen bitter nötig machen. Auf die Analyse der aktuellen Lage folgt eine Bestandsaufnahme der internationalen theoretischen Literatur zum Werk von Lukács, bevor ein Text von Lukács selbst den Auftakt zur eigentlichen Diskussion bildet.
Bei diesem Text handelt es sich um das Vorwort zur wegweisenden Monografie »Alltagsleben« der Schülerin Lukács’ und später bedeutenden ungarischen Philosophin Agnes Heller. Lukács verfasste es im vorletzten Jahr seines Lebens. Das Vorwort geht von der Beziehung zwischen Teil und Ganzem aus, zwischen der »Partikularität« des Einzelnen und der »Gattungsmäßigkeit« des Menschen. Dies ist ein Thema, das Philosoph*innen des 20. Jahrhunderts wie Henri Lefebvre, Bewegungen wie das internationale 1968 und schließlich auch die marxistisch-feministische Debatte über das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem gleichermaßen beschäftigte.
Der Text behandelt die Frage, ob das Alltagsleben Gegenstand der Philosophie sein soll, und beantwortet sie positiv. Zugleich weckt er über die Grenzen der Philosophie hinaus bei der Leserin unweigerlich Gedanken über das Leben, das wir führen: Lässt das de facto kapitalistisch organisierte Leben das Kollektive zu – und inwieweit gelingt es diesem, Risse in der kapitalistischen Welt zu öffnen?
Lassen sich die Einsichten der marxistischen Philosophie in sinnvolles organisiertes Handeln übersetzen?
Der Stil der Beiträge wird den unterschiedlichsten Vorlieben gerecht. Die philosophisch versierte Leserin wird Beiträge entdecken, die Lukács mutigerweise nicht »beim Wort nehmen«, wenn es um seine selbstkritischen Äußerungen über das Frühwerk geht. Dabei fühlt man sich nebenbei an Louis Althusser erinnert, der die Lesenden dazu aufrief, die Texte jenseits der angekündigten Absichten ihrer Autor*innen – sprich: systematisch – zu rekonstruieren.
Dieser erste Strang der Sammelbandtexte enthält demgemäß einerseits Beiträge, die in ihrer Absicht übereinstimmen, der Vorstellung einer scheinbaren Diskontinuität des Lukács’schen Werkes dessen durchgehenden Kern entgegenzustellen. So geht Konstantinos Kavoulakos’ Beitrag unter anderem der Geschichtsauffassung des Philosophen nach und stellt sowohl beim jungen Lukács von »Geschichte und Klassenbewusstsein« als auch beim späten Lukács der »Ontologie« ein Verständnis der Geschichte als »Werden«, als »dialektisch strukturierten Prozess der Entstehung des Neuen« fest.
Ähnlich liest Matthew J. Smetona Lukács’ Spätwerk, insbesondere die oft als stalinistische Anpassung abgetanen Realismus-Schriften, als Fortsetzung von »Geschichte und Klassenbewusstsein«. Durchgängig gehe es hier um die Kritik der Verdinglichung vom Standpunkt der dialektischen Totalität. Andererseits finden sich Beiträge, die Lukács’ Begriffe kritisch prüfen oder auf neue Gegenstände anwenden.
Daniel Göcht hält den Arbeitsbegriff der »Ontologie« für zu sehr auf das zwecksetzende Bewusstsein fixiert; Spyridon Potamias liest Arnold Schönbergs Musik mit den Kategorien von »Geschichte und Klassenbewusstsein«, und Konstantin Baehrens berichtet vom »Lukács-Marathon« im Rahmen der Historical-Materialism-Konferenz 2023 in Athen – organisiert von Mariana Teixeira und Victor Strazzeri –, bei dem das Buch von zehn Forschenden aus sieben Ländern Aufsatz für Aufsatz neu gelesen wurde.
