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Rechtsruck | »Faschisierung«? It’s the internet, stupid!

Man muss nicht vor dem drohenden Faschismus warnen, denn die »Faschisierung« ist schon da: im Internet. Simon Strick hat sie anschaulich untersucht.

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Ein Interneteffekt: Donald Trump wird nicht mehr als reale Person gesehen. Foto: Imago Ein Gefühl breitet sich aus, das von der alten Punkband Slime schon 1980 besungen wurde: »Der Faschismus hier in diesem Land nimmt allmählich überhand«. Kommt er, kommt er nicht? Was kann man tun? Und was dachten eigentlich die Leute 1932, bevor alles zu spät war? Für den Kulturwissenschaftler Simon Strick ist dies der falsche Ansatz: »Es gibt mehr Faschisierung, als es Faschisten gibt«, schreibt er in seinem Buch »Faschisierung«. Damit meint er eine Brutalisierung des Denkens durch die Digitalisierung, die seit 30 Jahren stattfindet, bezogen auf die täglichen Muster und Verhaltensweisen im Internet.

Man muss also nicht auf den Faschismus als Diktatur warten. Er kommt nicht von »außen«, von den Bösen, den Hetzern und ihrem wahnhaften Gefolge, aber auch nicht aus der »Mitte der Gesellschaft«, wie gerne gesagt wird. Er ist längst da: »Faschisierung arbeitet unablässig im Inneren, im Allgemeinen«, und zwar im Internet, das alle benutzen. Es ist ein fortwährender Überbietungswettbewerb. Früher lachte man über die dümmsten Unfälle im Alltag, heute werden diese Unfälle in der Politik herbeigeführt, mit oder ohne KI.

Darüber wird gelacht, der Kopf geschüttelt und sich gegruselt, denn stets geht es im Netz um die Reaktion auf das Netz. Man kann sagen: Je krasser und irrer, desto erfolgreicher. Strick nennt das die »Fluchtlinie des Digitalen«. Es ist eine Mischung aus Ironie und Wahn, die eine Radikalisierung des Freund-Feind-Denkens bewirkt, allein schon aus dem Grund, weil damit die Zugriffszahlen, nach denen alles bewertet wird, in die Höhe getrieben werden.

Die Macht des Algorithmus? Der Imperialismus der Tech-Konzerne? Schlimm, aber das entspricht der üblichen Form der Kritik und ist für Strick nicht der Punkt. Für ihn ist grundsätzlich »Faschisierung als partizipativer Prozess denkbar, der sich zwischen Nutzern und medialen Netzwerken regelhaft und seriell ausbildet«. Sie erfasst die Politik, die Medien und die Gesellschaft.

Es geht dabei um die Distanzierung, die Verfolgung, die Zerstörung des anderen – eine Dynamik der Ausgrenzung, befeuert durch Vernichtungsfantasien mit praktischen Auswirkungen, die von Amokläufen an Schulen und in Fußgängerzonen bis zu Trumps ICE-Razzien reichen. Denn Internet ist immer Gegenwart und reagiert auf sich selbst, am besten in Echtzeit wie auf Twitter beziehungsweise X. Wenn es nicht wehtut, merkt man es nicht.

Jedes Meme kann radikalisieren und jede Trump-Äußerung von seinen Anhängern problemlos gesteigert werden. Über alles wird berichtet: Die alten sogenannten Leitmedien (Presse und Fernsehen) haben ihren Willen zur Differenzierung aufgegeben und machen mit, denn sie wollen geklickt werden. Jede Provokation wird zur berichtenswerten »Kontroverse« oder gar »Debatte« erklärt. Es ist egal, ob Trump behauptet, das Haitianer Katzen klauten, um sie zu essen, oder ob geraunt wird, Berlin werde bald von angeblichen Kommunisten und Antisemiten regiert.

Vor diesem Rechtsruck muss »nicht gewarnt werden, weil seine Auswirkungen seit Langem sichtbar sind und massenhaft auftreten«, schreibt Strick. Mit »Faschisierung« hat er das Buch der Stunde vorgelegt. Eine Kritik der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Strick analysiert weder die Eigentumsverhältnisse, wie es ein klassisches linkes Flugblatt täte, noch die Programmatik der AfD, wie es ein Seminar der Politikwissenschaft verlangen würde. Nein, er erklärt die »Faschisierung« als medialen Movens. It’s the internet, stupid!

Formfragen sind hier entscheidend. Sie werden von Strick sehr anschaulich erläutert. Gerade weil doch sonst immer gerätselt wird: Wie kann es nur sein, dass die Nazis stetig stärker werden, obwohl doch alle Nichtnazis von ihnen abraten? Abraten ist das richtige Wort, denn von politischer Bekämpfung kann seitens der Regierungsparteien keine Rede sein. Die AfD wird nicht verboten, stattdessen wird über sie rauf und runter diskutiert und berichtet. Man fragt sich höchstens: Wann kippt die CDU?

Politisch extrem rückwärtsgewandt, war die AfD lange Zeit die Partei mit der modernsten Social-Media-Arbeit, ganz so wie es sich der Tech-Milliardär Peter Thiel 2010 überlegt hatte: »Ich glaube, Technologie ist eine unglaubliche Alternative zur Politik.« Je fiktionaler die Inhalte, desto mehr werden sie geglaubt.

Schon die NPD war Anfang der 90er begeistert vom Internet, betrachtete ihre Mailserver als »national befreite Zonen« und feierte ihr »Thule-Netzwerk«. Gleichzeitig wurde das Internet von Linken als utopischer, urdemokratischer Freiraum ausgerufen. John Perry Barlow, Texter der US-Hippie-Heldenband Grateful Dead, propagierte es als das neue gelobte Land, frei von Zensur und Manipulation. Hierfür prägte der Schriftsteller William Gibson den Begriff des »Cyberspace«, in dem rebellische »Cyberpunks« ungekannte technologische Abenteuer erlebten.

