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Literatur | »Cool Machine« von Colson Whitehead: Gebt mir Lärm, Dreck und Kampf!

Colson Whitehead schließt mit »Cool Machine« seine Harlem-Trilogie ab und erweckt das New York der 80er zum Leben.

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Es grüßen die 80er: John Carpenters Kultfilm »Die Klapperschlange«. Foto: imago/Mary Evans Eigentlich will sich der mittlerweile in die Jahre gekommene Ray Carney aus allen illegalen Geschäften heraushalten. Aber wieder einmal holt den Schwarzen Möbelhändler aus Harlem, Sohn eines legendären Kiez-Gangsters, seine Vergangenheit ein. Also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich an einem Rififi-artigen Raubcoup zu beteiligen. Bei dem wird aus einem Safe im Edelhotel Waldorf-Astoria die verloren gegangene Goldmedaille von Olympiasieger Jesse Owens gestohlen.

»Cool Machine« ist das furiose Finale von Colson Whiteheads vor fünf Jahren begonnener Harlem-Trilogie. Nachdem es in »Harlem Shuffle« um die Bürgerrechtsbewegung und die kämpferischen 60er und in »Die Regeln des Spiels« um die harten 70er im heruntergekommenen Big Apple ging, spielt »Cool Machine« in den kultigen 80er Jahren. Neben frühem Rap und Hip-Hop, der durch die Straßen wummert, machen sich im sonst noch sehr derangierten New York erste Anzeichen der großen Immobilienaufwertung und der neoliberalen Wende bemerkbar.

Wie die anderen Teile wird »Cool Machine« nicht als klassischer Roman mit einem Handlungsbogen erzählt, vielmehr besteht das 450 Seiten dicke Buch aus mehreren ineinander geschobenen, fast anekdotenhaften Geschichten aus der ersten Hälfte der 80er Jahre. Natürlich ist es vor allem ein Krimi, aber das Buch bietet auch eine einzigartige literarische Geschichtsschreibung des urbanen Raums und seiner sozialen Beziehungen.

Als verbindendes Motiv und popkultureller Marker der 80er Jahre taucht immer wieder der Film »Die Klapperschlange« auf. Der dystopische Science-Fiction-Klassiker von John Carpenter mit Kurt Russell in der Titelrolle spielt in einem New York der nahen Zukunft, das zum Gefängnis umfunktioniert wurde.

Einmal findet sich Ray Carney auf der Flucht vor konkurrierenden Ganoven sogar in einem stillgelegten Teil der New Yorker U-Bahn wieder, wo Menschen genauso im Untergrund hausen wie in dem apokalyptischen Film.

»Sie tauchten aus der Dunkelheit auf, kletterten aus allen Richtungen auf den Bahnsteig, angekündigt von einem Schwall von durchdringendem menschlichem Gestank. Ein halbes Dutzend von ihnen, zerlumpt und mit wirrem Haar – die Menschen, die an den Rändern lebten, die Verbannten und die Ausgestiegenen, so rückten sie vor wie eine Kreatur des Untergrundes selbst.«

Das New York, durch das Carney läuft, ist auch ähnlich gewalttätig und gesetzlos wie die filmische Fiktion. Dabei sind es diesmal weniger die Polizisten, die gegen Carney und seine Kompagnons Gewalt ausüben, sondern vielmehr weiße Gangster, die meist von außerhalb kommen und an der harten Realität des Big Apple krachend scheitern.

Einmal sollen Carney und seine Kumpel bei einem gemeinsam geplanten Coup übers Ohr gehauen werden, aber sie setzen sich erfolgreich zur Wehr. Dann ist ein Killer hinter Carneys engem Freund Pepper her, der mit der ganzen Verachtung eines konservativ-reaktionären Kleinstädters aus dem Mittleren Westen durch New York läuft und seinem rassistischen Hass freien Lauf lässt. Und ein junger italienischer Mafia-Schnösel, der keine Gnade kennt, versucht Carneys Neffen, der unfreiwillig Zeuge eines Mordes wurde, aus dem Weg zu räumen.

Colson Whitehead erzählt die Geschichte Harlems und New Yorks als eine Geschichte der Kriminalität. Nur verändern sich die kriminellen Handlungen im Lauf der Jahrzehnte. Beim Coup im Waldorf-Astoria, wo die Goldmedaille von Jesse Owens quasi von der Schwarzen Community zurückgestohlen wird, geht es eigentlich beim Graben in den Untergrund, vor allem um den Raub großer Mengen Koaxialkabel, die Mangelware sind, für den Ausbau des Kabelfernsehnetzwerks benötigt werden und ein Riesengeschäft darstellen. Die Mafia macht dann auch bald nicht mehr nur in Drogenhandel, der Ausbeutung von Sexarbeit und Erpressung. Plötzlich geht es um Immobilien, Versicherungsbetrug und den Ausbau der städtischen Infrastruktur. Die Grenze zwischen Geschäftsleuten und Gangstern wird in Whiteheads Roman über die 80er Jahre noch fließender, als sie es zuvor schon war.

Natürlich mischen dabei auch wieder die alteingesessenen Familien der Upper Class mit, deren mörderische Macht der Möbelhändler aus dem prekären Norden Manhattans schon in früheren Jahren zu spüren bekam. Nur dass die plötzlich Carneys Häuser in Harlem kaufen wollen. Der Aufwertungskampf wird immer heftiger. Für den Mann aus Harlem, der sich im Lauf der Jahrzehnte langsam hochgearbeitet hat, ist klar, dass er trotzdem nicht zu denen gehört, die bei diesem Prozess des Wandels das Sagen haben. Aber Carney und seine Community lassen sich auch von niemandem mundtot machen. Trotz aller sozialen Spannungen, familiären Streitigkeiten, ökonomischen Abgründe, verbrecherischen Winkelzüge, generationellen Scheidelinien und trotz des gewalttätigen Alltags, der fast alle sozialen Beziehungen prägt, raufen sich die um ein Miteinander ringenden Figuren aus Harlem immer wieder solidarisch zusammen.

Im großen Finale muss Ray Carney dann alles auf eine Karte setzen, nicht ohne vorher noch mit dem Gedanken zu spielen, auf die ganze Solidarität zu pfeifen und erst mal seine eigene Haut zu retten. Whiteheads Figuren sind einfach keine großspurigen Helden, sondern ganz normale Menschen, auch wenn deren Alltag mitunter hart ist. »Gebt mir Lärm, Dreck und Kampf, dann geht es mir gut«, lautet der Leitgedanke, den Carney am Ende wie eine Beschwörungsformel vor sich hinsagt.

Der große Reiz des Romans liegt in den zahlreichen Details, mit denen Whitehead dieses große historische Gemälde ausfüllt. Egal ob es die kleinen schäbigen Bars von Harlem sind, wo sich gestern noch die Gangster trafen und heute plötzlich weiße Yuppies herumsitzen, oder ob es um die Geburt der Rapmusik geht.

Wer also mitkommen will, auf Autofahrten durch das heruntergekommene Harlem mit seinen Wasteland-artigen Baulücken, in Soulfood-Restaurants, in die Hinterzimmer improvisiert eingerichteter Kommandostände des organisierten Verbrechens, wer miterleben will, wie weiße Rassisten in Harlem aufs Maul kriegen und Möbelhändler Ray Carney dabei nie versäumt, über die richtigen Einrichtungsgegenstände nachzudenken, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen.

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