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Kultur | Leichtigkeit in schwerer See
Die Neue Bühne Senftenberg, vormals Theater der Bergarbeiter, feiert 80. Geburtstag.
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Szene aus »Für mich bitte Wasser« Foto: Neue Bühne Senftenberg/Steffen Rasche »Zum Beispiel dort in der Niederlausitz, die Stadt an dem Hügel. Da versuchen Menschen, etwas Neues aufzubauen.« Das sagt eine Götterbotin in dem Theaterstück »Im Mondschein« – uraufgeführt zum 80. Jubiläum der Neuen Bühne Senftenberg (NBS). Die Bühne war am 21. Oktober 1946 als Stadttheater Senftenberg gegründet worden, veranlasst durch den sowjetischen Kommandanten Iwan Soldatow. Die Turnhalle einer Schule war mit tatkräftiger Unterstützung aus der Bevölkerung innerhalb von nur vier Wochen in einen Theatersaal verwandelt worden. Die erste Vorstellung war ein bunter Abend, das erste komplette Stück Franz Lehárs Operette »Land des Lächelns«, das erste gegebene Schauspiel »Professor Mamlock« von Friedrich Wolf. Der Schriftsteller und Arzt Friedrich Wolf hatte es 1933 im Exil geschrieben. »Professor Mamlock« erzählt von einem jüdischen Mediziner, der von den Nazis verfolgt wird und sich erschießt.
»Professor Mamlock« kann der spätere Schriftsteller Erwin Strittmatter nicht gemeint haben, aber Inszenierungen wie »Land des Lächelns« durchaus, wenn er als Redakteur der »Märkischen Volksstimme« Ende der 40er Jahre zu viel »bürgerliche Leichtigkeit« bemängelte, wie Hans-Peter Rußiger in einer kurzen Geschichte des Senftenberger Theaters notiert. Aber das ist noch harmlos. Nachdem B. K. Tragelehns Inszenierung von Heiner Müllers »Die Umsiedlerin« an einer Berliner Studentenbühne verboten wird, kündigt das Senftenberger Theater dem Regisseur 1961 fristlos. Jetzt sprechen SED-Funktionäre von »konterrevolutionärer Plattformbildung«.
Die aktuelle Uraufführung »Im Mondschein« schlägt der NBS zufolge »einen Bogen von den antiken Ursprüngen des Theaters über die Theatergründung in Senftenberg bis in eine mögliche Zukunft«. Schauplatz sei eine surreale Landschaft zwischen Park und Tagebaurestloch. Senftenberg liegt im Lausitzer Braunkohlerevier. 1959 erfolgte die Umbenennung des Stadttheaters in Theater der Bergarbeiter. Es war damals nicht irgendeine Provinzbühne und konnte sich seine besondere Stellung bewahren. 1958, 1972 und 1977 erhielt es den Hans-Otto-Preis. Für die Spielzeit 2005/2006 haben es Kritiker zum »Theater des Jahres« gewählt. Das war eine Sensation, wenn man bedenkt, wer diese Ehrung sonst so zuerkannt bekam: das Wiener Burgtheater, die Münchner Kammerspiele, das Hamburger Schauspielhaus und aus Berlin neben anderen die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz.
Die Volksbühne war »Theater des Jahres« 2016 und 2017 mit ihrem damaligen Intendanten Frank Castorf – und der hatte sich nach seinem Studium der Theaterwissenschaft seine ersten Sporen ab 1976 in Senftenberg verdient, erlebte dort 1978 sein Debüt als Regisseur. Auch für einige namhafte Schauspieler wie Annekathrin Bürger, Günter Schubert und Armin Mueller-Stahl war das Theater der Bergarbeiter ein Sprungbrett.
»Die Neue Bühne Senftenberg ist weit mehr als ein Theater, sie ist ein Stück gelebte Lausitzer Identität.«
»Die Neue Bühne Senftenberg ist weit mehr als ein Theater, sie ist ein Stück gelebte Lausitzer Identität«, schwärmt Brandenburgs Kulturstaatssekretär Tobias Dünow (SPD). Das Theater habe Umbrüche gemeistert, sich immer wieder neu erfunden und auch in schwierigen Zeiten stets an der Bedeutung von Kultur festgehalten. Es sei ein Botschafter der Region. »Möglich wurde das durch die vielen Menschen, die hinter diesem Theater stehen: herausragende Künstlerinnen, geistreiche Theaterpädagogen, eine Intendanz mit Weitblick und Unterstützerinnen und Unterstützer, die sich mit Leidenschaft und Tatkraft auch dann für die Bühne einsetzen, wenn der Vorhang gefallen ist«, sagt Dünow. Für die Zukunft wünschte er der traditionsreichen und zukunftszugewandten Neuen Bühne weiterhin solche engagierten Wegbegleiter.
Damit die NBS eine Zukunft hat, braucht es finanzielle Absicherung. Das Kulturministerium gibt im laufenden Jahr 4,1 Millionen Euro. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz schießt 1,45 Millionen Euro zu, die Stadt Senftenberg 520.000 Euro.
In »Im Mondschein« (Regie: Florian Hein) durchstreift die Protagonistin Quincy, gespielt von Lena Conrad, Klassiker wie Georg Büchners »Woyzeck« und William Shakespeares Komödie »Ein Sommernachtstraum«. Es tauchen auch Figuren aus »Für mich bitte Wasser« auf. »Für mich bitte Wasser« ist die zweite Uraufführung zum 80. Geburtstag. Dieses Stück wurde bei Oliver Bukowski bestellt, der auch schon ein Stück zum 70. Geburtstag geschrieben hatte. In der Komödie »Für mich bitte Wasser« nehmen sich Regisseur Mirko Böttcher und das Ensemble auf sympathische Weise selbst auf die Schippe. Eine Theatertruppe hat keinen Plan, wie sie ein Jubiläum so begehen soll, dass es nicht zuletzt einer treuen, 86 Jahre alten Zuschauerin gefällt. Sie proben, sie streiten. In diesen Konflikten untereinander zeigen sich Konflikte in der Gesellschaft. Was draußen ist, macht vor dem Probenraum nicht halt. Es fallen Sätze wie: »Sollten wir nicht etwas entspannt Lustiges machen?« In einem Dialog wirft einer ein: »Wenn das alles so krass bedeutend und popichtig werden soll, warum bekommt denn Jungdramaturg Peter die Regie?« Und auf die genervte Frage »Können wir dann jetzt endlich weiterarbeiten« erfolgt ein dröhnendes »Ja«.
Es könnte genauso gut heißen: »Ja, bitte!« Denn die NBS wird gebraucht. Bei einem Termin zur Sanierung und Erweiterung der Werkstatt im Sommer 2024 sagte Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD): »Auch wenn das Schiff auf Kurs ist, so befindet es sich doch in schwerer See.« Damit spielte er darauf an, dass die AfD bei der Kommunalwahl in Oberspreewald-Lausitz 31,8 Prozent erhalten hatte. Theaterarbeit stärke die Demokratie, versicherte Intendant Daniel Ris. »Wir leisten aktiven Widerstand gegen Rechtsextremismus und völkische Ideologie.« Doch bei der Bundestagswahl im Februar 2025 waren es dann schon 41,2 Prozent.
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