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Labour · nd · · 2h

Prekäre Soziale Arbeit | Systemfehler in der Sozialen Arbeit

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Soziale Arbeiter*innen können den Menschen, die sie betreuen, in vielen Fällen nicht mehr gerecht werden. Foto: dpa/ Geisler-Fotopress Ein Krippenkind, das unbemerkt von seiner Betreuung das Gelände verlässt und allein in einer norddeutschen Stadt herumwandert. Eine Person in der Eingliederungshilfe, der man bei der Einarbeitung die grundsätzlichen Aspekte erklären muss – zum Beispiel in welcher Reihenfolge man den Körper einer betreuten Person wäscht. Eine Angestellte im Jugendamt, die sich keine Zeit nimmt, um eingehend zu analysieren, ob sie ein Kind aus einem Haushalt holen soll oder nicht. Das liege nicht an den Kolleg*innen, meint Stefanie Lehmann vom Kita-Eigenbetrieb in Bremen. »Das ist ein Systemfehler.«

»Die Beschäftigten können den Menschen, die sie betreuen, nicht mehr gerecht werden«, fasst Christine Behle, stellvertretende Vorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, die prekäre Situation in der Sozialen Arbeit am Mittwoch zusammen. Durch offene Stellen, Krankheitsausfälle und eine schlechte Personalausstattung entstehe eine dauerhafte Unterbesetzung und Arbeitsverdichtung.

Das belaste nicht nur die Beschäftigten, sondern beeinträchtige auch die fachliche Qualität der Versorgung, die Verwirklichung der Rechte von Kindern, Jugendlichen und Familien sowie die Verlässlichkeit sozialer Infrastruktur. In vielen Fällen würden nur noch Menschen in absoluten Notlagen versorgt, wie bei der Kindeswohlgefährdung. In einigen Jugendämtern spreche man bereits von Triage.

»Wenn die soziale Infrastruktur verlässlich sein soll, müssen es auch die Arbeitsbedingungen sein.«

Der Fuldaer Professor für Soziale Arbeit, Nikolaus Meyer, und der Mannheimer Professor für Makrosoziologie, Yalçın Kutlu, hatten für die Gewerkschaft über den Sommer Meinungsbilder aus 373 Teams in unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit gesammelt und ausgewertet. Die Idee: »Arbeitsbedingungen gemeinsam sichtbar zu machen«, erklärt Kutlu. 97 Prozent der Rückmeldungen stammen aus Westdeutschland.

Laut 79 Prozent jener Teams ist die Arbeitsmenge deutlich gestiegen. 79 Prozent berichten auch über oft oder sehr häufig zu verzeichnende Abstriche an der Qualität der Arbeit. Und mehr als 87 Prozent von ihnen haben Sorge, den Beruf nicht bis zum Renteneintrittsalter ausüben zu können. Die zusätzliche Arbeit entstehe auch dadurch, dass nicht mehr rechtzeitig eingeschritten werden könne und Sozialarbeiter*innen es deshalb mit deutlich komplexeren Fällen zu tun hätten.

In den Jugendämtern nehmen die Arbeiter*innen inzwischen an, dass Aufgaben in ihren Bereich verlagert würden, weil andere Ansprechpartner nicht ausreichend zur Verfügung stünden. Zugleich werde die gestiegene Verantwortung nicht adäquat vergütet. Die Beschäftigten stört dabei weniger die Höhe der Vergütung, sondern das Missverhältnis zwischen der gestiegenen Komplexität und ihrer Einstufung.

In den Kitas berichten 84,1 Prozent der Teams von Arbeit trotz Krankheit. Angestellte kritisieren dort vor allem, dass sinkende Kinderzahlen nicht für kleinere Gruppen genutzt, sondern mit Gruppenschließungen, Platzabbau oder möglichen Stellenkürzungen verbunden würden. Erst Anfang September hatte der Kita-Qualitätsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands festgestellt, dass bundesweit etwa 550.000 Kita-Plätze ungenutzt blieben. Das bedeute aber nicht, dass deshalb der Fachkräftemangel behoben wäre.

»Weniger Kinder bedeutet nicht unbedingt weniger Arbeit«, meint Kutlu. Laut dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hängt die sinkende Geburtenrate und die alternde Bevölkerung unter anderem mit ungünstigen Rahmenbedingungen für potenzielle Eltern zusammen. Man könne die Situation aber auch als historische Chance sehen, um die Qualität der Betreuung auszubauen und Arbeiter*innen zu entlasten, so Kutlu.

Kürzungen im Sozialbereich, Verdichtung der Arbeit durch das überarbeitete Kinder- und Jugendhilfegesetz sowie zusätzlicher Druck durch das neue Kita-Qualitätsgesetz hätten den gegenteiligen Effekt, kritisiert Behle von Verdi. Die Angestellten sehen die besten Lösungen in einer Personalbemessung, zusätzlichen Stellen, einer geringeren Arbeitsmenge und einer adäquaten Bezahlung und Eingruppierung. »Wenn die soziale Infrastruktur verlässlich sein soll, müssen es auch die Arbeitsbedingungen sein«, fordert Kutlu.

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Source: nd