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Radsport | Rad-WM in Kanada: Wider die Alleinherrschaft und gegen den Funk
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Überraschungsweltmeister Brandon McNulty konnte sein Glück im Ziel kaum fassen. Foto: imago/Jasper Jacobs Brandon McNulty klopfte sich auf der Avenue du Parc in Montreal wie besessen an den Helm. Der US-Amerikaner konnte es einfach nicht fassen, dass er sich in diesem Moment vom klassischen Helfer in einen Weltmeister verwandelt hatte. Auch vor den Mikrofonen rang er um Worte. »Bis 300 Meter vor dem Ziel konnte ich es gar nicht glauben, ich war so müde«, sagte er. Da kamen seine Verfolger auf dem Stadtkurs von Montreal sogar noch bis auf Sichtweite heran. Aber der Zeitfahrweltmeister der Juniorenklasse aus dem Jahr 2016 profitierte von der Uneinigkeit seiner Rivalen und spielte im flachen letzten Teilstück seine eigenen Stärken aus.
McNulty war am Sonntagabend europäischer Zeit der so überraschende wie würdige Sieger eines hoch spannenden Rennens. Denn im Verlauf der 273,4 Kilometer zeigten sich sehr viele Anwärter auf das Regenbogentrikot in prächtigster Angriffslaune. Sie wirkten wie einst die Brautwerber am Hofe des abwesenden Griechenfürsten Odysseus. Nur ging es hier eben nicht um die Gunst der endlos webenden Gattin Penelope, sondern das bereits fertiggestellte Regenbogentrikot.
Das französische Team um Wunderkind Paul Seixas übernahm früh die Kontrolle des Rennens. Alles andere als der Titel wäre eine Enttäuschung für ihn, hatte er zuvor etwas vollmundig verkündet. Sein Team fuhr dann auch so, verbrannte aber zu früh zu viel Energie. Im Finale erlitt Seixas Krämpfe – und ging hart mit sich ins Gericht: »Das war ein Anfängerfehler. Meine Teamkollegen verdienen einen besseren Kapitän.«
Diese fast schon brutale Ehrlichkeit passte bestens zum Rennen. Denn auch das war brutal ehrlich, brachte überdeutlich die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Fahrers und jeder einzelnen Nation ans Tageslicht.
Bei German Cycling waren es nur die Schwächen. Als etwa 80 Kilometer vor dem Ziel erstmals die Post abging bei einer Attacke des Belgiers Wout Van Aert, verloren die deutschen Starter schnell den Anschluss. »Man muss das so hinnehmen. Wir sind ja nicht durch Zufall da rausgekommen, sondern aufgrund unserer Leistungsfähigkeit«, kommentierte Georg Zimmermann nach dem Rennen trocken. Mit Platz 38 war er noch der beste Deutsche.
Bei seiner Attacke sah Van Aert schon wie ein sicherer Medaillengewinner aus. Schnell fand der Belgier Begleitung in Ex-Weltmeister Mathieu van der Poel aus den Niederlanden. Der verkleinerte mit entschlossenem Tritt etwa zehn Kilometer später die Gruppe und distanzierte sogar Van Aert. »Ich musste das Risiko eingehen. Ich fühlte mich gut und wollte das Rennen hart gestalten, vor allem den Attacken der Favoriten an diesem kleinen Anstieg voraus sein«, begründete van der Poel später seinen frühen Versuch.
Die kleine Gruppe um ihn herum, mit dabei der clever fahrende slowenische Routinier Primož Roglič, kreiselte einige Runden lang mit etwa 20 Sekunden Vorsprung vor dem Feld über den Rundkurs. Doch auch sie wurde wieder eingefangen, bis etwa 30 Kilometer vor Schluss McNulty sein Solo begann.
Mit all seinen überraschenden Wendungen war das Männerrennen eine würdige Fortsetzung des ebenso abwechslungsreichen Frauenrennens am Tag zuvor. Lange sah Solistin Demi Vollering aus den Niederlanden am Samstag wie die sichere Siegerin aus. Dann kamen die Polin Kasia Niewiadoma und die Italienerin Elisa Longo Borghini doch noch an sie heran. Longo Borghini attackierte sogar, musste aber ihre Rivalinnen wieder vorbeiziehen lassen.
Vollering gewann schließlich den Zweiersprint vor Niewiadoma. Damit war die Podiumsbesetzung in Montreal bei den Damen die gleiche wie zuvor schon bei der Tour de France Femmes. Die stärksten Rundfahrerinnen bestimmten also auch die WM. Aber sie lieferten sich einen leidenschaftlichen und bis zum Schluss spannenden Kampf.
Dass es bei den Männern in diesem Jahr ähnlich packend zuging, lag natürlich an der Abwesenheit des lädierten Superstars Tadej Pogačar. Sein Fehlen löste alle Bremsen. Auch das Funkverbot trug zur Attraktivität bei. »Das ist das Beste überhaupt: Rennen ohne Ohrstöpsel. Dann muss man instinktiv fahren, und genau das liebe ich«, meinte mit van der Poel, der aktivste Fahrer des Tages, der sich am Ende mit dem dritten Platz trösten konnte.
Und auch der abwesende Pogačar durfte sich am Ende noch etwas freuen. Sieger McNulty ist im Alltag nämlich Helfer des Slowenen bei Team UAE Emirates. So bleibt das Regenbogenleibchen im Rennstall und Pogačar gratulierte auch brav über die sozialen Medien. Mal sehen, wie viel Spielraum er den anderen in der nächsten Saison zum Wohle des Radsports zugestehen mag.
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Source: nd