Die anspruchsvolle Arbeit der Begriffsanatomist*innen wird ergänzt durch eine nicht weniger komplexe, aber intellektuell zugänglichere Reise durch die »janusgesichtige« Weimarer Zeit um das Jahr 1923 und ihr Nachleben um 1968. Diese Beiträge finden sich in der zweiten Hälfte des Bandes im »Dossier: Sattelzeit – 100 Jahre »Geschichte und Klassenbewusstsein«, das aus einer Konferenz zum 100-jährigen Jubiläum des Werkes im Jahr 2023 hervorgegangen ist.
Patrick Eiden-Offe, Mitorganisator jener Konferenz, deutet 1923 in seiner Einleitung als »Sattelzeit der Revolution«, in der kultureller Aufbruch und politische Niederlage zusammenfallen. Caroline Adler und Sophia Buck zeigen in ihren Beiträgen, wie Walter Benjamin Lukács »gegen Lukács« las, während Morten Nissen sowie Eva Heubach und Philipp Weber ihn mit Carl Schmitt und Sigmund Freud konfrontieren. Amália Kerekes rekonstruiert den Entstehungskontext des Buches im Malik-Verlag. Nicht zuletzt verfolgen Moritz Neuffer und Johanna-Charlotte Horst dessen Nachleben um 1968 bei Karl Korsch und Georges Perec.
Der Band schließt thematisch mit einem Rückblick auf die Lukács-Rezeption unter Bedingungen von Verfolgung. Dabei geht es zum einen um die Bemühungen der spanischen Marxisten, die während der Franco-Diktatur nach Mexiko vertrieben wurden und laut Diego Fernando Correa Castañeda Lukács’ Werk aus dem Exil heraus übersetzten und im Spanien der Diktatur verbreiteten. Auch in Kolumbien konnte es nur im Verborgenen gelesen werden. Hassan Maarfi Poor zeichnet zum anderen die iranische Rezeption Lukács’ unter dem Schah und in der Islamischen Republik nach; die Lesarten sind umkämpft unter verfolgten Kommunisten, akademischen Liberalen und regimenahen Akteuren.
Die letzten Seiten sind dem Andenken an den marxistischen Philosophen Erich Hahn gewidmet, der bis 1989 Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rates für marxistisch-leninistische Philosophie in der DDR war und im Sommer 2025 verstorben ist. Rüdiger Dannemann skizziert Hahns Verbindung zur IGLG seit Ende der 90er Jahre und die zu erwartende Zurückhaltung der Gesellschaft angesichts der politischen Vorgeschichte des DDR-Funktionärs.
Lange hatte Hahn Lukács ablehnend gegenübergestanden; 1956 überlegte er mit Gleichgesinnten sogar kurz, nach Budapest zu gehen, um der dortigen »Konterrevolution« entgegenzutreten. In den späten 90er Jahren entdeckte er jedoch zunächst die »Ontologie« und dann »Geschichte und Klassenbewusstsein« für sich und vollzog einen philosophischen Neubeginn. Dabei verstand er Lukács’ Entwicklung als ständigen Lernprozess hin zur Wiedergewinnung des ursprünglichen Marxismus.
Herausgeber Rüdiger Dannemann schrieb der Verfasserin auf Nachfrage: »Zu hoffen ist auf eine Weiterentwicklung von Lukács’ Theorie der Verdinglichung zu einer wirksamen Zeitdiagnose unserer schönen neuen digitalen Welt.« Tatsächlich stellt sich letztendlich die Frage, ob Lukács’ Philosophie, aber auch die marxistische Philosophie insgesamt 100 Jahre später noch einen Beitrag zur kritischen Analyse des heutigen Kapitalismus leisten können – und ob sich ihre Einsichten in sinnvolles organisiertes Handeln übersetzen lassen.
Was Letzteres betrifft, lässt sich festhalten, dass »Geschichte und Klassenbewusstsein« in komplexer philosophischer Sprache verfasst war und darauf abzielte, die bürgerliche Philosophie seiner Zeit durch die Kritik an den verdinglichten Verhältnissen zu überwinden, die die kapitalistische Warenökonomie zwangsläufig hervorbringt. Beenden wollte Lukács das Werk dennoch – oder gerade deshalb – mit einem Aufsatz über die Organisationsfrage.
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