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ND-Geschichte | Die Fahne der Zeitung hissen
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1951 sprachen sie noch auf gleicher Höhe miteinander: Ulbricht und Herrnstadt (r.) Foto: wikimedia/Bundesarchiv Am 20. August 1953 schrieb Bertolt Brecht in sein Arbeitsjournal: »der 17. juni hat die ganze existenz verfremdet.« Der Arbeiteraufstand vom 17. Juni hatte Brecht erschüttert, hatte er doch die Kluft zwischen der DDR-Führung, die sich als Arbeiterregierung begriff, und den Werktätigen offenbart. Als Brecht im August noch über den Aufstand nachdachte, war Rudolf Herrnstadt, der Chefredakteur des »Neuen Deutschland«, des Zentralorgans der SED, bereits »in der politischen Versenkung verschwunden«, wie die westdeutsche »Neue Zeitung« berichtete. Daraus sollte er auch nicht mehr auftauchen. Er gehört zu jenen historischen Persönlichkeiten, die nahezu aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden sind.
Er war Reporter und Chefredakteur, Auslandskorrespondent und Geheimdienstagent, bürgerlicher Intellektueller und überzeugter Kommunist – vor allem aber war er einer der wenigen führenden SED-Funktionäre, die den Mut fanden, die eigene Partei öffentlich zu kritisieren. Journalismus verstand er nie als bloße Übermittlung offizieller Verlautbarungen, sondern als politische Praxis, die Missstände sichtbar machen und gesellschaftliche Debatten ermöglichen sollte. Am 26. Juli 1953 wurde er wegen »parteifeindlicher Fraktionsbildung« aus dem Politbüro und Zentralkomitee ausgeschlossen, wenig später als »ND«-Chef abgesetzt und Anfang 1954 aus der SED ausgeschlossen. Er arbeitete fortan in Merseburg, in einer Außenstelle des Staatsarchivs der DDR. Am 28. August 1966 starb er lungenkrank in Halle.
Geboren 1903 im oberschlesischen Gleiwitz als Sohn eines jüdischen Rechtsanwalts, der sozialdemokratischer Stadtverordneter war, studierte er erst Jura in Berlin und Heidelberg, bis er 1922 entschied, Schriftsteller zu werden, der erst als Lektor und dann als Redakteur arbeitete. Der KPD trat er 1928 bei, als Auslandskorrespondent des liberalen »Berliner Tageblatts« in Prag. Mit Billigung der Partei begann er für den sowjetischen Militärgeheimdienst zu arbeiten. Seine journalistische Tätigkeit verschaffte ihm Zugang zu politischen Informationen und diplomatischen Kreisen – einen Widerspruch sah er darin nicht. Mit dem deutschen Überfall auf Polen floh er in die Sowjetunion. Seine Eltern wurden während des Nationalsozialismus ermordet, seine frühere Partnerin Ilse Stöbe als Mitglied der Widerstandsgruppe »Rote Kapelle« in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Im Moskauer Exil, im berüchtigten Hotel Lux, entwickelte sich Herrnstadt zu einem der wichtigsten publizistischen Köpfe der deutschen Kommunisten. Als Chefredakteur der Zeitung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« wirkte er an den politischen Vorbereitungen für ein Deutschland nach Hitler mit. Gemeinsam mit Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht, Anton Ackermann und Johannes R. Becher gehörte er zu den Kadern, die nach 1945 die DDR aufbauen sollten.
Dennoch blieb Herrnstadt ein Außenseiter. Anders als Ulbricht war er kein klassischer Parteimann, sondern ein bürgerlicher Intellektueller mit journalistischer Ausbildung und Russischkenntnissen. Helmut Müller-Enbergs beschreibt ihn in seiner 1991 erschienenen Hernnstadt-Biografie als »Seiteneinsteiger«, dem der »Stallgeruch« der alten KPD-Elite fehlte, was ihm immer wieder vorgeworfen wurde. Wolfgang Leonhard erinnerte sich später an Herrnstadts bürgerliche Umgangsformen und auch an dessen »ironischen Unterton«.
Doch seine publizistischen Fähigkeiten wurden gebraucht – und Herrnstadt stellte sich voll und ganz in den Dienst der Sache. Und das hieß: die Verteidigung der Sowjetunion und der Aufbau eines neuen, sozialistischen Deutschlands. Bereits im Mai 1945 kehrte Herrnstadt daher mit Parteiauftrag nach Berlin zurück und baute als Chefredakteur die »Berliner Zeitung« auf, deren erste Ausgabe am 21. Mai 1945 erschien. Der DDR-Journalist Kari-Heinz Gerstner erinnerte sich später an ihn als publizistischen »Glücksfall«. Die von ihm geleiteten Redaktionskonferenzen seien ein Erlebnis gewesen. Mit wenigen Sätzen charakterisierte Herrnstadt die internationale Situation und die aktuellen innenpolitischen Probleme. Sorgfältig wurde die Thematik des Leitartikels ausgewählt, die politische Konzeption skizziert und es wurden Autoren bestimmt. Schrieb Herrnstadt selbst Leitartikel, durfte er den ganzen Nachmittag nicht gestört werden. »Da wird die Fahne der Zeitung gehisst«, wie er sich ausdrückte.
