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Maxim-Gorki-Theater Berlin | Marco Fusinato: Ein Traum, was sonst?

Das Gorki-Theater bleibt mit Marco Fusinatos installativer Auseinandersetzung mit Kleists »Prinz von Homburg« weiter auf Abstand zur Schauspielkunst.

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Marco Fusinato, »IN THE CORPSE OF THE PRESENT Prinz Friedrich von Homburg Heinrich von Kleist«, 2026. Maxim-Gorki-Theater, Berlin Foto: Andrea Rossetti Als die »am meisten erwartete Premiere des Jahres« verbuchte Günther Rühle, der große Chronist des deutschen Theaters, Peter Steins Inszenierung von Kleists »Prinz von Homburg« an der Berliner Schaubühne im November 1972. Der junge Botho Strauß unterstützte Stein als Dramaturg. Und Bruno Ganz gab den Prinzen Friedrich, spielte gleichsam aber auch Heinrich von Kleist im Spiegel seiner Figur. Ein »preußisches Traumspiel« kam auf die Szene – und wurde ein gewaltiger Erfolg.

Der australische Künstler und Noise-Musiker Marco Fusinato, der heute Am Festungsgraben in Berlin sein Theaterdebüt gibt, bezieht sich vage auf die legendäre Inszenierung von Peter Stein. Unter dem Titel »In the corpse of the present Prinz Friedrich von Homburg Heinrich von Kleist« gibt er seine Interpretation des Stücks, eher installativ denn theatral angelegt, zum Besten.

Betritt man das dunkle Eingangsfoyer des Gorki-Theaters, sieht man durch die Oberlichter der Fenster die Performer in der Galerie. Folgt man ihnen in den vernebelten Saal, hört man die Stimme von Bruno Ganz. Hier kommt nur der Prinz zu Wort, alles andere ist zur akustischen Unkenntlichkeit entstellt, in mühsamer Handarbeit der hier abgestellten Schauspieler. Auch eine lebende Kleist-Statue wohnt dem Spektakel bei.

Kleists letztes Stück, das dem preußischen Untertanengeist ein wenig Gefühl entgegensetzen wollte, wird auf ebendiese Weise verhandelt: mit Gefühl. Viel Raunen, Rauschen und – nun ja – Nebel bestimmen diese Erfahrung. Dem Publikum auch etwas Erhellendes mitzugeben, wäre keine schlechte Idee gewesen in dieser doch sehr konzeptuell angelegten Performance.

Im Zuschauersaal steht Marco Fusinato selbst auf der Bühne, mit E-Gitarre und Verstärker bewaffnet. Acht Stunden am Tag wird er hier für den nächsten Monat improvisieren. Auch das eher eine eindrucksvolle sportive Leistung, allerdings nicht so sehr eine, die auf Erkenntnis drängt.

Dazu sind auf einem gigantischen Bildschirm Tag für Tag neu zusammengesetzte Videofragmente zu sehen, die Fusinato gesammelt hat und die zum Teil mit Untertiteln versehen sind. Straßenschlachten treffen auf Caspar David Friedrich. Die gewaltsame Welt berührt die feinfühligen Romantiker. Im Pressegespräch gibt Fusinato sein leitendes Auswahlkriterium zu Protokoll: Instinkt.

Hier entfaltet sich assoziationsreich, wie im Traum, eine Welt, in der der Prinz von Homburg wie Heinrich von Kleist zu Hause sein könnten. Eine Haltung zu autoritärem Geist, zu Militarismus und Auswegen aus beidem sucht man allerdings vergeblich.

Als die umjubelte Premiere von Steins »Prinz von Homburg« vor mehr als einem halben Jahrhundert über die Bühne ging, wurden damit nicht nur künstlerische Maßstäbe gesetzt, sondern die Karte der (west-)deutschen Theaterlandschaft wurde neu verzeichnet. Plötzlich war die Schaubühne (damals noch am Halleschen Ufer), die den Geist von ’68 atmete, der bestimmende Ort für die darstellende Kunst.

Und wie positioniert sich das Maxim-Gorki-Theater unter seiner neuen Intendantin Çağla Ilk? Vor zehn Jahren kursierte das böse Wort »Eventbudisierung«, mit dem man Chris Dercons zum Scheitern verurteilten Versuch an der Berliner Volksbühne belegte. Allzu weit scheint die Agenda am Gorki davon bisher nicht entfernt zu sein. Das Theater öffnet sich der bildenden Kunst – wogegen kaum etwas einzuwenden sein dürfte –, aber dabei opfert sie die Schauspielkunst. Die Kleist’schen Verse kommen von der Konserve. Die Darsteller sind zu Statisten degradiert. Und die Neuauslotung eines Dramas, bei der sich Spieler und Publikum begegnen, wird den anderen Berliner Bühnen überlassen.

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Originally published bynd
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