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Queerfeindlichkeit | »Autoritäre Staaten versuchen, trans Existenz zu verhindern«
Casa-Kuá-Razzia bleibt international nicht unbemerkt. Ein offener Brief um Judith Butler klagt zunehmenden Autoritarismus und Queerfeindlichkeit an.
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Symbolbild · Leonhard Lenz / CC0 · Wikimedia Commons
Demonstration »Hände weg von trans Leben!« in Reaktion auf die Durchsuchung Foto: Fabian Sommer/dpa Die Razzia im queeren Gesundheits- und Informationszentrum Casa Kuá hat auch international Bestürzung und Sorge ausgelöst. In einem offenen Brief, der »nd« in deutscher Übersetzung vorliegt, drücken etwa 200 Forschende, Künstler*innen und Aktivist*innen aus verschiedenen Staaten und Universitäten ihre Solidarität und Unterstützung für die »›Dolls of Berlin‹, Casa Kuá, und Repressionen ausgesetzten trans und queer Personen weltweit« aus. Zu den Unterzeichnenden gehören führende Theoretiker*innen im Bereich der Gender- und Geschlechtsforschung, so die Historikerin Susan Stryker aus Stanford, Sozialwissenschaftler*in Judith Butler aus Berkeley und Kulturwissenschaftler Jack Halberstam aus Columbia. Auch die deutsche Sozialwissenschaftlerin Vanessa E. Thomson und die in Berlin ansässige Künstlerin Zoë Claire Miller haben den Brief unterschrieben, der neben dem Fallenlassen der geplanten Anklage gegen das Casa Kuá ein Ende der Kriminalisierung von trans Orten fordert.
Als solcher wurden die Räumlichkeiten des Casa Kuá am 18. Oktober auf Wunsch der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz von knapp 40 Polizeikräften gestürmt und durchsucht. Zu dieser Zeit befanden sich vor allem trans Frauen dort, deren Personalien aufgenommen wurden, was einem behördlichen Zwangs-Outing gleichkommt.
»Autoritäre Staaten wie Deutschland versuchen, die Existenz von trans Menschen durch administrative Gewalt zu verhindern.«
»Der Angriff auf die ›Dolls of Berlin‹«, so schreiben die Verfasser des Briefs, »geschieht in einem Moment des beispiellosen Aufstiegs des Staatsfaschismus, sowohl in Deutschland, wo die AfD kürzlich die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt gewonnen hat, als auch in benachbarten europäischen Staaten«. Und auch in anderen Weltregionen wie Indien, Brasilien und den USA sei diese Entwicklung fortgeschritten. »Dieser Aufstieg der extremen Rechten geht einher mit einer massiven Zunahme der Angriffe auf queere und trans Personen.« Die Autor*innen stellen diese Angriffe ins Zentrum eines größeren Entwicklungszusammenhangs des zunehmenden Autoritarismus, der in der Forschung unter anderem dadurch beschrieben wird, dass spezifische Bedürfnisse marginalisierter Gruppen und/oder politischer Feinde kriminalisiert werden. Der Brief erklärt dies so: »Zunehmend autoritäre Staaten wie Deutschland« versuchten, »die Verwirklichung einer selbstbestimmten Existenz von trans Menschen durch administrative Gewalt zu verunmöglichen, insbesondere durch regressive Hürden in der Transgesundheitsversorgung.«
Tatsächlich bestehen insbesondere für von Rassismus betroffene trans Personen oder jene mit ungesichertem Aufenthalts- oder Versicherungsstatus hohe medizinische, finanzielle und rechtliche Hürden, die für sie notwendige gesundheitliche Versorgung zu erhalten, etwa Hormon- oder Psychotherapien. Das zwingt einige in die sogenannte Beschaffungskriminalität, wenn sie versuchen, an Medikamente zu kommen. Weil selbstorganisierte queere Zentren einen Ort anböten, sich über diese Fragen zu informieren und untereinander auszutauschen, seien sie damit automatisch auch behördlicher Kriminalisierung ausgesetzt, beklagen Stimmen aus dem Umfeld des Casa Kuá, aus dem heraus sich in der Woche nach der Razzia eine große Protestkundgebung organisierte. Dabei kamen am Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg etwa 2500 queere Menschen und Unterstützer*innen unter dem Motto »Hände weg von trans Leben!« zusammen.
Für die Unterzeichnenden markiert das Eindringen der Polizei in die vom Casa Kuá bereitgestellten Räume für trans Menschen auch einen historischen Punkt: »An der aktuellen historischen Wegscheide bedeutet [der Angriff] einen Moment, der von uns allen fordert, Stellung zu beziehen, nicht nur mit und für unsere queeren und trans Geschwister, sondern für die Menschheit selbst.«
»nd« dokumentiert an dieser Stelle den offenen Brief im deutschen Wortlaut, zusammen mit den ersten 50 Unterzeichnenden:
Am Sonntagnachmittag des 18. Oktober drang eine große Polizeieinheit in die Casa Kuá ein. Die Casa Kuá ist ein queeres Community-Zentrum in Berlin, wo sich zu diesem Zeitpunkt die »Dolls of Berlin«, ein transfeminines Kollektiv getroffen hatte. Die Polizist*innen hielten mehrere Frauen über Stunden fest, während sie die Casa Kuá durchsuchten.
