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Nahost-Konflikt | Genozid-Nachweise mit öffentlichen Daten

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Die Gaza-Karten stellen israelische Angriffsziele dar, darunter etwa zivile Infrastruktur, Ackerland oder Verteilungszentren von Hilfsgütern. Foto: Tom Mesic Daten können helfen, die Dimension von Krieg und Zerstörung sichtbar zu machen. Die am Goldsmith College der Universität London arbeitende Recherchegruppe Forensic Architecture ist auf solche Untersuchungen spezialisiert: Sie wertet enorme Mengen von Videoquellen, Satellitenbildern und Texten aus, verifiziert sie und ergänzt sie mit Interviews von Augenzeugen. So konnten die Rechercheure von Oktober 2023 bis November 2025 insgesamt 1634 Angriffe des israelischen Militärs auf vornehmlich zivile Ziele in Gaza belegen.

Die jetzt in Linz beim Prix Ars Electronica 2026 mit der Goldenen Nica in der Kategorie »Interactive Art+« prämierte Installation besteht aus einer interaktiven Karte des Gazastreifens, die groß auf die Wand des Lentos Kunstmuseums projiziert wird. Über einen Touchscreen hat man die Möglichkeit, in einer Liste direkt einzelne Angriffe herauszusuchen. Man erfährt Zeitpunkt und Ort des Vorfalls sowie eine Beschreibung der Zerstörung. Oft sind noch Videoaufnahmen, die den Angriff und das Ausmaß der Verwüstung zeigen, in die Darstellung eingebunden – das ist nichts für schwache Nerven.

Einen tieferen analytischen Blick erlaubt eine zweite Datenaufbereitungsebene. Auf der Gaza-Karte werden spezifische Angriffsziele dargestellt. Man bekommt etwa anhand der Schwarzfärbung von einst grünen Flächen einen Eindruck davon, wie viel Ackerland zerstört wurde. Eine Zunahme an blauen Punkten auf der Karte zeigt an, welche zivile Infrastruktur zerstört wurde.

Man kann noch detaillierter in die Analyse gehen und sich einzeln zerstörte Bäckereien, Restaurants oder Cafés als Datenpunkte auf der Karte anzeigen lassen. Großen Raum in der Installation nehmen zudem Angriffe auf Verteilungszentren von Hilfsgütern ein.

Die digitalen Farbpigmente in der Darstellung sorgen einerseits für eine eher kühl-rationale Distanz, verbunden mit ästhetischen Reizen – ähnlich dem abstrakten Expressionismus des US-amerikanischen Großkünstlers Jackson Pollock etwa. Zugleich machen all die verschiedenfarbigen Datenpunkte und -flächen die Dimension des Angriffskriegs sichtbar.

Die Integration all dieser verschiedenen Informationen ist zum Markenzeichen der 2010 gegründeten Plattform Forensic Architecture geworden. »Wir profitierten ganz sicher von der Open-Source-Revolution«, bekannte Eyal Weizman, gelernter Architekt und Sohn jüdischer Holocaust-Überlebender. Open Source meint dabei nicht nur die Menge frei verfügbarer Bilder und Videos, sondern auch von Programmen zur Auswertung. »Es geht uns darum, Beziehungen zwischen den Bildern von einzelnen Ereignissen herzustellen. Zusammen mit den Informationen über Ort und Zeit können wir die Winkel, in denen ein Geschoss in einem Gebäude einschlug, wie auch die physischen Positionen von Tätern und Opfern im Raum bestimmen«, erläuterte Weizman in einem Interview mit dem britischen »Observer«.

Weiteres Element sind die vom israelischen Militär angeordneten Umsiedlungen. Auch sie sind auf der interaktiven Karte Monat für Monat, Jahr für Jahr nachzuverfolgen. Ein eingefrorenes Bild dieser Vertreibungen ist außerdem auf eine große textile Karte gebannt – ein weiteres künstlerisches Visualisierungselement. Auch in einer chronologischen Erzählung der Zerstörungen insgesamt sind diese Umsiedlungsprogramme eingefügt – beginnend mit Videoaufnahmen vom Abwurf tausender Flugblätter, die die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat aufforderten. Den Luftangriffen ging also der Propaganda-Luftkrieg voraus.

Aus all diesen unterschiedlichen Facetten des Kriegs leitet Forensic Architecture den Vorwurf des Genozids ab. Dabei bezieht sich die Gruppe auf die Definition des polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, die auch in Artikel 2 der Genozid-Konvention übernommen wurde. Genozid wird darin durch einen koordinierten Plan zur Zerstörung essenzieller Lebensgrundlagen nationaler Gruppen mit dem Ziel der Vernichtung dieser Gruppen charakterisiert.

Forensic Architecture stellte das Material, aufbereitet in einem mehr als 800 Seiten starken Bericht, dem südafrikanischen Juristenteam zur Verfügung, das in einer Klage Israel vor dem Internationalen Gerichtshof des Völkermords bezichtigt. Eine frühere Fassung des Berichts wurde dem britischen Parlament übermittelt, im Bestreben, dass dort ein Stopp der Ersatzteillieferung vor allem für die F35-Bomber, die massiv im Luftkrieg gegen Gaza eingesetzt werden, erreicht wird. Die Datenkunst spielt hier eindeutig zurück ins politische Feld.

In Österreich löste das Projekt Kontroversen aus. Zwar passt die Preisverleihung bestens ins kritisch-aufklärerische und auch sehr tech-affine Selbstverständnis des Medienkunstfestivals Ars Electronica. Landeshauptmann Thomas Stelzer von der ÖVP, der das Festival mit eröffnete, blieb jedoch der Preisverleihung demonstrativ fern. Druck auf die Veranstaltung oder Jury wurde aber nicht ausgeübt, sagte eine Festivalsprecherin auf Nachfrage zu »nd«.

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Source: nd