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Militarisierung | Tausende gegen Wehrpflicht: Angst und Widerstand
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Junge Menschen feiern mit Pyrotechnik den Auftritt der Band K.I.Z. am Brandenburger Tor, um gegen die geplante Wehrpflicht zu demonstrieren. Aufgerufen hat das Bündnis »Unzwingbar«. Foto: dpa/Sven Kaeuler Joseph und Richin, beide 21, sind zufällig hier. Eigentlich besuchen sie einen Freund in Berlin und wollten zum Brandenburger Tor. Am Freitagnachmittag stehen sie aber am Rand einer Kundgebung gegen die Wehrpflicht. Ins Militär gehen zu müssen, würde ihm Angst machen, sagt Joseph zu »nd«. »Wenn man vom Krieg zurückkommt, ist man nicht mehr die gleiche Person.« Auch für Richin ist die Vorstellung bedrohlich: »Ich würde schon gerne ein schönes Leben haben«, sagt er. Er wolle nicht in den Krieg ziehen. »Wir können ja nichts dafür, dass die Politiker solche Entscheidungen treffen.«
Eingeladen zur Kundgebung hat ein breites Bündnis um die Friedenskoordination, Schulstreiks gegen die Wehrpflicht und die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigung der Kriegsdienstverweigerer (DFG-VK). Das Motto ist »unzwingbar«. Angemeldet waren 30.000 Teilnehmer*innen. Um so viele Leute zu mobilisieren, hat das Bündnis zahlreiche Künstler*innen eingeladen, darunter die Rapper KIZ, Disarstar und Sechser und die Rostocker Punkband Dritte Wahl.
Ungefähr in der Mitte der Menge vor der Bühne steht der 22-jährige Janne. Er berichtet »nd«, dass sein kleiner Bruder einen Musterungsbescheid bekommen habe. Er selbst habe schon verweigert, sagt er. Janne studiert Lehramt und unterrichtet schon an einer Schule. »Viele Kinder haben Angst«, sagt er. Es stelle sich ein Gefühl der Machtlosigkeit ein, gerade auch durch soziale Medien. Deswegen sei er auch auf der Kundgebung. »Das zeigt, dass man kämpfen kann.«
Auf dem Platz des 18. März sind schon zu Kundgebungsbeginn um 16 Uhr Tausende Menschen, vor allem Jugendliche. Auf der Straße des 17. Juni ist, mehrere Meter groß, das Logo der DFG-VK aufgestellt: Zwei Hände, die ein Gewehr zerbrechen. Ein Junge sitzt vor der Bühne auf den Schultern seines Vaters und hält ein offensichtlich selbstgemachtes Schild in der Hand, auf dem steht: »Kinder wollen nicht ab 18 in die Wehrpflicht.«
Die erste Rede hält Till von der Verdi Jugend Kiel. Er schlägt die Brücke vom Sozialkahlschlag der Bundesregierung zur Aufrüstung. Die Jugend sei von ersterem besonders betroffen. Er spricht von verpflichtenden Krankschreibungen ab dem ersten Tag, der Aussicht, keine Rente zu bekommen, Stellenstreichungen und Kettenbefristungen. Das alles sei eine Drohung an die junge Generation. Das Geld wandere in die Taschen der Konzerne und in die Aufrüstung. Die Jugend, die verweigere, sei ein Vorbild für die Gewerkschaften. Es brauche große Streiks, auch gegen die »Politik des Sozialkahlschlags und der Aufrüstung«.
Zwischen Reden und Konzerten stimmt die Menge vor der Bühne immer wieder Sprechchöre an. Darunter »Nie wieder Wehrpflicht« oder »Krieg, Krise, Inflation, Friedrich Merz du Hundesohn«. Vor gut einer Woche waren Schüler*innen bei anderen Demonstrationen wegen letzterer Parole festgenommen worden. Aber wie schon bei der Parole »Merz leck Eier«, die im Frühjahr für Aufsehen sorgte, lassen sich die Demonstrant*innen davon nicht abhalten. Zentrale Aufgaben auf der Kundgebung, wie die Moderation auf der Bühne oder die Ordner*innen, werden von jungen Menschen übernommen.