Je fiktionaler die Inhalte, desto mehr werden sie geglaubt.

Solche Vorstellungen korrespondierten mit dem dogmatischen Marktradikalismus, wie er zeitgleich vom Rechtsaußen-Ökonom Murray Rothbard propagiert wurde. Im Libertären war man sich einig: Von links oder von rechts kommend, war der Hass auf den Staat Konsens. Er wurde als Zumutung empfunden, kontrolliert vom »alten Geld«, von einer tradierten kapitalistischen Spitze, die Rothbard »Thron und Altar« nannte. Später prägte der rechte Influencer Curtis Yarvin dafür den Ausdruck der »Kathedrale«, die es abzureißen gelte. Auch Rothbard hatte aktive Zerstörung als Lösung empfohlen: die auch heute noch gerne von rechter Seite verkündete Disruption samt Kettensäge. Ist sie echt oder nur Symbol?

In der »Twitter-Regierung Trumps« (Strick) wird sie real. Sie behauptet, im »Widerstand« zu sein und bekämpft den Staat, den sie regiert. Trump präsentiert sich dabei für die sozialen Medien als Jesus oder Jedi-Ritter, und egal wie man dazu steht, werden diese Symbole weitertransportiert, denn »die permanente Reaktion auf die Irritationsmaschine Trump ist weltweit eingeübt«, schreibt Strick. Für ihn ist Trump weniger eine reale Person als ein »Ankerpunkt historisch dichter und vor allem kollektiv-bewusster Bildwelten« im Internet. Seine Gestik wurde geprägt durch das ironische Kabelfernsehen der 90er Jahre (nach dem Motto »So schlecht, dass es schon wieder gut ist«) und den Showsport Wrestling (»Hauptsache, es ist gut gemacht«), aber erst durch das Internet modellhaft – mit einer offensiven Lächerlichkeit, die alle ernst nehmen.

In dieser steckt die Gewalt, die Walter Benjamin schon 1936 in seinem berühmten Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« beschrieben hatte: »Alle Bemühungen um die Ästhetisierung der Politik gipfeln in einem Punkt. Dieser eine Punkt ist der Krieg.« In den USA ist es der Krieg im Inneren gegen die Armen, international ist es der Handelskrieg gegen die Konkurrenten, aber eben nicht der »Krieg alle gegen alle«, der im Internet konstant beschworen wird, als lebten wir in einer »dunklen Zeit«, in der nur noch der Kampf ums Überleben angesagt ist.

So wird die Wut auf erfundene Feinde geschürt – ein Platzhalter für jede erdenkliche Minderheit, die es in rechten Aufrufen wahllos zu verfolgen gilt. Leo Löwenthal nannte diese Form der Agitation 1978 eine »Psychoanalyse nach rückwärts«: Die schlechten Gefühle werden mobilisiert und gesteigert, aber niemals aufgelöst, denn Ursache und Wirkung sind vertauscht.

Für die digitale Welt gelten laut Strick verschärfte Bedingungen. Die alten Begrifflichkeiten von »Führer«, »Masse« und »autoritärer Persönlichkeit« reichen ihm nicht mehr, um die neuen Gewaltbeziehungen zu beschreiben. Denn der »Führer« ist nur noch eine Medienplattform, die »Masse« sitzt vereinzelt vor Rechnern, und die »autoritäre Persönlichkeit« ist nicht unterwürfig, sondern macht selbsttätig jeden Schwachsinn mit, weshalb sie sich weniger mit irgendwelchen Führern identifiziert als »mit Mustern der Maschinen und digitalen Plattformen«. Hier ist sie endlich, »Die Mensch-Maschine«, die Kraftwerk vor fast 50 Jahren besungen haben: »halb Wesen und halb Ding«.

Pop und Sarkasmus, das Cartoon- und das Comichafte sind längst eingespeist in die »Faschisierung« der Netzpolitik. Alles ist kombinierbar, wie Strick anhand verschiedener Memes vorführt: vom faschistischen Clownfrosch gegen die Queers, von denen es sich das Symbol des Regenbogens »zurückzuholen« gilt, bis hin zu den »Queers for Palestine«, jenem zufällig mutmaßlich in Australien fotografierten Demobanner aus den 2010er Jahren, das palästinasolidarische Demos für immer desavouieren soll – indem es mit dem noch viel älteren Quatschspruch »Chickens for KFC« zusammen präsentiert wird.

Wo bleibt denn da das Menschliche? Man wird solche Muster digitaler Gewalt nicht zurückdrängen können durch Forderungen nach mehr Rationalität und Aufklärung und einen »besseren Medienkonsum« oder so. Das wäre »wie ein Radiowecker, der sich in einer Turbinenhalle Gehör verschaffen will«, urteilt Strick. Weil es im Internet allgemein zu viele »Wahrheitsangebote« und eine »Inflation an Übersicht« gebe, schlägt er stattdessen eine Zergliederung vor – weg von der Vorstellung vom großen Ganzen: »Die Zergliederung muss den Mythos ersetzen, die Fluchtlinie unterbrechen oder umlenken«, am besten in Richtung Demokratisierung.

Die Probleme kleinarbeiten? Das Telefon vielleicht mal wieder zum Telefonieren benutzen? Hm, das klingt jetzt irgendwie nach Karl Poppers alter Stückwerk-Theorie, also nicht sonderlich glamourös. Aber das soll es ja auch gar nicht sein.

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Originally published bynd
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