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Niedrigwasser | Die Dürre zieht sich ins neue Jahr

Das hydrologische Jahr endet am 31. Oktober, doch das Wasserdefizit bleibt. Warum Deutschland unter Trockenheit leidet.

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Gestrandete Boote am Bodensee: Das Niedrigwasser machte sich dieses Jahr besonders in Ost- und Süddeutschland bemerkbar. Foto: IMAGO/imagebroker Kommenden Sonntag beginnt ein neues Jahr. Der gregorianische Kalender muss sich zwar noch zwei Monate gedulden, das neue hydrologische Jahr beginnt aber bereits am 1. November. Was im Winter als Schnee fällt, fließt oft erst Monate später mit der Schneeschmelze in die Flüsse. Das hydrologische Jahr umfasst deshalb den Zeitraum vom 1. November bis zum 31. Oktober. Es ermöglicht, Niederschläge und Abflüsse über eine zusammenhängende Periode zu bilanzieren und damit auch die Entwicklung des Wasserhaushalts besser einzuordnen.

»Mit dem Ende des Abflussjahres 2025/2026 muss an vielen Pegeln der NNQ – der niedrigste jemals beobachtete Abfluss – neu definiert werden«, sagt Enno Nilson von der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) in Koblenz. Der Abfluss ist die Wassermenge, die pro Sekunde einen Flussquerschnitt passiert. Anders als der Wasserstand beschreibt er damit unmittelbar die durchfließende Wassermenge und erlaubt es, Niedrigwasser auch dann zu vergleichen, wenn sich das Flussbett verändert hat.

Schon im Januar registrierte das neue Niedrigwasserinformationssystem der BfG ungewöhnlich niedrige Abflüsse in neun großen Flussgebieten Deutschlands. Dazu zählen jeweils der Hauptstrom – etwa Donau, Elbe oder Maas – und sämtliche Nebenflüsse. Die Niederschläge des Winters reichten offenbar nicht aus, um das Wasserdefizit aus dem vorangegangenen Jahr auszugleichen.

Im Laufe des Jahres verschärfte sich die Lage. Bilder von trockenen Flussbetten und gestrandeten Schiffen prägten die Berichterstattung über den trockenen Sommer. Auf dem Rhein mussten Frachtschiffe im August ihre Ladung drastisch reduzieren. Auf einzelnen Abschnitten kam der Güterverkehr ganz zum Erliegen. In Österreich, wo Wasserkraft die mit Abstand wichtigste Quelle der Stromversorgung ist, lag die Elektrizitätsproduktion der Wasserkraftwerke zeitweise mehr als 40 Prozent unter dem üblichen Niveau.

Während die BfG Anfang des Jahres noch rund ein Fünftel der Abflüsse als sehr niedrig oder extrem niedrig einstufte, waren es im September schon 35 Prozent. Als Maßstab dienen die Abflüsse der Jahre 1991 bis 2020: Die niedrigsten fünf Prozent gelten als sehr niedrig, das niedrigste Prozent gilt als extrem niedrig.

Die extreme Niedrigwasserphase neige sich laut Prognosen nun dem Ende zu, sagt Nilson. Normalerweise füllen sich die Wasserspeicher in den kommenden Monaten wieder auf. Da sie sich zuletzt jedoch stark geleert hätten, so Nilson, brauche es dafür »überdurchschnittlich lange und großflächige Niederschläge, sogenannten Landregen«.

Doch auch in den vergangenen 30 Tagen fiel ungewöhnlich wenig Niederschlag. In weiten Teilen der Einzugsgebiete von Rhein und Donau war es nur etwa halb so viel wie üblich.

Besonders in Süddeutschland herrschte im Sommer zudem ausgeprägte Bodendürre. Regen Ende August befeuchtete zwar die oberen Bodenschichten, in tieferen Schichten blieb es jedoch trocken. Im warmen, niederschlagsarmen September trockneten die Böden vielerorts weiter aus. Bäume warfen vorzeitig ihr Laub ab, im Südwesten konnte vielerorts kein Raps ausgesät werden, die Aussaat von Wintergerste musste teils verschoben werden.

So extrem das Trockenjahr 2026 auch war, es fügt sich in einen Trend ein. Satellitendaten des Helmholtz-Zentrums für Geoforschung (GFZ) in Potsdam zeigen: Das Wasserdefizit hat sich seit 2015 verschlimmert. Besonders betroffen sind Ost- und Süddeutschland.

