Faultline Faultline Kommando 161

Politics · nd · · 2h

Politisches Theater | Whoop, whoop

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Hohes Haus, hohe Leiter, hoher Ton: »bitte hören Sie auf, zu kauen!« Foto: Ballhaus Wedding/Dominik Maringer Am Eingang wachen die Bodyguards, oder solche, die es werden wollen. Etwas jung sind sie, aber wie die professionellen vor dem Bundestag spähen auch sie geschäftig über die Köpfe der Leute, die im Hof des Ballhaus Prinzenallee warten. Dann geht’s rein, und zwar durch den Hintereingang, entlang der Spiegel, vor denen gerade noch die Schminke geprüft wurde. Diese Metaebene passt, denn heute Abend soll es um die Demaskierung, den Blick hinter die Kulissen gehen. Sie nennen es »ein Doku-Spektakel«. Ist das nur eine gewitzte Idee eines kleinen Theaters in Berlin-Wedding, das die Macht des hohen Hauses entweihen will, ein Schülertheatereinfall?

Die Drone-Sounds innen vertreiben solche Gedanken. Auf einem leiterartigen Podest, umgeben von mächtigen Säulen, spricht die Präsidentin des Hauses: »Nehmen Sie Platz. Nehmen Sie bitte ihre Mütze ab, hören Sie doch bitte auf zu kauen«, bestimmt sie, und erinnert auf Französisch, Türkisch und in allerlei anderen Sprachen an die unantastbare Würde des Hauses. Sie ist etwas high von der Wucht der eigenen Erhabenheit, windet sich lasziv auf ihrem Stuhl. Susana Abdul Majid spielt die Erotik der staatstragenden Autorität grandios, ein Chor begleitet zu hämmernd elektrisierenden Sounds, die live eingespielt werden.

Wir sind »Inside Bundestag«, in der ersten von sechs Episoden geht es bis Dezember mit je wechselndem Personal um die Inszenierung der Inszenierung, um das ritualisierte Spektakel des Parlaments, in der Regie von Lukas David Schmidt.

Zum Ende der ersten Sitzungswoche soll unweit des Regierungsviertels, im verlebten Grandezza des multikulturellen Wedding, seziert werden, was im Plenum der vom Volk gewählten Parteien geschieht. Es ist eine Arbeit nach Akkord, denn der Politikertext stand kurz vor der Premiere noch nicht, war selbst im Entstehen, Regisseur Schmidt hat ihn aus der Generaldebatte im Bundestag komponiert.

Wir sind also nahe an der Gegenwart, das Gerade-Eben wirkt noch. Kein Wunder, dass es also eine szenische Lesung, ein Best-Of der Reden ist, doch überraschend, wie gut der Chor funktioniert. Denn das chorische Sprechen ist komplizierter, als man denken könnte. Die Einsätze müssen sitzen, und an diesem Abend sitzen sie, was den wunderbaren Spielerinnen Vidina Popov, Laura Laufenberg und Lisa Birke Balzer zu verdanken ist.

»Es sollte doch alles viel lebendiger sein.« Ist das so, wo doch die Populisten so sehr auf Emotionen setzen?

Es wird ernst, wo es ernst sein muss. Lars Klingbeils bedeutungsschwangere Rede zu Neuverschuldungen etwa bricht kläglich unter Zurufen der AfD ein. Vielleicht hätte man es so nicht erwartet von einem Theater, das sich postmigrantisch orientiert, aber eine einseitige Repräsentation, genauer: eine Auslassung etwa der remigrationsgeilen AfD ist nicht zu beobachten. Es ist also kein Theater für eingeweihte Mitte-Linke, es wird auch zugunsten politisch Unliebsamer gelacht – nein, unsachlicher als im hohen Haus selbst geht es nicht zu. Manchmal nur wird spielerisch betont, was ohnehin in der Realität angelegt ist, wie Friedrich Merz’ Liebäugelei mit der Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, die ihn vor Zurufen beschützen muss.

Es geht zumindest sachlich zu, bis dann das letzte Drittel beginnt. Das Plenum verlässt die Bühne, es wird flamboyant. Eine in aufreizendem Rot gekleidete Stripperin macht das, was an so einem spektakelhaften Theaterabend nicht fehlen darf: eine Zuschauerperformance. Noch recht vage soll gebrüllt, herausgelassen werden, was wütend macht. Okay, witzig, vorne ist jemand sehr engagiert, andere steigen mit ein, dann wird ein kollektives Brüllen daraus. Aber warum das Ganze?

»Es sollte doch alles viel lebendiger sein«, gibt die Stripperin zu verstehen, »ein wenig mehr Erotik, mehr Gefühl.« Ist das so, wo doch die Populisten so sehr auf Emotionen setzen?

Ein wenig lässt solch empörende Gefühligkeit die analytische Beobachtung zu kurz kommen. Aber animierend und schön ist es zu sehen, dass auch alle Zuschauenden am Ende ihre gerade noch aufmerksam aufgerichteten Körper bewegen, den Booty shaken, wie er vorne auch geshaked wird. Das geht wohl nur im Theater, in dem die Grenze zum anderen sich aufhebt, die unterschiedliche Gemeinschaft schrullig und hitzig zelebriert wird, wo man andernorts an ihrer Zerstörung arbeitet.

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Source: nd