Im Laufe des Abends wächst die Kundgebung immer weiter an. Zwei riesige orangefarbene Fahnen, auf denen »FCK AFD« und »FCK NZS« steht, werden geschwenkt, wie auch zahlreiche Fahnen kommunistischer Organisationen sowie die weiße Taube auf blauem Grund, die Fahne der Friedensbewegung. Zwischen den Reden treten immer wieder Künstler*innen auf.
»Das ist gelebter gemeinsamer Widerstand.«
Neben diesen erhält der Bundessprecher der DFG-VK mit am meisten Applaus. »Das ist gelebter gemeinsamer Widerstand«, sagt Jürgen Grässlin in seiner Rede dazu, dass Politik und Kultur miteinander verbunden werden. »Hallo ihr jungen Menschen, die als Kanonenfutter im nächsten Krieg dienen sollen, wenn es nach der Bundesregierung geht«, begrüßt er dann die Menge, während es langsam dunkel wird. Er erzählt, wie er in der Zeit des Kalten Krieges Soldat war. Als er Kopfschüsse üben sollte, habe er verweigert, ruft er und die Menge jubelt. »An diesem Tag wurde ich Pazifist. Ich weigerte mich zu schießen. Ich weigere mich bis heute, erst auf Zielscheiben zu schießen und danach auf Menschen.« Er sagt, dass die russische Armee völkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert ist. Es werde aber nicht gesagt, dass die israelische Armee Zehntausende getötet hat, dass die türkische Armee Kurd*innen umbringt. »Das Gute an alledem aber ist: Ihr verweigert euch!« Grässlin schließt seine Rede mit einer Aufforderung: »Lasst uns gemeinsam diese bessere Welt erschaffen!«
Nach einem kurzen Auftritt des Rappers Sechser geht Andrea Hornung ans Mikro. Sie ist Sprecherin der Initiative »Nie wieder Krieg – Die Waffen nieder«, die die Schulstreiks gegen die Wehrpflicht mitorganisiert. Hornung erzählt von der Musterungslotterie, mit der während des Vietnamkriegs junge US-Amerikaner ausgelost wurden, die dann nach Südostasien in den Krieg mussten. Aber genauso berichtet sie vom Widerstand dagegen, an den sie heute anschließen will. »Wir verweigern uns und kämpfen gegen den Krieg«, ruft sie und schließt: »Wenn die Bundesregierung mit uns Lotto spielen will, dann sorgen wir dafür, dass sie nur Nieten zieht.«
Jemand, der die Folgen seiner antimilitaristischen Haltung gespürt hat, ist Soul Tsalik. Er ist, wie er sagt, israelischer, antizionistischer Aktivist und berichtet von seinen Erfahrungen. »Als ich 16 war, bekam ich meinen ersten Einberufungsbescheid.« Damals habe er noch sein Bestes gegeben, um in die angesehenste Militäreinheit zu kommen. Mit 18 allerdings verweigerte er und musste deswegen ins Gefängnis. Er habe Freunde verloren und noch immer berufliche Nachteile. Jetzt studiert Tsalik. In jedem Hörsaal sei ein Soldat. »Militarismus ist eine Sucht«, sagt er und er diene dazu, das Leben zu vereinfachen. »Das Schlimmste, was Militarismus macht, ist Krieg, ist Besatzung, ist Völkermord.« Er sagt, gezielt an das deutsche Publikum gerichtet, die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit dürften die Verbrechen der Gegenwart nicht rechtfertigen. »Hört auf, mein Land zu bewaffnen«, ist der letzte Satz seiner Rede.
Nach weiteren Reden und Konzerten schließt die Kundgebung mit einem Auftritt der Rapper KIZ. Schon vorher, beim Auftritt von Disarstar, war die Stimmung wie bei einem Festival. Jetzt singen tausende Teilnehmer*innen lautstark mit.
Am Ende sind es nicht die angekündigten 30.000 geworden, sondern, so die Veranstalter*innen, 20.000. Trotzdem zeigt sich am Freitag, dass die Friedensbewegung, deren Veranstaltungen in den vergangenen Jahren vor allem von Älteren besucht wurden, sich verjüngt. Die Aussicht, in den Krieg geschickt zu werden, macht Angst – aber auch der Wille, Widerstand zu leisten, wird größer.
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Source: nd