Germany nd
Kuba | In der Dunkelheit
Die Zahl der Einbrüche und Diebstähle nimmt in Kuba zu. Das ist eine neue Realität der Krise
Deutsch (original) ·Read in English ⇄
Eine Straße während eines Stromausfalls in Havanna Foto: Pablo PORCIUNCULA / AFP Am vergangenen Wochenende wurde in Deutschland die Zeit umgestellt; in Kuba wäre es in der kommenden Woche so weit. Wäre. Denn Kuba verzichtet in diesem Jahr auf die Umstellung auf die Normalzeit und behält die Sommerzeit bei. Die Regierung begründet den Schritt mit der Verschärfung der Energieblockade durch die Vereinigten Staaten. Da die Uhr um eine Stunde vorgestellt bleibt, geht die Sonne nach offizieller Zeit später unter. Durch weniger künstliche Beleuchtung und mehr Solarstrom erhofft sich die Regierung Stromeinsparungen in den Abendstunden, wenn die Nachfrage am höchsten ist.
Apropos Stromdefizit. Vor einigen Tagen gab es in einem Teil meiner Wohnung keinen Strom. Ich meine wirklich keinen Strom, also keine Abschaltung – denn alle anderen im Haus hatten Strom –, sondern ein technisches Problem. Irgendwo zwischen Stromzähler und meiner Wohnung hakte es.
Ich habe in all den Jahren in Havanna handwerklich zwar ein bisschen was dazugelernt, aber an die Elektrik traue ich mich dann doch nicht ran. Der Elektriker meines Vertrauens wiederum wohnt in La Lisa – von Centro Habana aus quasi am anderen Ende der Stadt, was in einer Zwei-Millionen-Stadt wie Havanna sehr weit weg ist, zumal angesichts der derzeitigen Transportprobleme. Als schnelle Lösung fiel er also aus.
Bei Problemen mit dem Stromzähler empfiehlt es sich ohnehin, den staatlichen Stromanbieter Unión Eléctrica, kurz UNE, zu kontaktieren. Also der offizielle Weg. Mit Anrufen und dem Warten auf den Techniker ist das aber so eine Sache auf Kuba. Also am besten direkt hin. Zum Glück befindet sich das nächste UNE-Büro in unmittelbarer Nähe.
Doch schon von Weitem sehe ich die lange Warteschlange. Ich spreche einen Arbeiter in UNE-Shirt an, der vor dem Gebäude gerade in sein Smartphone vertieft ist, und schildere ihm mein Problem. Vom Stromzähler in die Wohnung sei die UNE nicht zuständig, meint er; das müsse man wohl eher privat lösen. Da ich lieber heute als morgen wieder Strom hätte, habe ich nichts dagegen. Zwei von seinen Kollegen kommen gleich mit.
Seit Jahrzehnten von den USA boykottiert, kämpft das sozialistische Kuba ums Überleben. Andreas Knobloch berichtet aus Havanna, wie sich das anfühlt. Alle Texte sind hier abrufbar.
Die Drei überprüfen die Sicherungen in der Wohnung, den Stromzähler, die Kabel – ohne Erfolg. Bis sie feststellen, dass an der Fassade ein Stück Kabel fehlt. Zwei glatte Schnitte. Rund fünf Meter geklaut. Auf dem Schwarzmarkt würden für den Meter 1000 bis 2000 Pesos gezahlt, sagt einer der Elektriker. Das abgetrennte Kabel bringt also umgerechnet rund sechs bis zwölf Euro ein – in Kuba viel Geld.
Der Diebstahl müsse passiert sein, als der Strom abgestellt gewesen sei, denn wenn Strom drauf sei, wäre es unmöglich, das Kabel durchzuschneiden, sagt der Elektriker. Zunächst habe ich die Malerbrigade im Verdacht. Unten im Haus will eine Mipyme, wie in Kuba die neuen Privatfirmen genannt werden, eine Bäckerei eröffnen und hat die Fassade neu streichen lassen. Mit dem Malergerüst wären die Kabel bequem zu erreichen. Aber wahrscheinlich würde dann mehr Kabel fehlen; auch ist die Anstreichaktion bereits ein paar Tage her. Es waren wohl eher gewöhnliche Diebe, die im Schutz der Dunkelheit zugeschlagen haben.
Ein Nachbar gesellt sich hinzu und erzählt, dass in mehrere Häuser in der Straße eingebrochen worden sei. Wahrscheinlich in derselben Nacht wie der Kabelklau. Aus einer Wohnung wurde ein Fernseher gestohlen, aus einer anderen ein Ventilator. Eine Bewohnerin sei aufgeschreckt und habe die Eindringlinge mit lautem Geschrei in die Flucht geschlagen, erzählt er. Die Zahl der Einbrüche und Diebstähle nimmt zu. Auch dies ist eine neue Realität der Krise. Zum Glück habe ich in der Wohnung ein Ersatzkabel und zumindest mein Schaden ist schnell repariert.
Bei uns muss niemand zahlen, um informiert zu sein. Klingt nach einem schlechten Geschäftsmodell? Ist es auch. Aber uns sind unabhängiger Journalismus und Teilhabe für alle wichtiger als Profit. Journalismus kostet trotzdem Geld: Recherche, Druck und all die Menschen, die ihn machen. Deshalb sind wir auf dich angewiesen. Bis Ende des Jahres brauchen wir 300.000 Euro.
Spende einmalig oder regelmäßig, jeder Betrag zählt. Damit nd bleibt.