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Kriegstüchtigkeit | Mindset für den Schützengraben

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Kanzler Merz und seine Frau feiern mit der Bundeswehr. Wenn nur alle so viel Begeisterung für die Truppe hätten, dann würde es auch mit der gesellschaftlichen Kriegstüchtigkeit klappen. Foto: DPA/Christoph Reichwein Noch vor einem Jahr hatte der Rowohlt-Verlag mit Ole Nymoens »Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde« ein Buch gegen den grassierenden Militarismus veröffentlicht. Nun möchte er offenbar den Markt von der entgegengesetzten Seite abgrasen. Wiebke Hönicke beklagt in »Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen«, dass »wir« in der »Debatte um die Wehrhaftigkeit nicht weiterkommen« und sieht – im harten Gegensatz zu Nymoen – die Notwendigkeit einer »gemeinsamen Strategie« für den Weg in die Kriegstüchtigkeit.

Vierzehn Jahre hat Hönicke »Dienst für Deutschland geleistet«, wie sie es ausdrückt. Das Buch schrieb sie während ihres Auslandseinsatzes im Nordirak. 2011, im Alter von achtzehn Jahren, entschied sie sich für die Zurichtung durch die Bundeswehr – obwohl sie aus keiner »Militärfamilie« stamme und »eher Barbie als Bundeswehr« gewesen sei. Doch sie wollte den »Frieden sichern« und »dorthin gehen, wo Sicherheit und Freiheit konkret verteidigt werden«.

Ein Planspiel, das die Bundeswehr für ihren Politikkurs durchführte (ein Grund mehr, die Bundeswehr aus den Schulen herauszuhalten), radikalisierte sie. Hönicke lernte: Sicherheit müsse »aktiv gestaltet« werden. Nun wollte sie sich in den »Dienst eines größeren Ganzen« stellen – das sogar »über nationale Grenzen hinausreicht«. Es lockte ein »Abenteuer außerhalb meiner bisherigen Lebenswelt« und die »finanzielle Unabhängigkeit«. Der vorherrschende »Alpha-Habitus« habe sie zwar abgeschreckt, gleichzeitig wollte sie sich aber in diesem »männerdominierten Raum« behaupten.

Ihr Einsatz im Irak war wohl einer »mit allem, was dazugehört«. Hönicke vermeidet dabei, ins vermutlich schreckliche Detail zu gehen. Stattdessen betont sie ihr Ideal als das der »inneren Führung«, eine »Firewall gegen Entmenschlichung«, bei dem Auftrag und Gewissen »in Einklang gebracht werden«. Wie das Töten im staatlichen Auftrag ohne Entmenschlichung konkret funktioniert, bleibt offen. Hönicke erlebte ihre Rolle als »militärischer Führer« als etwas »zutiefst Erfüllendes«, ihre erste »Verwendung« – so heißt es im bellizistischen Jargon – sogar als »etwas Rauschhaftes«.

Kritik ist aber erlaubt. Schauen wir auf die »internationale Stabilisierungsoperation« in Afghanistan, bei der es um »Aufbauarbeit« und »universelle Grundbedürfnisse« gegangen sei und nicht um »Werteimperalismus« oder – Gott bewahre! – ökonomische Interessen. Hier habe schlicht ein »langfristiger, durchhaltefähiger Plan« gefehlt. Heute besteht tatsächlich die Gefahr einer Rüstungsspirale, wobei Hönicke eine fiktive goldene Mitte als Ideal vorschlägt: »So viel militärische Fähigkeit wie nötig, um ernst genommen zu werden, und so wenig wie möglich, um Eskalationspotenziale nicht weiter zu befeuern«. Sicherheitspolitik sei zudem »immer auch Verteilungspolitik« – Kürzungen und der weitreichende Angriff auf den Sozialstaat geben ihr hier zumindest faktisch recht, wenn auch nicht in der Bewertung: Es brauche eine »ehrliche Abwägung begrenzter Ressourcen und moralischer Verantwortung«. Im Rahmen dieser Abwägung zwischen Brot und Panzern könne »außenpolitische Verantwortung« nun aber auf keinen Fall grundsätzlich abgewehrt werden. Denn Hönicke weiß: »Interessenpolitik« funktioniert nicht »ohne militärische Fähigkeiten«. Wer »Wohlstand« und »offene Handelswege« sichern möchte, braucht neben diplomatischen Mitteln eben auch die nötigen Gewaltmittel zur Hand.

Ein Planspiel, das die Bundeswehr für ihren Politikkurs in der Schule durchführte, radikalisierte sie.

Eine staatskritische Perspektive weist Hönicke entschieden zurück: »Der deutsche Staat ist keine anonyme Institution, die über den Menschen steht. Er besteht aus uns Bürgerinnen und Bürgern, die in ihm leben«. Wenn der Staat agiere, handele die »(Werte-)Gemeinschaft«, im Zweifel halt auch mal völkerrechtswidrig. »L’État, c’est moi« – von der Bürgergeldempfängerin bis zum Kriegsminister.

