Politics nd
Regionalliga Nordost | Fußball und Politik: Wunsch-Siege und Wahl-Ergebnisse
Im Osten steigt das Aufstiegsgerangel in vollen Stadien – bis es blaugelbweiße Rosen regnet. Kolumnistisches Lob erfährt auch die Zivilgesellschaft.
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Mit speziellem Zauber würde Jenas Elias Löder wohl selbst im Liegen das entscheidende Tor erzielen. Foto: imago/Bild13 Man traut sich dieser Tage kaum ein Auge zuzudrücken, zu wirkmächtig sind die Spiele der Aufstiegskandidaten im Nordosten, zu nah liegen die ersten sieben Teams in der Tabelle nebeneinander. Jeder Spieltag kann einen neuen Tabellenführer hervorbringen, hohe vierstellige Zuschauerzahlen sind die Regel in Ostdeutschland.
Am Wochenende verlor Tabellenführer Chemnitz daheim gegen Magdeburgs zweite Mannschaft, jüngst hatten die Sachsen beim BFC Dynamo noch ein Unentschieden erkämpft. Weil sowohl Halle gegen Lok Leipzig als auch Carl Zeiss Jena gegen den BFC remis spielten, konnten sich die rotweißen Blumenstädter mit einem Auswärtssieg in Greifswald zurück an die Spitze der Regionalliga kämpfen. Im Erzgebirge hängen die Trauben etwas tiefer, ein Sieg in Zwickau heilte viele offene Wunden und brachte Absteiger Aue auf Platz sieben zurück ins Aufstiegsgerangel.
Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.
Scherz, List und Rache werden vonnöten sein, doch wir haben das große Glück, dieses Spektakel in unseren Alltag einzupflegen. Bereits am nächsten Wochenende darf Jena in Aue antreten. Ob dann bereits Eisblumen wachsen und die Freundinnen und Freunde der Holzzipfelmütze mein geliebtes Carl Zeiss fängisch stellen? Grusel und Graus, ich werde auf der Couch dabei sein und unsichtbare Wellen gen Erzgebirge zaubern: »Ein Ring, sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.« Mein Zauber kommt nie zu spät. Ebenso wenig nie zu früh. Er kommt dann an, wenn es genau richtig ist: 1:0 für Jena durch Elias Löder in der fünften Minute der Verlängerung in der Arena von Aue.
Es geht spannend zu, noch haben wir luftige 20 Spieltage vor uns, bevor es im Mai heißt: »Finita la commedia.« Aber bis dahin: Hoch die Tassen, unser Blut ist Fußballschmerz, Liebe und Ironie soll unsere tägliche Botschaft an die Menschheit heißen! Außerdem: Es ist manches gut in der Welt, beispielsweise die Wahlergebnisse in Brasilien und Serbien. Bis vor wenigen Tagen hatte Lula in Brasiliens Stichwahl keine Chance, nun zeigt er den Bolsonaros die Siegerfaust. Auch in Serbien wurde der Autokrat Vučić von der Zivilgesellschaft abgewählt.
Fehlt nur noch ein Tritt in Trumps mächtigen Hintern in der übernächsten Woche, und wir können uns ganz auf den Fußball konzentrieren. Wenn nun noch der DFB im November das Kompassmodell beschließt – und fortan die vier Regionalligen jeweils ihren Meister in die 3. Liga entsenden können, kehrt Zufriedenheit in die erzürnten Hirnkästen der Fans ein.
Für meine Fußballleidenschaft habe ich heute eine einfache Erklärung. Ich treffe mich gern mit Freundinnen und Freunden an der frischen Luft. Ich bin neugierig auf fremde Menschen und Kulturen. Mich interessiert Stadionarchitektur, ich liebe leidenschaftliche Fangesänge, gepflegte Provokationen und formidable Pyrotechnik. Ich höre auf der Auswärtsfahrt gern Morrissey und Schleimkeim. Was kann es Schöneres geben, als mit einem guten Kaffee in der Faust zum Stadion zu eilen, um dem geliebten Verein beim Fußballspielen zuzujubeln?
In diesem Sinne, seid umschlungen Millionen – und lasst es blaugelbweiße Rosen regnen!
Dieser Artikel hat dich nichts gekostet. Uns schon: Recherche, Produktion und Technik. Wir haben bei der Büromiete sowie bei Druck und Vertrieb gespart. Und wir haben auf Gehalt verzichtet. Trotzdem gilt: Ohne dich geht die Rechnung nicht auf. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro. Du zahlst, was du kannst, dafür schreiben wir weiter.
Keine Paywall, kein Kleingedrucktes, nur ein Ziel: dass nd bleibt.