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Rechtsextremismus | Prignitz: Rechte Präsenz und antifaschistische Bündnisse

Im Prignitzer Kreistag treten AfD und Dritter Weg als Konkurrenten auf. Alternativen zur rechten Landnahme hängen von Zuzug und Abwanderung ab.

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Die idyllische Heideregion wird zunehmend von rechten Kräften geprägt. Foto: dpa/Jens Kalaene In der Prignitz, einer der ältesten Region Brandenburgs, sieht es auf den ersten Blick genauso aus wie im Rest des Bundeslandes. 2025 gewann der Kandidat der Alternative für Deutschland (AfD) mit 38,9 Prozent der Erststimmen den Wahlkreis Ostprignitz-Ruppin – Havelland I. Ein Jahr zuvor gewannen die Rechtspopulisten bei der Landtagswahl über zehn Prozent hinzu. Mit 32,7 Prozent zogen sie knapp an der Sozialdemokratischen Partei vorbei und wurden ebenfalls stärkste Kraft im Wahlkreis. Die zwei Kandidaten der AfD im Landkreis Prignitz gewannen jeweils ihr Direktmandat. So blau, so normal.

Eingerahmt wird die Prignitz vom Ruppiner Land im Osten, der Altmark im Westen. Kleinere Gebietskörperschaften der historischen Region gehören heutzutage zu Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Die Grenze änderte sich mit den wechselnden politischen Verhältnissen. Einst wurde der Landstreifen als Vormark bezeichnet, die slawischen Polaben nannten das Gebiet Pregynica, was so viel bedeutet wie »ungangbares Waldgebiet«. Heutzutage gilt die Gegend mit ihren weitläufigen Landschaften als beliebter Rückzugsort für ehemalige Großstadtbewohner.

In der Prignitz hat aber auch die rechtsextreme Kleinstpartei »Der Dritte Weg« Fuß gefasst. Die nationalrevolutionäre Kader-Organisation setzt hier einen ihrer regionalen Schwerpunkte. Das zahlt sich aus: Mit 1,5 Prozent der Stimmen konnte der Spitzenkandidat Mario Schulz ein Mandat im Kreistag erringen. Der ehemalige Landesvorsitzende der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) vereinte insgesamt 1788 Stimmen auf sich. Laut dem brandenburgischen Inlandsgeheimdienst sind derzeit 90 Personen im Landesverband des Dritten Weges aktiv. Der Nordwesten Brandenburgs ist laut Verfassungsschutz ein »zentraler Aktivitätsschwerpunkt zur Expansion und Weiterentwicklung der Partei« und ihre Kader seien »überwiegend in gefestigten rechtsextremistischen Szene- und Familienstrukturen politisch sozialisiert«.

»Ich schätze die Bedrohungslage als hoch ein«, beschreibt eine Betroffene, die anonym bleiben will, die Situation. Immer wieder käme es zu körperlichen Übergriffen in der Region, Drohungen, »teils auch Morddrohungen«, gegen Menschen, die sich öffentlich antifaschistisch äußern, seien nicht selten. 

»Auffällig ist, dass es schon mehrfach einen verbalen Schlagabtausch zwischen dem Abgeordneten des Dritten Weges und der AfD-Fraktion gab.«

Der Bericht zur Sicherheitslage im Landkreis Prignitz ordnet von 238 Fällen politisch motivierter Kriminalität im Jahr 2025 allein 141 dem rechten Spektrum zu. Im Alltag der Menschen spielten die Rechtsextremisten aber »eher eine untergeordnete Rolle«, berichtet der ehemalige Landtagsabgeordnete Thomas Domres von der Linkspartei. Der Kreisvorsitzende seiner Partei in der Prignitz berichtet gegenüber »nd«, dass zwar »hin und wieder Aufkleber auftauchen« und es dem Dritten Weg gelänge, »ehemalige Mitglieder der NPD, der Freien Kameradschaften, BNO (Anm. d. Red.: Bewegung Neue Ordnung) oder Schutzbund Deutschland« an sich zu binden, aber nur auf einem niedrigen Level in breite Bevölkerungsschichten hineinwirken.

Trotzdem sei »auch in der Prignitz eine zunehmende Radikalisierung von Jugendlichen zu beobachten«, so Domres weiter. Rechte Parolen, rechte Auffassungen, rechtes Gedankengut seien laut dem ehemaligen Altenpfleger wieder gesellschaftsfähig geworden. Verantwortlich dafür sei die AfD und ihre Jugendorganisation »Generation Deutschland«. Beide sind sehr aktiv im Landkreis. Strukturell bieten die Rechtspopulisten mit ihren Anlaufpunkten in Wittenberge und Perleberg wichtige Eckpfeiler für die örtlichen Anhänger. Mit niedrigschwelligen Angeboten versucht die Partei immer wieder, neue Mitglieder zu gewinnen. Mit Erfolg: Im Kreistag stellt die AfD mit elf Abgeordneten die stärkste Fraktion.

