Politics · nd · · 1h
Krise in Bolivien | Bolivien: »Die Regierung steuert nicht um«
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Der industrielle Agrarsektor aus Santa Cruz ist exportorientiert, die Kleinbauern verkaufen wie hier auf dem Markt in Santa Cruz lokal. Foto: IMAGO/Depositphotos Bolivien steckt in einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise. Was sind die Hauptursachen dafür?
Diese Krise kommt traurigerweise nicht überraschend. Bolivien durchlebt seit einem Jahrzehnt das Ende des Erdgas-Booms, der zuvor die Wirtschaft und ein Politikmodell mit sozialem Fokus getragen hatte – doch es wurde versäumt, rechtzeitig wirtschaftliche Alternativen aufzubauen. Die Folgen sehen wir heute: ein chronisches Haushaltsdefizit, Devisenmangel, eine galoppierende Inflation und Treibstoffknappheit. Statt aber umzusteuern, setzt die jetzige Regierung noch stärker auf Extraktivismus, vor allem auf exportorientierte Agrarindustrie und Goldbergbau.
Das bolivianische Agrobusiness – vor allem Soja, Rinderzucht und Zuckerrohr – ist eng mit Präsident Rodrigo Paz verbunden. Welche Rolle spielt es in seiner Regierung?
Anders als der Goldsektor ist die Agrarindustrie hier stark an eine Region gekoppelt – das Departamento Santa Cruz im Tiefland – und strebt darüber nach politischer Reichweite. Vertreter des Agrarsektors aus Santa Cruz sitzen jetzt sogar im Kabinett – so war Óscar Mario Justiniano, heute Minister für Landwirtschaft und Umwelt, früher Präsident des einflussreichen Agrarindustrieverbands CAO. Das Agrobusiness ist damit nicht mehr bloß Verbündeter der Regierung, sondern selbst Teil davon.
Die Agrarindustrie und die linke Regierung der Bewegung zum Sozialismus (MAS) inszenierten sich über Jahre öffentlich als Gegner – tatsächlich waren aber auch sie eng verflochten. Wie lief dieses Arrangement?
Die MAS brauchte einen Feind, den sie als rechtsextrem darstellen konnte, die Agrarindustrie profilierte sich als Gegenspielerin zur Regierung. Tatsächlich steckte der Agrarsektor aber Ende der 2000er Jahre sogar Geld in die Wahlkampagne von MAS-Präsident Evo Morales. Politiker*innen und Unternehmer*innen, die sich im Fernsehen gegenseitig beleidigten, waren in vielen Fällen an denselben Firmen beteiligt. Gleichzeitig profitierte die Agrarindustrie von einer MAS-Politik, die den Umweltschutz aufweichte und kostenlos Land an »Interculturales« vergab – in Santa Cruz neu angesiedelte Gemeinschaften –, das später häufig von Agrarunternehmen aufgekauft wurde.
Ihr Buch »Santa Cruz $.A.« dokumentiert, wie der bolivianische Staat Land politisch motiviert verteilte, statt es wirtschaftlich sinnvoll zu vergeben. Wie konkret?
Die Landreform von 1953 sollte Großgrundbesitz auflösen und an die Bevölkerung verteilen – im Hochland funktionierte das, im Tiefland blieb sie praktisch wirkungslos. In Santa Cruz erhielten in den Folgejahren beispielsweise 39 Familien, die Verbindungen zu lokalen Eliten oder den Militärregimen hatten, zusammen mehr als 600 000 Hektar öffentliches Land – heute umgerechnet bis zu 2,6 Milliarden US-Dollar wert. Land allein ist aber wertlos ohne Kapital, um es zu bewirtschaften – deshalb kamen günstige Kredite hinzu, und wenn diese nicht zurückgezahlt wurden, sprang der Staat ein. Solche Privilegien, nicht unternehmerische Leistung, begründeten häufig den heutigen Reichtum und Einfluss der Agroeliten.
Stasiek Czaplicki ist bolivianischer Umweltökonom und Datenjournalist. Seine Schwerpunkte sind Extraktivismus und politische Ökologie, er ist Mitautor des Essaybands »Santa Cruz $.A.« über die Agrarindustrie im bolivianischen Tiefland.
Santa Cruz inszeniert sich seit Jahrzehnten als Gegenspielerin des Zentralstaats. Steckt dahinter echter Widerstand – oder dient es den eigenen Eliten?
Früher gab es sogar konkrete Pläne zur Abspaltung des östlichen Tieflands – diese Rhetorik hat sich heute zur Forderung nach mehr Autonomie oder Föderalismus abgeschwächt. Santa Cruz ist mittlerweile auch viel diverser, als das Bild seiner Agroeliten suggeriert, von indigenen Völkern über Mennoniten bis zu Migrant*innen aus dem Hochland. Wer allerdings aus dieser Vielfalt heraus Kritik an Santa Cruz übt, etwa am Entwicklungsmodell und der Abholzung des Regenwaldes, dem wird häufig nicht inhaltlich geantwortet, sondern die Zugehörigkeit abgesprochen. Möglich wird das, weil die Agroindustrie auch die wichtigsten Medien kontrolliert.
Die Agrarindustrie in Santa Cruz präsentiert sich nun als Erfolgsmodell und Retterin der bolivianischen Wirtschaft. Wie realistisch ist das – und welche Folgen hat es?
Das Versprechen von Wohlstand durch Extraktivismus gab es in Bolivien und anderen lateinamerikanischen Ländern schon oft – am Ende blieb jedes Mal nur Zerstörung zurück. In den vergangenen 22 Jahren hat Santa Cruz nur in einem einzigen Jahr mehr exportiert, als es importiert hat. Das Wachstum der Region hing immer von den Devisen aus Gas und Bergbau ab – die eigenen Agrarexporte konnten diesen Bedarf nie decken. Gleichzeitig fallen 70 Prozent der Waldabholzung Boliviens auf Santa Cruz, genau dort, wo die Agrarindustrie ihr Zentrum hat – ein Modell, das wir uns angesichts der Klimakrise nicht mehr leisten können. Und selbst wirtschaftlicher Erfolg wäre kein Wohlstandsversprechen: Potosí exportiert bis heute am meisten von allen Departamentos, vor allem Mineralerze, und ist trotzdem eine der ärmsten Regionen Boliviens. Reichtum an der Spitze übersetzt sich nicht in Wohlstand für alle.
Die »nd.Genossenschaft« gehört denen, die sie lesen und schreiben. Sie sichern mit ihrem Beitrag, dass unser Journalismus für alle zugänglich bleibt – ganz ohne Medienkonzern, Milliardär oder Paywall.
→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen in den Fokus rücken → marginalisierten Stimmen eine Plattform geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten anstoßen und weiterentwickeln
Mit »Freiwillig zahlen« oder einem Genossenschaftsanteil machen Sie den Unterschied. Sie helfen, diese Zeitung am Leben zu halten. Damit nd.bleibt.
Read the full story at the source
Source: nd