Wir, die Unterzeichnenden, solidarisieren uns mit den »Dolls of Berlin«, Casa Kuá und allen queeren und trans Personen, die mit Staatsgewalt, Repression und dem Versuch ihrer Auslöschung konfrontiert sind.
Wir fordern, dass der deutsche Staat die geplante Anklage fallen lässt und unverzüglich die Kriminalisierung von Orten für und Solidaritäten zwischen trans Personen unterlässt.
Wir bitten dringend darum, den Fundraiser der Betroffenen zu unterstützen, damit unsere Genoss*innen ihre unerlässliche Arbeit fortsetzen und weiterhin die dringend benötigten Rückzugsorte für die vulnerabelsten ihrer Communities pflegen können.
Der Angriff auf die »Dolls of Berlin« geschieht in einem Moment des beispiellosen Aufstiegs des Staatsfaschismus, sowohl in Deutschland, wo die AfD kürzlich die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt gewonnen hat, als auch in benachbarten europäischen Staaten, in Indien, Brasilien, den Vereinigten Staaten und andernorts. Dieser Aufstieg der extremen Rechten geht einher mit einer massiven Zunahme der Zahl der Angriffe auf queere und trans Personen. So hat die türkische Polizei im Rahmen einer zwischen fünf Städten koordinierten Razzia kürzlich (12. bis 14. September) sieben LGBTIQ+-Organisationen, zwei Unterstützungsgruppen für Menschen, die mit HIV leben, sowie 13 Bars und Clubs, in denen sich queere Menschen versammeln, ins Visier genommen. Vorstandsmitglieder von manchen der ältesten LGBTQI+-Assoziationen des Landes, wie Kaos GL und Lamda Istanbul, wurden aus ihren Wohnungen geholt. Human Rights Watch berichtet, dass mindestens 112 Menschen festgenommen wurden und dass 82 davon auf gerichtlichen Beschluss hin weiterhin inhaftiert bleiben.
Am 3. und 4. Oktober hat außerdem die taiwanesische Polizei eine Razzia in einer Queerbar in Taipei durchgeführt und dabei 51 Personen festgehalten und behinderte Gäste*innen schikaniert.
Zeitgleich versuchen zunehmend autoritäre Staaten wie Deutschland, die Verwirklichung einer selbstbestimmten Existenz von trans Menschen durch administrative Gewalt zu verunmöglichen, insbesondere durch regressive Hürden in der Transgesundheitsversorgung. Während europäische Regierungen öffentliche Gelder zum Zwecke der Remilitarisierung umlenken, werden Zugang zu Wohnungen, Sozialhilfe, Arbeit und Bildung beschnitten. Im Vereinigten Königreich hat der drastisch eingeschränkte Zugang zur Transgesundheitsversorgung in vergangenen Jahren bereits zu Suiziden von trans Personen in ungekanntem Ausmaß geführt. Es ist davon auszugehen, dass Richtlinien zu sogenannten »eingeschlechtlichen Räumen« (»single sex spaces«) zu weiteren Todesfällen führen werden wie dem von Joelle, einer trans Frau, die starb, nachdem ihr 16 Tage lang Krebstherapie verweigert worden war. Beispielhaft für die Heuchelei der herrschenden Elite ist, dass der offen schwule niederländische Premierminister Rob Jetten am 21. Oktober gemeinsam mit seinem Partner die Nachricht über die baldige Geburt ihres Kindes durch eine Leihmutter feierte, während seine Regierung queeren Geflüchteten weiterhin das Recht auf Familienzusammenführung verweigert.
Die Angriffe auf queere und trans Personen werden begleitet von Angriffen auf und weiterer Marginalisierung von behinderten Menschen, Migrant*innen und Geflüchteten, prekär Beschäftigten, armen People of Colour, den Wohnungslosen und Inhaftierten – mit umso härteren Folgen für die, die sich in mehreren dieser Kategorien wiederfinden. Es ist ein beunruhigendes Anzeichen des Faschismus, wenn bestimmte Communities verletzlich und verzichtbar gemacht werden und hinhalten sollen als Sündenböcke für die vielfältigen Schieflagen des Racial Capitalism.
Dass die relativ kleine Community queerer und trans Personen und insbesondere rassifizierter Transfems – zur Zielscheibe (proto-)faschistischer und autoritärer Regime global geworden ist, sollte uns nicht überraschen. Besonders Transness sticht hervor als sichtbare Transgression derjenigen cis heteropatriarchalen Normen, auf welchen faschistische Autorität beruht. Transness ist ein Stachel im Auge von Regimen, die auf der weitläufigen Internalisierung ihrer strukturellen »Wahrheiten« angewiesen sind. Transness wird damit zu einem wirkungsvollen politischen Keil, der es Staaten erlaubt, Angst und Misstrauen gegenüber trans Personen anzustacheln, Dynamiken, die durch staatliche karzerale und administrative Gewalt gefestigt werden. Es ist folglich keine Überraschung, dass die Zahl staatlicher Angriffe auf queere und trans Personen gerade dann global ansteigt, wenn die Gen Z sich mit anderen Bewegungen politisch zusammenschließt – in Frankreich, Albanien, Brasilien, Indien, Argentinien, Indonesien, Griechenland und der ganzen Welt.
