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Musik | Swans: Weit weg von dem, was ein Song ist
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Swans live in Malmö 2024 Foto: IMAGO / Gonzales Photo Abschied ist ein scharfes Schwert, und Michael Gira zieht seinen nun schon seit ungefähr 30 Jahren in die Länge. Die erste letzte Tour der Swans fand 1997 statt, da hab ich sie im Bremer Schlachthof gesehen. Das dritte Konzert, auf dem ich überhaupt war, und ich hätte nicht gedacht, dass solche Lautstärke möglich ist. Dokumentiert wurde sie zwei Jahre später auf dem Live-Album »Swans Are Dead«, dem ersten Abschiedsalbum. Ende der Neunziger zerdehnte Gira mit seiner siebenköpfigen Band Stücke vor allem vom damals finalen »Soundtracks for the Blind«-Album, eines der depressivsten des Band-Katalogs.
Von allen Schmerzensmännern des globalen Undergrounds war und ist Gira einer der konsequentesten und pathosvollsten. Von jeder musikalischen Entwicklung außerhalb des eigenen Sound-Universums komplett unberührt türmten die Swans Lärmschicht um Lärmschicht, immer wieder unterbrochen von fragilen, schwebenden Passagen.
Von jeder musikalischen Entwicklung außerhalb des eigenen Sound-Universums komplett unberührt türmten die Swans Lärmschicht um Lärmschicht.
Der »Wir schlagen euch jetzt alle erst einmal gründlich zusammen«-Gestus der frühen Tage baute sich im Lauf der Jahre ab – mit einem Umweg über schön hybrid-befremdlichen Industrial-Dream-Pop auf den Alben »Love of Life« und »White Light from the Mouth of Infinity«. Die Swans begannen damit, Ambient, Folk und Noise zusammenzudenken. Ein ambivalent schillerndes Klanggebilde, das Michael Gira einst so definierte: »Schwäne sind diese wunderschönen Tiere, die in Wirklichkeit völlig widerwärtig sind. Es sind abscheuliche Wesen.«
2010 ging es in komplett neuer Besetzung und mit einem Album mit dem sehr schönen Titel »My Father Will Guide Me Up a Rope to the Sky« weiter. Es folgten noch ein, zwei Bandauflösungen und Abschiede, das waren aber nur kurze Unterbrechungen. In den letzten fünfzehn Jahren verfährt Gira als Komponist, im Studio und als performativ tyrannischer Dirigent bei Konzerten mehr und mehr wie ein Architekt. Die Stücke sind keine Songs mehr, sondern Gebilde.
Das Album der Woche. Weitere Texte unter dasnd.de/plattenbau
Das jetzt erschienene Abschluss-Live-Album »Newly Sentient Being« dokumentiert das letzte Konzert der jetzigen Besetzung am 28. November 2025 im Berliner Festsaal Kreuzberg. Fünf Stücke, ein weiteres, »A Little God in My Hands«, wurde damals live gespielt, hat es aber nicht aufs Album geschafft. Gleich die ersten beiden, »The End of Forgetting« und »The Merge«, bringen es auf je 40 Minuten, das Titelstück dauert knapp eine Stunde. Man kann das nicht nebenbei hören, sondern muss sich auf die endlosen Wiederholungen und Brüche einlassen. Weiter weg waren die Swans von der Liedform bis jetzt noch nicht. Musik als meditativer Strudel, in den sich der Gesang Giras, die sonorste Stimme der Welt, nicht als Frontmann-Ton einfügt, sondern als weitere Klangfarbe.
Wenn die Band es krachen lässt, kracht es immer noch gewaltig und ausdauernd. Die Massivität kommt hier aber weniger aus der Überwältigung, sondern aus der stoischen Wiederholung. In den Stücken werden Motive der letzten Alben aufgenommen, fließen ineinander und werden ausgedehnt, ohne zu zerfasern. Die Gitarren spielen immer wieder flirrende Melodien, jeder Wechsel reißt einen neuen Horizont auf, zusammengehalten von Schlagzeug und einem Bass, der in einigen Passagen geradezu dubbig loslegt. Ein würdig-monumentaler Abschluss. Bis zur nächsten Reunion in vermutlich sechs Monaten.
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Source: nd