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Klimakrise | Klimakatastrophe: Kurs auf drei Grad Erhitzung
UN-Bericht: Die Durchschnittstemperatur erhöht sich bis Ende des Jahrhunderts voraussichtlich um 2,8 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.
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Häufigkeit, Intensität und Dauer von Extremwetterereignissen wie dem Tropensturm Rachel am 11. Oktober im kalifonischen Long Beach nehmen durch die Erderwärmung massiv zu. Foto: AFP/David Swanson Theoretisch gilt es noch: Das Ziel der Weltgemeinschaft, die Erhitzung unseres Planeten auf 1,5 Grad Celsius über der Durchschnittstemperatur des vorindustriellen Zeitalters zu begrenzen. Würde es erreicht, könnten die schlimmsten Folgen des Klimawandels nach Einschätzung von Experten abgewendet werden. Einem neuen Bericht des UN-Umweltprogramms Unep zufolge steuert die Erde bei Weiterführung der aktuellen globalen Klimapolitik bis zum Ende des Jahrhunderts jedoch auf 2,8 Grad Erwärmung zu.
Damit hat sich die Prognose gegenüber dem Vorgängerbericht von 2025 nochmals um 0,2 Grad verschlechtert. Jeder Bruchteil eines Grades über der 1,5-Grad-Marke erhöhe dabei das Risiko für tödliche Fluten, Hitzewellen und Waldbrände, wie sie in diesem Jahr viele Länder erlebt hätten, sagte Unep-Direktorin Inger Andersen.
UN-Generalsekretär António Guterres erklärte dazu am Mittwoch, die gegenwärtigen nationalen Klimaschutzmaßnahmen seien völlig unzureichend, der weltweite Ausstoß von Treibhausgasen auf einem »Rekordstand«. Das Unep ermittelt alljährlich die Lücke zwischen den zu erwartenden Emissionen und den Werten, die für eine Erreichung der Ziele des vor zehn Jahren in Kraft getretenen Pariser Klimaschutzabkommens notwendig wären.
Laut dem aktuellen Bericht wird sich die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 selbst dann um 2,6 Grad erhöhen, wenn alle Staaten ihre neuesten Klimaschutzzusagen vollständig erfüllten. Angesichts des gegenwärtigen klimapolitischen Kurses der Staaten, allen voran der USA, sei aber mit den erwähnten 2,8 Grad zu rechnen. Vergangenes Jahr war das Unep noch von 2,3 bis 2,5 Grad Erderhitzung ausgegangen. Jetzt erklärt die Organisation, dass sich die Erde selbst im optimistischsten berechneten Szenario, in dem alle Länder ihre angestrebten Klimaneutralitätsziele erreichen, bis zum Jahr 2100 um 2,1 Grad erwärmen würde.
»Diejenigen, die am wenigsten verantwortlich sind, leiden am meisten.«
Guterres beklagte, die Menschheit habe ihr Wort gebrochen. »Die Welt kann es nicht mehr verhindern, die 1,5-Grenze zu überschreiten, und die Konsequenzen sind jetzt schon zerstörerisch«, erklärte der UN-Generalsekretär und fügte hinzu: »Tödliche Überflutungen, brutale Hitzewellen, wütende Waldbrände, Todesfälle, gelähmte Volkswirtschaften, sich vertiefende Ungleichheiten und diejenigen, die am wenigsten verantwortlich sind, leiden am meisten.«
Die Emissionen durch die Nutzung von Erdöl, Erdgas und Kohle, der größten Treiber der Klimakrise, stiegen auch 2025 im Vergleich zum Vorjahr weiter leicht an. Seit Beginn der Industrialisierung, der für die Berechnung der Erderwärmung auf das Jahr 1850 datiert wurde, ist die Durchschnittstemperatur des Planeten bis heute um etwa 1,4 Grad gestiegen. Nach Einschätzung von Klimaexperten erhöht jedes Zehntel-Grad über 1,5 Grad hinaus das Risiko für unumkehrbare Folgen wie das Absterben von Korallenriffen und das Schmelzen von Gletschern und Permafrostböden.
Guterres appellierte an die führenden Industrie- und Schwellenländer (G20), sie müssten den Kampf gegen die Erderwärmung anführen. Sie sind für drei Viertel der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Laut dem Bericht hat sich der Ausblick insbesondere wegen des Ausstiegs der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verschlechtert.
Angesichts eines erhöhten Strombedarfs und eines vermehrten Rückgriffs auf Kohlekraftwerke stießen die USA dem Bericht zufolge vergangenes Jahr 133 Megatonnen mehr CO2-Äquivalent aus als im Vorjahr – ein Zuwachs, der die Anstiege jedes anderen Landes »bei Weitem übertreffe«. Die USA sind der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen nach China. Außer den USA wurden insbesondere in Indonesien und China 2025 mehr Treibhausgase als im Vorjahr ausgestoßen. Einen Rückgang gab es in Indien, Russland und der EU.