Autokratische Staaten wie Russland, China oder der Iran hingegen fallen laut Hönicke durch »Desinformation und Unterstützung irregulärer Kräfte« auf, was man vom wertegeleiteten Westen ja nun gar nicht kennt. Die geplante Geheimdienstreform in der Bundesrepublik Deutschland, die auch dem BND – so lassen es erste Entwürfe vermuten – deutlich mehr Befugnisse gibt, ist für Hönicke nicht erwähnenswert. Dabei erhielte der BND hier quasi die »Lizenz zum Töten«: Im vorliegenden Gesetzesentwurf ist die Rede von der Anwendung »kinetischer Mittel«, womit Geheimdienste »in der Regel gezielte Tötungen« umschreiben, wie Dietmar Neuerer im »Handelsblatt« erklärt.

Um die »Entfremdung von Bundeswehr und Zivilgesellschaft« zu überwinden, wünscht sich Hönicke, dass alle mitreden dürfen, gerade auch die jungen Menschen. Zustimmung entstehe durch »frühzeitige Beteiligung«. Das »Ja« zur Kriegstüchtigkeit als Ziel der Beteiligung bleibt dabei die zentrale Prämisse der Autorin.

Hönicke benennt auch Probleme in der Bundeswehr – sichtbar an Skandalen, die teilweise »medial zugespitzt« worden seien, um »Aufmerksamkeit und ›Klicks‹ zu erzeugen«. Sie gesteht sogar ein, dass es »systemische Missstände« gibt und Aufklärung und Konsequenzen nötig sind. Bestimmte »Gruppengattungen« würden »rechtes Gedankengut« besonders anziehen – beispielsweise Kampfverbände, die ein »klassisches« Soldatenbild verkörpern. Gleichzeitig will sie den Ruf der Institution Bundeswehr verteidigen, 1955 aufgestellt mit einem Grundgerüst von 101 ehemaligen SS- und Wehrmachtsoldaten. Mehr Diversität im »Talentpool« sei nötig. Durch »fehlende Sichtweisen, Korrektive, andere Führungs- und Denkweisen« werde Potenzial verschenkt. So denkt Hönicke über einen »geschlechtergerechten Dienstgedanken« nach, will »Gedanken zuspitzen« und »bewusst provozieren«, aber nicht »spalten«, sondern »den Finger in die Wunde« legen: Die queere Community darf vermutlich bald einen Kampfverband stellen. Sollte deren Begeisterung aber ausbleiben, hilft Hönicke vielleicht nach – seit Juli ist sie Reservistin bei den Feldjägern.

Trotz Verständnis für die Gründe gegen eine Dienstpflicht meint die Autorin: Wenn Freiwilligkeit den Bedarf nicht deckt, sei das ein Problem. Hönicke wägt verschiedene Optionen ab. Die Wehrpflicht könne eine »Grundsensibilisierung für das Thema Wehrhaftigkeit anstoßen« und »den Boden für neue Mindsets bereiten«. Ein »Gesellschaftsjahr« könne Menschen wiederum aufzeigen, wie viel »unsichtbare Arbeit nötig ist, damit dieses Land funktioniert«. Doch es löse nicht automatisch das Personalproblem der Bundeswehr, wenn sich zu viele für zivile Bereiche entscheiden. Recht hat sie: Ohne genug Menschenmaterial, das sich für fremde Interessen in den Fleischwolf schmeißen lässt, kann es nicht klappen. Der Ruf nach »Geschlechtergerechtigkeit«, unterlegt mit ihren eigenen Erfahrungen, adressiert besonders Frauen*. Ohne sie für Dienst und Waffengang zu begeistern, werden sich die Personalprobleme kaum beseitigen lassen.

Hönicke ist überzeugt: »Wir müssen kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen, und dennoch bereit sein, es zu tun, falls es erforderlich ist«. Dies ist die altbekannte, der militärischen Kapitalfraktion liebe Idee, man könne mit Waffen den Frieden sichern. Die Autorin geht aber über die Rhetorik von Abschreckung und Drohgebärden hinaus, wenn sie fordert, »wir« – noch besser: »wir als Staat« – müssten »kämpfen und gewinnen wollen«. Im Krieg gebe es »keinen zweiten Platz«.

Den Zusammenhang von kapitalistischer Produktionsweise und Krieg beschweigt Hönicke systematisch. Im ökonomischen Wettrennen ist der Krieg als Möglichkeit angelegt und schon Rosa Luxemburg wusste: »Die Dividenden steigen, die Proletarier fallen«. Hönickes Aufruf, »Verantwortung zu übernehmen«, heißt also nichts anderes, als sich der Herrschaftsordnung und den sie einschließenden globalen Ungerechtigkeitsverhältnissen zu unterstellen, für deren Aufrechterhaltung »Kriegstüchtigkeit« gebraucht wird.

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Source: nd