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»Mephisto« am Berliner Ensemble | Frank Castorf: Warum tut Kälte weh?
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Nur ein Schauspieler? Hier wird die Politik zum Ballast für die Kunst. Foto: OSTKREUZ/Jörg Brüggemann Auch wer Klaus Manns »Mephisto« nie gelesen hat, der weiß doch zumindest eins darüber: Es handelt sich um einen Schlüsselroman. Und bei der mephistophelischen Gestalt im Mittelpunkt, Hendrik Höfgen, dem Starschauspieler und Salonbolschewisten in der Zwischenkriegszeit und gleichermaßen verehrten Starschauspieler und geläuterten Nationalsozialisten während des Faschismus – so viel ist ebenfalls klar –, handelt es sich um Gustaf Gründgens. Dieser Umstand zog auch die Aufmerksamkeit bundesrepublikanischer Gerichte auf sich, die für Jahre eine Veröffentlichung verunmöglichten.
Das allerdings interessiert Frank Castorf herzlich wenig, der sich des Romans angenommen und ihn Mitte September auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht hat. Was geht uns ein Schauspieler der Vorzeit an? Manns Vorspruch »Alle Figuren stellen Typen dar, nicht Porträts«, den man vorschnell als wenig überzeugenden Beschwichtigungsversuch deuten könnte, nimmt Castorf äußerst ernst.
Im Zeitraffer wird uns gleich zu Beginn die zweifelhafte Karriere des Höfgen/Gründgens dargelegt. Ein links blinkender, aber zu keinem politischen Risiko bereiter Charge gibt für die Möglichkeiten, die sich ihm unterm Hakenkreuz bieten, auch die letzten Reste von Überzeugung oder Anstand preis. Im weiteren Verlauf des insgesamt knapp sechseinhalbstündigen Abends geht es dann heiter durcheinander. Und Barbara Bruckner heißt auf der Bühne auch Erika Mann, ganz so wie Nicoletta von Niebuhr auch Pamela Wedekind genannt wird. Hier muss kein Geheimnis gewahrt werden, das vielleicht nie ein solches war.
Worin liegt der Reiz eines solchen inszenatorischen Vorgehens? Frank Castorf lässt den Zeigefinger auf den Seiten des Romans und neigt sich zum Erheben desselben. Am Schiffbauerdamm werden keine Wahlergebnisse verlesen und auch keine Parteiprogramme. Die stumpf machende Routine historischer Vergleiche gilt es hier nicht zu ertragen. Statt fortwährend zu behaupten, 2026 sei das neue 1933, blickt der Regisseur tief hinein in die Figuren.
Schrill und doch konzentriert: ein ungewöhnlicher, leiser Castorf-Abend Foto: @ Joerg Brueggemann / OSTKREUZ Ja, es geht um Typen. Und das Typische erscheint dem Publikum auch als das Überzeitliche. Schwer sind die historischen Epochen vergleichbar. Aber die Menschen in ihren Beschränktheiten und Egoismen, in ihren Zweifeln und ihrem Dünkel bleiben sich erstaunlich gleich.
Wann nur steht dieser Höfgen auch persönlich und mit seiner Kunst ein für die Hamburger Unternehmung Revolutionäres Theater? Das will auch der kommunistische Schauspieler Otto Ulrichs (als Alter Ego Hans Ottos) wissen. Aber Höfgen giert vor allem nach dem eigenen Durchbruch am Theater – und nach Juliette. Sie ist eine schwarze Tänzerin, von der er sich zu gerne den Hintern versohlen lässt.
Klaus Mann hat die Juliette erfunden, um ebenjenen Makel zu kaschieren, der Gründgens doch eigentlich für die Faschisten endgültig hätte verhindern müssen: dessen Homosexualität. Mann selbst lebte einige Zeit mit ihm zusammen.
Castorf schreibt den Schriftsteller in seine Inszenierung mit ein, auch das Unbehagen mit der eigenen Begierde. Die Homosexualität teilt Mann mit Gründgens, aber auch mit dem SA-Führer Ernst Röhm. Wie viel unterdrückter Sexualtrieb, mit Wilhelm Reich gefragt, steckt im Nationalsozialismus? Und wie viel unterdrückte reaktionäre Gesinnung vielleicht auch im Antifaschisten?
Es ist eine theatrale Künstlerselbstbefragung mit doppeltem bis dreifachem Boden, die Castorf hier liefert. Dafür hat er eine ungewöhnlich aufgeräumte Inszenierung geschaffen. Die Überlänge bleibt, aber der spielerische Exzess, die Lautstärke, die Flucht ins Live-Video (das hier äußerst elegant daherkommt) sind äußerst zurückgenommen. Die Szenen sind nah am Roman gebaut.
Die Inszenierung über Kunst und Menschlichkeit fußt ganz auf einem unglaublichen Ensemble. Hier ist nicht die alte Volksbühnen-Family versammelt und noch weniger genügt man sich selbst epigonal mit dem, was man für die Castorf-Spielweise hält. Kathleen Morgeneyer und Constanze Becker laufen unter diesem Regisseur zur Höchstform auf.
Den Titelhelden aber gibt Jens Harzer, der sein ansonsten völlig verinnerlichtes, poetisch aufgeladenes Spiel aufgibt für einen ganz anderen Versuch. Und so geht hier eine Gruppe gestandener Künstler ein Wagnis ein. Gelegentliche Längen bleiben dennoch nicht aus.
»Mephisto« schließt gewissermaßen an Castorfs jüngste Arbeiten am Berliner Ensemble an, er selbst spricht von einer »Pseudo-Trilogie«: »Fabian« nach Erich Kästner und »Kleiner Mann – was nun?« nach Hans Fallada. Es sind drei Zeitromane, die den Übergang markieren von der beschädigten Demokratie zum barbarischen Faschismus. Besonders auf seine Inszenierung von Falladas Text bezieht sich Castorf.
Damals wie heute erklingt das Kampflied »Am Rio Jarama« aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Aber wie schnell bleibt vom Antifaschismus nur die Folklore? Auch das macht diese Theaterarbeit deutlich. »Aber später und immer und überall / Wenn Arbeiter sitzen beisammen / Wird erklingen das Lied der Jarama-Schlacht / Wird zum Kampfe die Herzen entflammen.«
Und abermals zitiert Castorf »Die Schlacht«, Heiner Müllers »Szenen aus Deutschland«. In der »Nacht der langen Messer« herrscht der Verrat, und wie der Faschismus Bruder und Bruder trennt, zerstört er auch die Bande einstmals verbundener Künstler. Am Ende triumphieren keineswegs die Nazis der ersten Stunde, sondern diejenigen, die ihren Opportunismus am weitesten treiben können.
Irgendwann ertönen an diesem gedankenschweren Abend die Zeilen »Warum sind wir so kalt? Warum tut Kälte weh?«, eine Reminiszenz an Erika Manns antifaschistisches Exilkabarett »Die Pfeffermühle«. Die große Antwort bleibt aus. Am Ende stehen sie da, ein Haufen Darsteller, über ihnen ein leuchtender Schriftzug: »Ich bin nur ein Schauspieler«. Typen zeigen sich uns, keine Porträts. Selten wurde etwas derart Beunruhigendes so schön in Szene gesetzt.
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Source: nd