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Marxistische Politik | Frank Deppe: Für Erkenntnis und Intervention
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Die Gewerkschaften sind wichtig: Frank Deppe 2025 bei der 1. Mai-Veranstaltung des DGB in Mörfelden-Walldorf Foto: IMAGO/Marc Schüler Im Jahr 2006 war Wolfgang Abendroths 100. Geburtstag. Und Frank Deppe emeritierte als Professor. Für uns marxistisch orientierte Studierende und Promovierende am Marburger Institut für Politikwissenschaft war 2006 von diesen beiden Ereignissen geprägt. Deppe war der vorletzte Repräsentant aus der direkten Schülergeneration Abendroths am Fachbereich. Der letzte war Dieter Boris, der am Institut für Soziologie beschäftigt war und 2008 emeritierte.
Anlässlich des Abendroth-Jubiläums bildeten wir eine kleine Forschungsgruppe, die, gestützt auf biografische Interviews, herausfinden wollte, ob es so etwas gibt wie einen Kern der »Marburger Schule« der Politikwissenschaft. Obschon sich die verschiedenen Generationen von Schülern und auch die individuellen Forschungsprofile in vielem unterschieden, hatten sie – so unser seinerzeit in der Zeitschrift »Das Argument« veröffentlichtes Ergebnis – eines gemein: Politische Wissenschaft sollte die Welt nicht nur interpretieren, sondern dazu beitragen wollen, sie zu verändern.
Von anderen linken oder »marxistisch-inspirierten« Richtungen unterschied sich die Marburger Tradition dabei dadurch, dass sie sich nicht darin genügte, linksradikale Zirkel zu bilden oder einen Marsch durch die Institutionen anzutreten, der sie mitunter im Mainstream eines liberalen Zeitgeists ankommen ließ. Die »Marburger Schule« hielt vielmehr den Kontakt zum »realexistierenden linken Flügel der Arbeiterbewegung« und begab sich mit ihm ins Handgemenge politischer Auseinandersetzungen: sei es in parteipolitischen Kontexten (SPD, SDS, DKP, später: Die Linke) oder innerhalb der Gewerkschaftsbewegung.
Frank Deppe verkörpert ein solches engagiertes Wissenschaftsverständnis bis heute. Am 23. September 1941 in Frankfurt am Main geboren, als Kind zunächst im südhessischen Walldorf, dann im Frankfurter Stadtteil Bornheim aufgewachsen, studierte er zunächst einige Semester an der Goethe-Universität und kam in Kontakt mit den Repräsentanten der Kritischen Theorie – mit Horkheimer und Adorno, aber auch, prägender, mit Herbert Marcuse, als dieser 1964 eine Gastprofessur in Frankfurt innehatte.
Im selben Jahr trat Frank Deppe in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ein und wechselte nach Marburg, wo er 1968 mit einer Arbeit über den französischen Revolutionär und Linkskommunisten Louis-Auguste Blanqui promoviert wurde und zunächst am von Werner Hofmann und Heinz Maus geprägten Institut für Soziologie als akademischer Rat wirkte. 1972 wurde er als Nachfolger von Ernst-Otto Czempiel auf eine Ordinarien-Professur berufen.
Dem vorausgegangen war eine große Kampagne, an der sich nicht nur renommierte internationale Wissenschaftler und (seinerseits von konservativer Seite skandalisiert) prominente Vertreter der Gewerkschaften wie der legendäre Bezirkssekretär der IG Metall in Baden-Württemberg, Willi Bleicher, beteiligten, sondern auch unzählige Studierende, die unter dem bis heute bekannten Slogan »Marx an die Uni, Deppe auf H4« ihre Forderung wirkmächtig auf die Straße brachten.
Auch nach Abendroths Emeritierung entstand am Institut für Politikwissenschaft – an das Anfang der 70er Jahre neben Frank Deppe Reinhard Kühnl, Georg Fülberth und Peter Römer berufen wurden – eine Konstellation, die es ermöglichte, Marburg als ein Zentrum kritischer, eingreifender, marxistischer Politikwissenschaft zu erhalten. Bedeutsam waren dabei nicht zuletzt enge Kooperationen mit außeruniversitären Akteuren wie den Gewerkschaften oder dem Institut für Marxistische Studien und Forschung (IMSF) in Frankfurt am Main.