Im Kreistag spielt die Konkurrenz zwischen AfD und Dritter Weg eine große Rolle. »Auffällig ist, dass es schon mehrfach einen verbalen Schlagabtausch zwischen dem Abgeordneten des Dritten Weges und der AfD-Fraktion gab«, berichtet Domres. Eine offizielle Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien sei nicht wahrnehmbar. »Die AfD ist Schulz zu links und wird als Teil des BRD-Systems angesehen«, ordnet der 56jährige die Differenzen unter den Nationalisten ein. Auf ihrer Internetpräsenz poltert der Dritte Weg wiederholt gegen die Alternative für Deutschland, unter anderem wirft die rechtsextreme Kleinstpartei ihrer Konkurrenz am rechten Rand vor, dass sie »ein williger Vollstrecker der BRD-Vorgaben« sei. Domres schätzt ein, dass »die AfD ganz klar einen Führungsanspruch im rechtsextremen Spektrum beansprucht« und trotz aller verbalen Auseinandersetzungen zwischen beiden Rechtsaußen-Parteien seien »inhaltliche Schnittmengen klar auszumachen«.

Besonders mit dem AfD-Landtagsabgeordneten, Jean-René Adam, hat der Dritte Weg ein Problem. Der ehemalige Kriminalpolizist trat im Sommer von seinem Posten als Kreisvorsitzenden der AfD in der Prignitz zurück. Laut dem Prüfbericht der Brandenburger Beauftragten für die Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur, Maria Nooke, hatte Adam in den 80er-Jahren für einen Bereich der Volkspolizei gearbeitet, der mit dem Ministerium für Staatssicherheit eng kooperierte. Er selbst gab zu, als Inoffizieller Mitarbeiter der Kriminalpolizei aktiv gewesen zu sein. Laut eigenen Aussagen habe er dabei aber niemanden angeschwärzt.

Widerstand gegen den gesellschaftlichen Rechtsruck organisiert in der Prignitz ein Netzwerk aus unterschiedlichen Initiativen. Ob nun »Projekte aus dem Programm ›Demokratie Leben‹, Initiativen aus dem Demokratie-Forum oder Aktivitäten der Bunten Prignitz, einem Zusammenschluss von aktiven Menschen aus der Region«, laut Domres gibt es »eine ganze Reihe von Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Akteure«. Nicht zu vergessen sei auch die Kirche.

Thomas Domres (Linke) 2023 im Brandenburger Landtag Foto: dpa/Soeren Stache »Wir werden längst und auch schon vor unserem Bestehen flankiert von einer Reihe von guten Kultureinrichtungen, die unschätzbar wichtige Arbeit leistet«, ergänzt Andrea van Bezouwen von dem Bündnis »Bunte Prignitz«. Die Strategien unterscheiden sich dabei häufig. Das Frauennetzwerk Kyritz setzt beispielsweise »nicht auf explizite Gegenreaktion wie Demonstrationen«, sondern versucht »für den persönlichen Austausch sichere Räume zu schaffen«. Man möchte besonders Frauen unterstützen, sich für Frauenrechte, mehr Sichtbarkeit und Teilhabe einzusetzen.

Im parlamentarischen Alltag unterstützen die zivilgesellschaftlichen Akteure im Kreistag jene Abgeordneten, die sich für die Demokratie und gegen die rechtsextreme Landnahme zur Wehr setzen. Der gemeinsame Besuch der Sitzungen vermittelt nicht nur ein Gefühl von Solidarität, sondern sorgt auch hinter den Kulissen für einen parteiübergreifenden Zusammenhalt. Die Vertreter der demokratischen Parteien versuchen auch in den ländlichen Regionen regelmäßig Präsenz zu zeigen und niederschwellige Angebote anzubieten. »Konzerte, Kundgebungen, Infostände, Filmabende, Medienarbeit sind beispielsweise Aktivitäten, um einen Beitrag zum Schutz der Demokratie zu leisten und die Prignitz als tolerante und weltoffene Region zu erhalten«, fasst Domres die verschiedenen zusammen.

Trotz all dieser Anstrengungen ist die rechte bis rechtsextreme Jugendsubkultur in der jüngeren Generation mehrheitsfähig. Zwar gäbe es Cliquen antifaschistischer Jugendlicher. Deren Lebensschwerpunkte verlagern sich aber wegen fehlender Perspektiven nach dem Schulabschluss schnell aus der Region heraus. Im Gegenzug ziehen von der Großstadt genervte Mittvierziger in die Prignitz. An deren zivilgesellschaftlichem Engagement hängt nicht zuletzt die Zukunft der Region.

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