Immer wieder standen queere und trans Personen an der Spitze sozialer Bewegungen und Befreiungskämpfe. Der Angriff auf die Dolls of Berlin in der Casa Kuá vom 18. Oktober ist historisch. An der aktuellen historischen Wegscheide bedeutet er einen Moment, der von uns allen fordert, Stellung zu beziehen, nicht nur mit und für unsere queeren und trans Geschwister, sondern für die Menschheit selbst.
Wir, die Unterzeichner*innen, stehen zu den Dolls of Berlin, Casa Kuá und trans und queeren Personen weltweit, die staatliche Repression erfahren. Wir folgen ihrem Aufruf, uns zu organisieren! Wütend zu sein! Glamourös zu bleiben!
Um informiert zu bleiben, auf das Thema aufmerksam zu machen oder sich einzubringen, folgt @thedolls_ofberlin und @casakua auf Instagram. Unterstützer*innenkomitees formieren sich derzeit in Berlin, in Europa und weltweit, für ein nachhaltiges Momentum in diesem Kampf, der gerade erst beginnt.
Susan Stryker, Visiting Scholar, Clayman Institute for Gender Research, Stanford University, and Professor Emerita of Gender and Women’s Studies, University of Arizona
Judith Butler, Distinguished Professor, University of California, Berkeley
Jack Halberstam, Professor, Columbia University.
Eric A. Stanley, Associate Professor and Vice Chair for Research, and Haas Distinguished Chair in LGBT Equity, University of California, Berkeley
Paola Bacchetta, Professor and Chair, Department of Gender and Women’s Studies, University of California Berkeley; Co-Director, Decolonizing Sexualities Network
Dean Spade, Professor, Seattle University School of Law
Jordy Rosenberg, Professor, Department of English, University of Massachusetts Amherst
Dr. Leanne Betasamosake Simpson, Independent Scholar
Dr. Clare Hemmings, Professor in Feminist Theory, Department of Gender Studies, LSE
M.E. O’Brien, independent scholar, New York City
Dr. Mijke van der Drift, Royal College of Art, London
Dr. River Baars, Reader in Law & Social Change, SOAS, University of London, and organiser with the QTHoMo Collective
Professor Vanja Hamzić, Professor of Law, History and Anthropology, SOAS University of London
Dr. Sophie Lewis, independent scholar, Philadelphia
Isabel Boni Le Goff, Sociologist, Senior Lecturer University Paris 8
Koda Sokol, Lecturer, University of North Carolina Greensboro
Jesse Darling, artist and educator, Oxford
Dr. Sarah Lamble, Professor of Criminology and Queer Theory, Birkbeck, University of London
Dr. Shuli Branson, Mellon Teaching Fellow in Trans Studies, Dartmouth College
Dr. Clair Quentin, Loughborough University
Dr. Mikki Stelder, University of Amsterdam
Joseph Salloum, Organiser, QTHoMo Collective
Dr. Tris Hedges, Postdoctoral Fellow, University of Copenhagen
Alan Sears, Professor Emeritus, Department of Sociology, Toronto Metropolitan University
Laurie Marhoefer, Professor, University of Washington
Hil Malatino, Associate Professor of Women’s, Gender, and Sexuality Studies and Philosophy, Penn State University
Eric Fassin, Emeritus professor of sociology and gender studies, Université Paris 8
Dr. Sara Bragg, UCL Institute of Education
Dr. Blase A. Provitola, Assistant Professor of Francophone Studies & Women, Gender and Sexuality, Trinity College (Hartford, USA)
Dr. Ashkan Sepahvand, Junior Research Fellow in Fine Art, St. John’s College, University of Oxford
Dr. Asli Zengin, Associate Professor, Women’s, Gender and Sexuality Studies Department, Rutgers University
Professor Dr. Tamás Jules Fütty, Institute of Educational Science, University of Klagenfurt, Austria
Melanie Richter-Montpetit, Associate Professor, Department of International Relations, University of Sussex
Prof. Dr. Mike Laufenberg, Fulda University of Applied Sciences
Dr. Ruth Pearce, School of Education, University of Glasgow
Professor Dr. Yv Nay, Centre for Transdisciplinary Gender Studies, Humboldt University Berlin
Dr. Daniel Loick, University of Amsterdam
Prof. Dr. Utan Schirmer, Alice-Salomon-Hochschule Berlin
Professor Dr. Gundula Ludwig, Center for Interdisciplinary Gender Studies, University of Innsbruck
Prof. Vika Kirchenbauer, Kunsthochschule Kassel
Pauline Clochec, associate professor of philosophy, University of Picardy
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