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»Krüppelbewegung« | Schluss mit dem Sonderweg für behinderte Menschen
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Demonstration des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) gegen die aktuellen Kürzungspläne der schwarz-roten Bundesregierung Foto: dpa/Enrique Kaczor Mehr als 170.000 Menschen gingen am vergangenen Samstag gegen die geplanten Sozialkürzungen auf die Straße. Linke diskutieren hitzig, ob man sich in Anbetracht des Klassenkampfes von oben jetzt nur noch auf Sozialproteste konzentrieren und »identitätspolitische« Fragen vergessen soll. Dabei zeigen gerade diese Angriffe auf den Sozialstaat: Soziale Fragen und Diskriminierung sind untrennbar miteinander verbunden.
So ist Teil des schwarz-roten Kürzungsvorschlages, dass die Kommunen bei der Eingliederungshilfe sparen. Das heißt, dass Leistungen wie die persönliche Assistenz oder die Schulbegleitung gekürzt oder gestrichen werden sollen. So werden der Schulbesuch, die Bewältigung des Alltags und die Teilhabe am öffentlichen Leben erschwert oder sogar verunmöglicht. Unterm Strich bedeutet das eine Grundrechtsverletzung für behinderte Menschen. Doch was bei Appellen an den guten Sozialstaat oft vergessen wird: Das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben haben sich behinderte Menschen selbst erkämpft.
Sina Reisch und Indigo Drau erzählen sich in ihrem Geschichtspodcast »Geschichte der kommenden Welten« von Menschen, die für eine bessere kommende Welt gekämpft haben. Die beiden sind seit vielen Jahren in sozialen Bewegungen aktiv.
Es ist 45 Jahre her, dass die »Krüppelbewegung« die öffentliche Bühne betreten hat. Wortwörtlich »die Bühne«, denn 1981 störten behinderte Menschen die Eröffnung des UN-Jahres der Behinderten. Sie besetzten die Bühne, ketteten sich dort fest und verhinderten so die Eröffnungsrede des Bundespräsidenten. Auf den Plakaten, die sie hochhalten, stehen Sprüche wie: »Jedem Krüppel seinem Knüppel.«
Diese Menschen machten klar: Sie wollten keine performativ dargestellten Almosen, während in den Behinderteneinrichtungen der Republik die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen passieren. Sie wollten nicht weiter die dankbaren Musterbehinderten mimen. Sie wollten ihre Rechte. Und damit nicht nur die Situation der behinderten Menschen verbessern, sondern die Gesellschaft verändern. In der »Luftpumpe«, einer der eigenen Zeitschriften der Bewegung, stand damals: »Das skrupellose Leistungsideal, die Verherrlichung von makelloser Schönheit und Sportlichkeit, die bedingungslose geforderte optimale Arbeitsfähigkeit orientiert sich an den Prinzipien einer auf Profit gerichteten Gesellschaft, das sind doch die Ursachen, die nicht nur uns zu Behinderten machen.«
Und dass vor diesem skrupellosen Leistungsideal eigentlich alle Angst haben müssen, ist auch ein Grund für den Ausschluss von behinderten Menschen. Vermeintlich Nicht-Behinderte verdrängen ihre eigene Verletzlichkeit, ihre eigene Angst, der Norm nicht zu entsprechen und können deswegen den Anblick behinderter Menschen nicht ertragen. Noch im Jahr 1980 hat ein Gericht einer Frau Schadensersatz zugesprochen, in dessen Urlaubshotel sich auch behinderte Menschen aufhielten. Es sei nicht zu verkennen, dass deren Anwesenheit den Reisegenuss schmälerte, so das Gericht damals.
Als die Krüppelbewegung antrat, gab es für behinderte Menschen einen Sonderweg – von der Sonderkrippe bis zum Sonderfriedhof, wie der Aktivist Udo Sierck es beschriebt. Aus Heimen am Stadtrand wurden behinderte Menschen in Sonderbussen in Behindertenwerkstätten gebracht. Hauptsache, den Nicht-Behinderten wurde nicht zugemutet, behinderte Menschen zu sehen. Als Sierck Geschichte studiert und festgestellt hat, dass genau die Aussonderung die Grundlage war, auf der es im Nationalsozialismus möglich wurde, behinderte Menschen massenhaft zu ermorden, wurde ihm klar, dass es genau diese Aussonderung ist, gegen die die Behindertenbewegung ankämpfen muss.
Statt also einer Zwangsunterbringung in Heimen, in denen Menschenrechtsverletzungen ungesehen bleiben, fordern behinderte Menschen, selbst bestimmen zu können, wie und wo sie leben wollen. Mit ganz unterschiedlichen Mitteln setzen sie diese Forderung letztlich zumindest so weit durch, dass es heute einen Rechtsanspruch darauf gibt. Sie nutzen provokante direkte Aktionen, bauen aber auch eigenständig »Selbstbestimmt Leben«-Zentren auf, wo Behinderte andere Behinderte beraten, oder gehen in die Politik oder Lehre.
In Zeiten, in denen das skrupellose Leistungsideal der Profitgesellschaft mit einer neuen makellosen Grausamkeit an den Tag tritt, ist es wichtig, sich an die Krüppelbewegung zu erinnern. Und daran, dass es nicht nur darum gehen kann, das einzufordern, was sich »hart verdient« wurde, so wie es vom DGB als Motto für ihren Aktionstag festgelegt wurde. Sondern dass es darum gehen muss, einzufordern, dass Menschen wichtiger sind als Profit und unabhängig von ihrer Leistung das Recht auf ein gutes Leben haben.
Erinnern sollten wir uns auch an all die anderen Bewegungen, die den Sozialstaat, den wir heute haben, erkämpft haben. Denn vom bürgerlichen Staat wurde uns nie etwas geschenkt.
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Source: nd