Das liegt nicht einfach daran, dass weniger Niederschlag fällt. Im langfristigen Mittel lässt sich für Deutschland kein Abwärtstrend erkennen. Mit den steigenden Temperaturen nimmt jedoch die Verdunstung zu. Es kommt also nicht unbedingt weniger Wasser nach, aber mehr davon geht an die Atmosphäre verloren.

Zugleich verändert sich die zeitliche Verteilung der Niederschläge. Trockenphasen dauern länger, während Regen häufiger in Form von Starkregen fällt. Diese Entwicklung sei typisch für ein wärmeres Klima, erklärt Thorsten Wagener, Professor für hydrologische Systeme an der Universität Potsdam, auf Nachfrage. Trifft Starkregen auf ausgetrocknete Böden, kann das Wasser oft nicht schnell genug versickern und fließt oberirdisch ab. So gelangt es rasch in Bäche und Flüsse, statt länger im Boden gespeichert zu bleiben.

Viele Flüsse, allen voran der Rhein, werden außerdem im Frühjahr aus den schmelzenden Gletscher- und Schneemassen gespeist. »Durch den steigenden Einfluss des Klimawandels verlieren wir die natürlichen Schnee- und Gletscherspeicher in Gebirgsregionen«, sagt Wagener.

Es fällt weniger Schnee, und er schmilzt früher im Jahr. Das Schmelzwasser fließt dadurch früher ab und fehlt später im Sommer, wenn Hitze und Verdunstung den Wasserbedarf erhöhen. Die Abflüsse verlagern sich also zunehmend vom Sommer ins Frühjahr. Wagner führt aus: »Überlagert sich dieses Problem mit trockenem Winter und Frühling sowie mit hoher Verdunstung im Hitzesommer, dann haben wir einen ›perfekten Sturm‹ – oder vielmehr eine ›perfekte Dürre‹.«

Die Ursache allein beim menschengemachten Klimawandel zu suchen, wäre allerdings zu kurz gegriffen. »Seit dem 19. Jahrhundert wurden viele deutsche Flüsse begradigt, verkürzt, befestigt und als Wasserstraßen ausgebaut«, erklärt Christian Wolter, Leiter der Forschungsgruppe Fließgewässerrevitalisierung am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin-Friedrichshagen.

Durch diese Verknappung der Wege fließe das Wasser deutlich schneller ab. An den befestigten Ufern kann sich der Fluss zudem nicht mehr seitlich ausbreiten und gräbt sich stattdessen tiefer ins Flussbett. Liegt die Flusssohle tiefer als zuvor, kann dadurch auch der Grundwasserspiegel in der Umgebung sinken.

Man kann sich dabei Fluss und Grundwasser wie zwei miteinander verbundene Wasserbecken im durchlässigen Boden vorstellen: Liegt die Flusssohle tiefer, entsteht ein stärkeres Gefälle zwischen dem Grundwasser und dem Fluss. Das Wasser strömt dann aus dem umliegenden Boden in Richtung Fluss, und der Grundwasserspiegel sinkt.

Moorwiedervernässung, Auenrenaturierung und Waldumbau – all das könne zum Wasserrückhalt in der Landschaft und der Grundwasserneubildung beitragen, so Wolter. Es brauche aber Zeit, bis solche Maßnahmen Wirkung zeigten. Eine vergleichsweise rasch wirkende Maßnahme zum Wasserrückhalt wäre das Schließen von Drainagen in den Wintermonaten. Drainagen sind unterirdische Rohre, die überschüssiges Wasser von landwirtschaftlichen Flächen sammeln und in Gräben oder Bäche leiten. Gegen Niedrigwasser gebe es aber kein Allheilmittel, mahnt Wagener. Die »kritische Maßnahme« sei Klimaschutz.

Ob der kommende Winter Entspannung bringt, ist zudem ungewiss. Im Moment blickten alle gebannt auf die Entwicklung des El Niño, so der Hydrologe. Das Klimaphänomen könne in Mitteleuropa zu einem sehr warmen Winter führen – mit entsprechend wenig Schnee. Dann würde auch das gregorianische Neujahr unter denkbar schlechten hydrologischen Vorzeichen stehen.

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Originally published bynd
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