Anders als Ulbricht war er kein klassischer Parteimann, sondern ein bürgerlicher Intellektueller mit journalistischer Ausbildung und Russischkenntnissen.
1949 wechselte Herrnstadt an die Spitze des »Neuen Deutschland«. Anders als viele führende SED-Funktionäre war er ausgebildeter Journalist und verstand die Zeitung nicht nur als Sprachrohr der Partei. Aufsehen erregte er etwa durch seinen ganzseitigen Artikel »Die Russen und wir« im November 1948. Herrnstadt schrieb dort offen über das Verhalten der Sowjetsoldaten bei Kriegsende, über deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion sowie über Demontagen, Reparationen und die aktuelle sowjetische Außenpolitik – ohne jedoch seinen Anspruch an solidarische Verbundenheit mit der Sowjetunion aufzugeben.
Als überzeugter Kommunist begann Herrnstadt Anfang der 50er Jahre, zunehmend die Entwicklung der SED zu kritisieren. Er warnte vor der »schleichenden Krankheit des kleinbürgerlichen Hochmuts«, prangerte bürokratische Selbstherrlichkeit an und forderte mehr innerparteiliche Demokratie. Die Partei, so seine Überzeugung, entferne sich zunehmend von den Menschen, in deren Namen sie regiere.
Mit dieser Kritik verband Herrnstadt ein eigenes Verständnis von Journalismus. Die Presse sollte nicht nur Beschlüsse verbreiten, sondern der Partei Rückmeldungen aus der Gesellschaft vermitteln. Er vertraute auf die »Initiative der Massen« und war überzeugt, dass sozialistische Politik nur funktionieren könne, wenn Kritik aus Betrieben und von der Parteibasis öffentlich artikuliert werden dürfe. Er wollte eine Partei, die Kritik zuließ, und einen Journalismus, der Öffentlichkeit nicht nur organisierte, sondern ihr zuhörte. Das »Neue Deutschland« wollte er daher zu einem Forum politischer Debatten ausbauen. Gemeinsam mit der »Hamburger Freien Presse« initiierte er etwa das kurzlebige »Deutsche Gespräch«, das den publizistischen Austausch über den Alltag in beiden deutschen Staaten fördern sollte.
Herrnstadt wandte sich gegen Personenkult und die Abschottung des Parteiapparats. Öffentlichkeit verstand er nicht als Gefahr, sondern als Voraussetzung einer lernfähigen Partei. Journalismus sollte Missstände benennen, Reformen anstoßen und eine Verbindung zwischen Intelligenz und Arbeiterschaft herstellen. Gerade dieses Verständnis machte ihn für die alten Parteikader um den SED-Generalsekretär Walter Ulbricht verdächtig, zu dessen schärfsten Kritikern er innerhalb des Politbüros gehörte. Gemeinsam mit Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser plädierte er für eine kollektive Parteiführung und sprach dem Generalsekretär die Fähigkeit zu notwendigen Reformen ab. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 schien diese Position kurzfristig sogar Rückhalt in Moskau zu finden.
Doch die sowjetische Führung entschied sich schließlich für Ulbricht. Herrnstadt und Zaisser wurden der »parteifeindlichen Fraktionsbildung« beschuldigt und durch eine vom Politibüro-Mitglied Karl Schirdewan orchestrierte publizistische Kampagne als »Trotzkisten« und »Feinde des deutschen Volkes und der Partei der Arbeiterklasse« diffamiert. Herrnstadt verlor seine Posten, wurde ins Merseburger Archiv versetzt und war publizistisch weitgehend ausgeschaltet. Sein Gegner Schirdewan wurde 1958 ebenfalls ausgeschaltet und in ein Archiv versetzt. Herrnstadt widmete sich historischen Studien über die Arbeiterbewegung und die Entstehung des Klassenbegriffs. Öffentlich durfte sein Name kaum noch erscheinen.
1961 bot ihm die SED die Wiederaufnahme in die Partei an – allerdings sollte er dafür eine Art Schweigegelübde ablegen. Herrnstadt lehnte ab und verlangte stattdessen seine öffentliche Rehabilitierung, was ihm verweigert wurde. Ebenso wie jede offizielle Würdigung, als er 1966 starb. Erst Ende November 1989 hob die Zentrale Parteikontrollkommission seinen Parteiausschluss offiziell auf.
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Source: nd