Laut Unep-Bericht besteht eine 50-prozentige Chance, dass der globale Temperaturanstieg bis 2100 wieder auf 1,5 Grad zurückgefahren werden kann. Dafür müsste er bis 2050 mit 1,8 Grad seinen Höhepunkt erreichen. Um die globalen Temperaturen weiter zu verringern, müsse die Menschheit der Atmosphäre dann große Mengen an Treibhausgasen entziehen – entweder durch Aufforstung oder technologische Methoden wie die CO2-Abscheidung.
Für das Szenario zurück zur 1,5-Grad-Grenze bis zum Ende des Jahrhunderts müssten die weltweiten Emissionen laut Unep um 18 Prozent bis 2030, um 45 Prozent bis 2035 und um 69 Prozent bis zum Jahr 2040 zurückgefahren werden – gegenüber dem Niveau von 2025. Doch selbst, wenn die Länder all ihre geplanten Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, würden die Emissionen laut dem Report bis 2030 nur um maximal acht Prozent und bis 2035 um bis zu 15 Prozent sinken.
Ob und in welcher Form die Weltgemeinschaft weiter am 1,5-Grad-Ziel festhält, wird voraussichtlich auch ein zentrales Thema der Weltklimakonferenz im türkischen Antalya sein. Sie beginnt am 9. November.
»Wir müssen alle Register ziehen, um den Höchstwert der Erwärmung so gering wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen. Das ist möglich.«
UN-Generalsekretär Guterres ist überzeugt: »Eine Überschreitung bedeutet keine Kapitulation. Wir können sie immer noch so gering und so kurz wie möglich halten – und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad senken.«
Unep-Direktorin Andersen forderte: »Wir müssen alle Register ziehen, um den Höchstwert der Erwärmung so gering wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen. Das ist möglich.« So gebe es mittlerweile etliche Erfolgsgeschichten, wie Emissionen schnell verringert werden könnten. Der Bericht verweist darauf, dass seit dem Pariser Abkommen die erneuerbaren Energien etwa dreimal so schnell zugelegt hätten, wie dies damals erwartet worden sei.
Nicht nur in Antalya sind derweil fürs Weltklima zentrale Entscheidungen zu erwarten. So steht bei der Stichwahl in Brasilien der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva dem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro gegenüber. Unter der Präsidentschaft von dessen Vater Jair Bolsonaro wurde die Abholzung des für das Weltklima sehr wichtigen Amazonas-Regenwaldes massiv beschleunigt.
»Kurzfristige Profite für fossile Branchen, die ihre Transformation verschlafen haben, sind der Bundesregierung offenbar wichtiger als unsere Zukunft.«
Auch kleinere Entscheidungen spielen für das Klima eine Rolle, so zum Beispiel die Einigung von Deutschland und Frankreich in der vergangenen Woche auf eine gemeinsame Position, die eine Abkehr vom sogenannten Verbrenner-Aus in der EU enthält. Danach können auch nach 2035 noch Autos mit Verbrennungsmotor zugelassen werden. Frankreich hatte bisher noch an den geltenden Regeln festgehalten. Es hätte eine Mehrheit für deren Aufweichung im EU-Parlament und im Europäischen Rat verhindern können.
Die amtierende Bundesregierung von CDU, CSU und SPD hat bereits viele nationale Klimaschutzmaßnahmen zurückgefahren. Der klimapolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, Fabian Fahl, nahm den Unep-Bericht zum Anlass, dies scharf zu kritisieren. »Hitzesommer, Dürre, Niedrigwasser – und die Regierung baut Gaskraftwerke, bremst bei den Erneuerbaren und verschiebt das Verbrenner-Aus«, sagte er am Mittwoch. »Kurzfristige Profite für fossile Branchen, die ihre Transformation verschlafen haben«, seien der Koalition in Berlin »offenbar wichtiger als unsere Zukunft«. Akut müsse das Wirtschaftsministerium wenigstens die Förderung von Photovoltaik-Anlagen erhalten »und das Ende der festen Einspeisevergütung für Erneuerbare unverzüglich stoppen«, fordert Fahl.
Währenddessen tobte in Spanien diesen Montag erneut ein Unwetter, bei dem unter anderem in der Region um Valencia extreme Niederschlagsmengen niedergingen. Die Verwüstungen in der Stadt im Osten Spaniens waren nicht so schlimm wie bei der durch Sturzregen verursachten Katastrophe Ende Oktober 2024. Doch beide Ereignisse hängen nach Überzeugung der Klimawissenschaftler mit der enormen Erhöhung der Meerwassertemperaturen in den vergangenen Jahren zusammen. 2024 fielen im Osten Spaniens bis zu 422 Liter Regen pro Quadratmeter innerhalb von acht Stunden – so viel wie in den vorangegangenen 20 Monaten zusammen. Dies löste Sturzfluten und Schlammlawinen aus. Mehr als 60.000 Wohnungen wurden zerstört, 236 Menschen starben infolge der Überschwemmungen.
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