Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 2h

Phoebe Bridgers | Tratsch in Kunst verwandelt

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Phoebe Bridgers bei den Filmfestspielen von Venedig in diesem Jahr. Foto: Ottavia Da Re / Agenzia Sintesi Wer mit einer Singer-Songwriter*in eine Liebesbeziehung eingeht, muss damit rechnen, dass spätestens nach Beziehungsende der Welt mitgeteilt wird, wie das alles so war. Phoebe Bridgers singt auf ihrem dritten Album »Lost Weekend« über ihre verblichene und ihre neue Liebe, neben vielem anderen. Ihr Ex, der Schauspieler Paul Mescal (»Normal People«, »Aftersun«), muss sich einiges anhören, und wir entsprechend auch. In dem Titelsong »Lost Weekend« zum Beispiel: »I talk in my sleep and you kiss like a girl« und »I loved you and you couldn’t forgive me for that«.

Nun ist das kein Tratsch, sondern Kunst, weil Bridgers ihre Liebesgeschichten als Material nimmt, um von etwas zu erzählen, das sich verallgemeinern lässt. Von Erfahrungen also, die sehr spezifisch sind und in der Verbindung zweier Menschen entstehen; und in denen sich trotzdem andere wiederfinden können.

Diese Musik ist traurig und einhüllend, gefällig und eingängig genug fürs Country- oder Adult-Rock-Radio und zugleich durchweg eigen.

Einmal im Text (eine Zeile wie »You know me, and I’ll never forgive you for that« etwa). Und einmal in der Musik. Die ist auch auf »Lost Weekend« wieder sehr, sehr herzerweichend. Indie-Folk als Grundlage, auf die dann vieles aufgesetzt werden kann: Synthies, Hymnisches, Chöre, auch Überraschendes wie die Gitarre von Justin K. Broadrick (Godflesh, Jesu). Der Sound ist so clean und transparent wie die glasklare und zugleich warme Stimme. Diese Musik ist traurig und einhüllend, gefällig und eingängig genug fürs Country- oder Adult-Rock-Radio und zugleich durchweg eigen. Diese Mischung dürfte erklären, warum die Musik von Phoebe Bridgers in den USA, aber auch in Europa, gerade durch die Decke geht.

Gefühle in Breitwand, wie eine Taylor Swift für Indie-Hörer*innen, auch in dem Sinne, dass »Lost Weekend« ein Beziehungsalbum ist. Der neue Partner, der Comedian Bo Burnham, bekommt ebenfalls einen Song gewidmet, eine überbordende Liebeserklärung. »Now I don’t know if I can make it tonight / But what are you doing the rest of my life«. Verbunden mit der Hoffnung, dass die Suche nun ein Ende hat. Phoebe Bridgers denkt in ihren Erzählungen über Liebe und andere Beziehungen die Ambivalenz immer mit. In das Glück schleicht sich schon die Ahnung einer drohenden Abhängigkeit ein: »This could bе the end of wanting / I exist only if you’rе watching«. Da ist es dann zurück zu »You know me, and I’ll never forgive you for that« nicht mehr weit.

Das Album der Woche. Weitere Texte unter dasnd.de/plattenbau

Das Schöne und Paradoxe an melancholischer Musik generell ist, wie glücklich und beruhigend (wenn auch nicht fröhlich) sie einen machen kann. Phoebe Bridgers hat den traurigen Indie-Song auf »Lost Weekend« weiter perfektioniert. Er erscheint in vielfältigen Formen: als klassisch anmutende Akustikfolk-Ballade mit Country-Einschlag (»Haunted«, »Still Standing«, »Never Going Back«), als Slowcore-Shoegaze-Stück (»Kill Me«), als introvertierter Ambient (»Other Plans«) und als perfekte Indiepop-Hits (»Lost Boys«, »I Can’t Wait«).

Geistermusik, nicht zuletzt. Die Songs auf »Lost Weekend« erzählen davon, wie die Menschen, mit denen man verbunden war und noch ist, das eigene Leben prägen und ausmachen, wer man ist. In Songs, die auch bedrückende Begebenheiten in wohliger Melancholie auflösen. Traurige Feelgood-Musik.

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Source: nd