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Palliativmedizin | Mehr Raum für Patientenwünsche

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Auch Schwerstkranke, die isoliert werden müssen, haben nicht nur medizinische Bedürfnisse. Foto: DPA/Dirk Waem Palliativmediziner arbeiten im Grenzland: Krankheiten sind weit fortgeschritten und nicht mehr heilbar, das Leben wird nicht mehr lange dauern – um so wichtiger ist die Lebensqualitität. Medizinisch ist hier die Linderung von Schmerzen, Atemnot oder Übelkeit gefragt. Darüber hinaus gibt es diverse andere Bedürfnisse, darunter soziale oder spirituelle. Für Patienten kann es beruhigend sein, in diesen letzten Tagen und Wochen von einem palliativmedizinischen Team betreut zu werden – im Krankenhaus, im Pflegeheim, in einem Hospiz oder in der eigenen Wohnung.

Noch gibt es die entsprechenden Dienste und Strukturen nicht ausreichend – und sie stehen aktuell noch zusätzlich unter Druck. Es fehlt Personal, vor allem in der Pflege. Fragen dieser Art stehen auf der Tagesordnung des 16. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), der in dieser Woche in Freiburg stattfindet. Noch bis Sonnabend tauschen sich dort 1800 Menschen aus verschiedenen Berufen aus, darunter Ärzte, Pflegekräfte, Körper- und Kreativtherapeuten, aber auch Psychologen, Sozialarbeiter oder Seelsorger.

»Palliativmedizin kann wirksam zur Vermeidung von Übertherapie am Lebensende beitragen.«

Neben Personalsorgen und dem Druck durch Finanzierungsprobleme überall im Gesundheitswesen gibt es einen weiteren Faktor, durch den indirekt der Sinn palliativmedizinischer Versorgung infrage gestellt wird. Das ist die »sich verselbstständigende Dynamik der Sterbehilfepraxis«, erklärt Bernd Alt-Epping, der gerade zum neuen DGP-Präsidenten gewählt wurde. Der Internist und Onkologe leitet eine Abteilung für Palliativmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg. Er hält es für wichtig, dass sowohl in der Medizin als auch in der Gesellschaft insgesamt die Kompetenzen der Palliativmedizin stärker wahrgenommen werden. Zum einen könne diese »wirksam zur Vermeidung von Übertherapie am Lebensende beitragen«.

Die Angst davor, noch kurz vor dem Tod quasi wehrlos an Schläuchen und Apparaten zu hängen, treibe Menschen dazu, sich einen Notausgang vermittels eines assistierten Suizids zu sichern. Das ist auch in Deutschland legal möglich über verschiedene Vereine, die entsprechende Angebote machen. Palliativmediziner wie Alt-Epping sehen hier aber jede Menge Wildwuchs. Sie befürchten mangelnde ärztliche Betreuung und die nicht sichere Feststellung der Freiverantwortlichkeit bei Suizidwilligen.

Um hier für eine bessere Datenlage zu sorgen, gibt es seit September ein Register Suizidassistenz. Das dazugehörige Forschungsnetzwerk wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Es richtet sich an Menschen, die seit dem 1. November 2024 Anfragen nach Assistenz bei der Selbsttötung erhalten beziehungsweise Suizidassistenz geleistet haben. Ziel ist es dabei auch, Qualitätskriterien zur Beurteilung der Selbstbestimmungsfähigkeit zu vereinheitlichen.

Wie sieht hingegen das Angebot der Palliativmedizin für Schwerkranke am Lebensende nun aus? Wie können Ängste genommen werden? »Alle Patienten wollen eigentlich wieder gesund werden. Wenn es nicht realistisch ist, das zu erreichen, muss ein Therapieziel gefunden werden, der individuelle Patientenwunsch. Palliativmediziner können sagen, welche Therapien geeignet wären. Der Patient kann einwilligen oder nicht«, beschreibt Gerhild Becker den Ablauf. Die Ärztin und Theologin hat den Lehrstuhl für Palliativmedizin der Universität Freiburg inne. »Aber es gibt zu wenig sprechende Medizin. Der Dialog wird verkürzt, medizinisch wird irgendetwas getan, oft nicht das Richtige.« Aus Beckers Sicht spielt dabei nicht allein das monetäre Interesse etwa der Krankenhäuser die entscheidende Rolle.

Das palliativmedizinische Angebot hat aber noch einen weiteren Sinn über Patientenwünsche hinaus. Pflegekräfte (aber auch Ärzte) werden durch von Patienten nicht akzeptierte Versorgung emotional hoch belastet – und auch ihre Kräfte sind begrenzt. Hier sollten aus Sicht der Ärzte Grenzen wahrgenommen und Strukturen verändert werden. Die Kostenersparnis steht dabei nicht an erster Stelle, wird aber auch gesehen. Denn nicht mehr zielführende medizinische Interventionen finden zum Beispiel auch auf Intensivstationen statt, deren Betrieb teuer und aufwendig ist.

Änderungsbedarf gebe es ebenfalls in der Notfallversorgung. Im Zuge der jetzt anstehenden Reform wurde das Problem von häufigen Palliativsituationen bei Notfalleinsätzen erkannt, »ohne dass daraus bislang tragfähige Konzepte resultieren«, so DGP-Geschäftsführer Heiner Melching. Auch Notärzte stimmen zu, dass es – unter anderem aus Pflegeheimen – noch zu viele Krankenhauseinweisungen gibt, die von den Betroffenen am Lebensende nicht erwünscht sind.

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Source: nd