Bei ihm studierte man keine Politikwissenschaft, die sich über ein möglichst klein geklopftes Teilgebiet definiert. Denn sein Werk beeindruckt durch die Vielseitigkeit seiner Gegenstände.
Die Siebzigerjahre waren von zahlreichen Kämpfen geprägt: Insbesondere das Sammelwerk »Zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung« löste zum Teil heftig geführte Diskussionen aus, immer wieder stand das Institut unter Beschuss und musste gegen Angriffe verteidigt werden, so als 1976 die hessische CDU unter Manfred Dregger die Auflösung des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften forderte und dabei einen Ton anschlug, der auch heute wieder in wissenschaftspolitischen Programmen aufzufinden ist – nun freilich vor allem in solchen der AfD, als deren Ehrenvorsitzender Dreggers einstiger Zögling Alexander Gauland wirkt.
Dennoch konnte sich die Marburger Politikwissenschaft über Jahrzehnte hinweg als ein Ort mit Strahlkraft behaupten, der zahlreiche junge Studierende anzog, die – wie Ende der 90er Jahre auch ich – auf der Suche nach einem Ort waren, an dem sie eine dezidiert kritische und eingreifende Wissenschaftstradition kennenlernen konnten. Frank Deppe spielte als akademischer Lehrer und politischer Freund eine zentrale Rolle. Bei ihm studierte man keine Politikwissenschaft, die sich über ein möglichst klein geklopftes und spezialisiertes Teilgebiet definiert. Denn sein Werk beeindruckt durch die Vielseitigkeit und Breite seiner Gegenstände. Schriften zur politischen Theorie und ihrer Geschichte gehören ebenso dazu, wie empirisch gesättigte Studien zur Klassenstruktur im sich stetig wandelnden Kapitalismus. Arbeiten zur Europaforschung stehen neben Beiträgen zur Rolle und Geschichte der Gewerkschaftsbewegung, zur Staatstheorie und zu globalen Machtverschiebungen.
Zusammengehalten wird dies durch ein gleichermaßen historisches wie zeitdiagnostisches Erkenntnis- und Interventionsinteresse, das sich weder in einer bloß kontemplativen Haltung zur Welt erschöpft noch bereit ist, politische Mythen zu akzeptieren. So gehört – neben dem fünfbändigen Opus Magnum der »Geschichte des politischen Denkens im 20. Jahrhundert« und der grundlegenden Studie über Machiavelli zu seinen wichtigsten Schriften – eine kleine Studie mit dem Titel »Einheit und Spaltung der Arbeiterklasse«, in der er nachzeichnet, dass in der Geschichte der Arbeiterbewegung die Fragmentierung der Klasse das Gewöhnliche ist, ihre politische Organisation sich hingegen in den Widersprüchen und Verwerfungen ihrer Zeit immer wieder aufs Neue behaupten muss. Ein zentraler Bezugspunkt ist hier – ebenso wie in den Studien zu Europa und zur Internationalen Politischen Ökonomie – der italienische Marxist Antonio Gramsci, von dem sich auch lernen lässt, dass sich der Impuls zur Theorieentwicklung stets auch aus historischen Niederlagen speist.
Gerade in einer Zeit wie der unsrigen ist es notwendig, nicht nur im begrenzten Horizont tagespolitischer Einzelereignisse zu stochern, sondern in historischen Zusammenhängen zu denken. So wird es möglich, die Gegenwart aus doppelter Richtung zu relativieren: Von der Vergangenheit her, deren genaue Rekonstruktion verstehbar macht, worin die Ursachen der Krise liegen, und auf die Zukunft hin, in der diese Krisen überwindbar scheinen. Frank Deppe ist bis heute unermüdlich damit beschäftigt, bei Veranstaltungen und Vorträgen ebenso wie in zahlreichen Schriften dafür zu streiten, dass die Verwerfungen, denen wir uns im krisenhaften Kapitalismus der Gegenwart konfrontiert sehen, nicht das letzte Wort der Geschichte sind. In diesem Sinne herzlichen Glückwunsch zum 85. Geburtstag, Frank!
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