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Migration | »Gerade jetzt laufen Massenabschiebungen«
Ende Juli kamen Tausende Menschen nach Ceuta. Die Schlagzeilen sind verschwunden, die Gewalt nicht. Eine Aktivistin von No Name Kitchen berichtet.
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Geflüchtete Menschen in Ceuta erleben regelmäßig Schikanen durch die Polizei. Foto: AFP/THOMAS COEX No Name Kitchen ist seit mehr als fünf Jahren in Ceuta aktiv. Wie haben Sie den 30. und 31. Juli erlebt, als Tausende versuchten, die Grenze nach Ceuta zu überqueren?
Die ersten Tage waren sehr chaotisch. In allen Vierteln nahe der Grenze, auch dort, wo unser Haus war, war das Wasser abgestellt und die Läden waren geschlossen. Man kam also weder an Essen noch an Wasser. Das Erste, was wir organisiert haben, war Essen. Noch immer bereiten wir jeden Tag mehr als 1000 Portionen zu.
Viele Menschen, die in Ceuta leben, haben diese Tage als bedrohlich erlebt. Was würden Sie ihnen sagen?
Ich glaube, in Ceuta zu leben, muss wirklich hart sein, nicht nur wegen der Ereignisse vom 30. Juli. Ich verstehe, warum die Menschen große Angst hatten. Nach dem, was ich jetzt, zwei Monate später sehe, hat die Stadt die Bedürfnisse der People on the Move (Menschen, die unterwegs sind) noch immer nicht gedeckt. Viele Menschen sind noch immer auf der Straße, und das sind nicht nur marokkanische Männer, sondern auch sehr kleine Kinder, viele Minderjährige, Frauen, Angehörige der LGBTQ+-Community. Und wenn sich die offiziellen Behörden kümmern, dann auf militärische Weise: Sie setzen einfach viel Armee und Polizei ein.
No Name Kitchen versorgt seit fünf Jahren Geflüchtete in der spanischen Exklave Ceuta. Das ist nicht ungefährlich, wie Andrea García im Gespräch mit Alieren Renkliöz berichtet. Mitglieder ihrer Initiative werden nicht nur von der Polizei kriminalisiert, sondern auch von Rechtsextremisten angefeindet. Ihr Name wurde für das Gespräch geändert, um sie keiner zusätzlichen Gefahr auszusetzen.
Viele haben erst durch die Grenzübertritte in diesem Jahr von Ceuta gehört. Was ist bezeichnend für die Stadt?
Ceuta war schon immer ein Hotspot für Migration. Die Stadt gehört seit hunderten Jahren zu Spanien. Seit dem EU-Beitritt Spaniens ist die Grenze zu Marokko auch die Grenze zwischen Afrika und der Europäischen Union. Immer wieder kam es zu massenhaften Grenzübertritten. Deswegen gab es in Ceuta auch Massaker, etwa das von Tarajal im Jahr 2014 (Rund 300 Menschen versuchten, nach Ceuta zu gelangen. Die Polizei schritt ein und tötete mindestens 15 Menschen, Anm. d. Red.). Der Unterschied zu anderen Orten ist, dass man hier keine großen Boote sieht. Die Menschen überwinden den Zaun oder schwimmen herüber. Deshalb ist Ceuta medial nicht so präsent. Diese Stadt ist eine Exklave. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen ein zehn Meter hoher Zaun. Und sie ist eine Ausnahme im Schengen-Raum, denn wer von Ceuta aufs Festland will, muss seine Papiere vorzeigen. Deshalb sitzen die Menschen hier fest. Es ist ein Freiluftgefängnis.
Denken manche Migranten darüber nach zurückzukehren?
Wir sehen jetzt, dass die Strategie darin besteht, die Menschen an einen Punkt zu bringen, an dem sie die Situation nicht mehr aushalten. Sie schlagen sie jeden Tag, vertreiben sie von ihren Schlafplätzen, wecken sie nachts auf, nur um sie zu zermürben. Der Strand war voller Menschen. In den vergangenen Tagen kam die Polizei, setzte viele von ihnen in große Busse und sagte ihnen, sie kämen in Zentren. Aber dann brachten sie sie an die Grenze und sagten: Entweder ihr geht von selbst, oder wir erteilen euch eine Anordnung, dass ihr fünf Jahre lang nicht nach Europa einreisen dürft. Deshalb gehen viele zurück. Es heißt, das sei eine freiwillige Rückkehr, aber wir wissen, dass sie nicht freiwillig ist. Gestern hat mir jemand gesagt: Ich sterbe lieber hier, als nach Marokko zurückzugehen.
Ihre Initiative dokumentiert Gewalt an den Grenzen in Osteuropa. Tun Sie das auch in Ceuta?
Ja, wir versuchen es jeden Tag. Wir sammeln Zeugenaussagen. Immer, wenn wir erfahren, dass etwas passiert, gehen wir hin und filmen. Aber das Ausmaß ist wirklich groß. Jedes Mal, wenn man vor die Tür tritt, erzählt einem jemand, dass er vom Militär geschlagen worden sei. Ich glaube, dass jeder, der auf der Straße geschlafen hat, irgendeine Form von Gewalt erlitten hat.
Welcher Fall, den Sie dokumentiert haben, ist Ihnen im Gedächtnis geblieben?
Da war dieser Junge, 15 Jahre alt, ein unbegleiteter Minderjähriger. Er hatte eine Kopfverletzung, die mit Metallklammern behandelt wurde. Armeeangehörige hatten ihnen geschlagen. Er erzählte, dass das um vier Uhr morgens passiert sei. Das Militär schlägt Menschen oft, wenn sie schlafen. Wir haben mit ihm organisiert, dass ihm die Metallnaht im Krankenhaus entfernt wird. Nach einer Woche, als wir zu ihm wollten, sagte er uns am Telefon, dass er in der Nacht abgeschoben worden sei. Er schrieb mir, dass er die Klammern noch immer im Kopf habe. Er wurde ohne Grund abgeschoben, dabei ist er minderjährig.
Und Sie haben die Verletzungen fotografiert?
Ja, haben wir. Wir haben auch ein juristisches Team, das einige Fälle begleitet.
Kommt es in Ceuta noch immer zu Pushbacks?
Ja, Migranten werden ohne jedes Verfahren abgeschoben. Wir haben viele Pushbacks gesehen. Polizeiautos, in die nachts Menschen gesetzt und in denen sie an die Grenze gebracht werden. Gerade jetzt laufen Massenabschiebungen. Als sie die Playa del Trampolín räumten, einen Strand, an dem sich zuvor rund 3000 Menschen aufhielten, haben sie die Menschen an die Grenze gebracht. Wir haben gesehen, wie das ablief. Den Menschen, die direkt vom Strand abgeschoben wurden, hat man in drei Minuten erklärt, was gerade passiert. Wie soll man in drei Minuten erklären, wie internationaler Schutz funktioniert, wie Asyl funktioniert, was mit einem geschehen wird? Laut Zeitungsberichten haben rund 1000 Menschen Ceuta so innerhalb weniger Tage verlassen. Wir fragen uns, ob das wirklich freiwillig ist.
No Name Kitchen beklagt sich darüber, dass die eigene Arbeit kriminalisiert wird. Was genau meinen Sie damit?
Vor einigen Wochen folgte uns ständig die Armee. Soldaten durchsuchten uns und kontrollierten bei jeder Aktivität unsere Ausweise. Es kursierten Falschmeldungen, wir würden Pfefferspray und Molotowcocktails an die People on the Move verteilen, was absolut nicht stimmte. Soldaten wollten bei unseren Verteilungen immer etwas finden, aber wir hatten nichts dabei außer Wasser, Essen und Erste-Hilfe-Taschen. Wir mussten das Essen aus unserem Lager zum Kochen ins Haus bringen. Aber ein Militärtransporter blieb stundenlang direkt vor unserer Haustür stehen und wir kamen nicht hinaus. Er stand dort nur, um uns aufzuhalten.
Nein, inzwischen wird die Kriminalisierung auch finanziell. Sie verhängen Bußgelder gegen uns, aus jedem erdenklichen Grund, den sie finden. Wegen des Autos, weil wir falsch parken oder weil wir Essen verteilen, wo wir das nicht sollten. Dabei haben wir die Polizei immer wieder gefragt, wo wir Essen verteilen sollen. Wir wollen kein Chaos verursachen, sondern helfen. Manchmal werden wir auch von irgendwelchen rechtsextremen Gruppen bedroht. Deshalb ist es schwer, überhaupt Orte für die Essensausgabe zu finden.
Wie reagiert die Polizei, wenn Sie die Schikanen filmen?
Letzten Monat, als die Polizei Menschen vom Strand in ein neues Zentrum brachte, haben wir das gefilmt. Die Guardia Civil kam und begann, uns ziemlich aufgebracht zu durchsuchen. Eine unserer Freiwilligen filmte auch diese Situation, um einen Beweis zu haben, falls etwas passiert. Daraufhin wurde ihr das Handy sehr grob abgenommen. Das passiert aber nicht jedes Mal, wenn wir filmen. Allerdings wurden unsere Ausweisdaten geleakt, nachdem die Polizei unsere Personalien festgestellt hatte. Das war für uns ein schwerer Übergriff.
Sie sind in rechtsextremen Gruppen aus Spanien und Ceuta gelandet. Man konnte das auch in Instagram-Reels einiger spanischer Influencer sehen. Eines Tages schickte mir jemand eine Instagram-Story, in der mein Gesicht zu sehen war, mit dem Satz: »Das sind die, die Pfefferspray verteilen.« Ein anderes Mal sagte mir jemand, ich sei in einem Video von einem Faschisten aus Spanien zu sehen. Viele Leute haben Videos von uns gemacht und sie auch geteilt.
Wir haben einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen, denn wir werden hierbleiben. Wir denken, dass alles, was wir tun, legal ist, und wir sind solidarisch mit diesen Menschen. Es ist schrecklich, aber wir gewöhnen uns daran. Fast jeden Tag werden wir in der Stadt angeschrien. Man kann sich ja vorstellen: Wenn sie uns schon so behandeln, wie behandeln sie dann die People on the Move auf der Straße? Mich beunruhigt einfach, dass das nicht mehr im Verborgenen passiert. Wirklich hart war die Behandlung im Krankenhaus. Wir Freiwilligen, die die People on the Move begleiteten, mussten an anderen Orten warten, nicht dort, wo Spanier oder Menschen aus Ceuta warten konnten. Und auch dort haben sie uns angeschrien.
Ich glaube, all das unterstreicht, dass die Gewalt jetzt systematisch ist. Ja, es ist ein Notfall, es ist eine Krise. Aber nach zwei Monaten gibt es immer noch keine andere Antwort, als ein paar Camps zu bauen. Neben all der Kriminalisierung und den Drohungen gibt es auch viele Menschen, die solidarisch an unserer Seite stehen und helfen. Und ich möchte an die Stärke und die Netzwerke erinnern, die People on the Move hier aufbauen. Sie finden noch immer jeden Tag Lösungen, um Widerstand zu leisten und zu versuchen, ihren Traum zu verwirklichen und ihre Reise fortzusetzen.
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