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Klimakrise | Aus Klimawandel wird Existenzbedrohung
Die Erderwärmung hat Folgen in allen Lebensbereichen – besonders katastrophal wird sie für arme Länder und vulnerable Bevölkerungsgruppen.
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Nach den verheerenden Erdrutschen in diesem August in Nepal Foto: AFP/PRAKASH MATHEMA Wenn über dem Pale di San Martino die Sonne untergeht, bietet sich ein atemberaubendes Schauspiel. Die schroffen Felsnadeln der Dolomiten verändern ihre Farben von Gelb zu Rosa. Dieses Alpenglühen hinterlässt den trügerischen Eindruck, dass hier in Norditalien die Natur noch intakt ist. Doch der Klimawandel hat auch im Naturpark zwischen dem Trentino und Venetien seine Spuren hinterlassen. Im Fichtenwald von Paneveggio wurde über Jahrhunderte das wertvolle Holz für den Bau der Resonanzböden hochwertiger Musikinstrumente gewonnen, auch für die weltberühmten Stradivaris. Damit ist es absehbar vorbei. Im Oktober 2018 warf ein ungewöhnlich heftiger Sturm in den Dolomiten 14 Millionen Bäume um. Nachpflanzen im »Geigenwald« ist keine Lösung – Meisterinstrumente benötigen Fichten, die mindestens 150 Jahre alt sind.
Der Klimawandel beeinträchtigt also selbst die Herstellung von Luxusgütern. Doch die Betuchten haben weit bessere Möglichkeiten, sich den längst spürbaren Folgen zu entziehen, und sei es durch Umzug in sicherere Gegenden. Wie im Kapitalismus üblich, ist dies eben zum Gutteil eine Frage des Geldes.
Die Erderwärmung nimmt in einer Welt der Ungleichheit ihren Lauf und verschärft diese noch. »Die Folgen des Klimawandels treffen weltweit am stärksten die Bevölkerungsgruppen, die am wenigsten dafür verantwortlich sind«, sagt Marlehn Thieme, Präsidentin der Welthungerhilfe. Die finden sich vor allem in bitterarmen Ländern im globalen Süden. Nach UN-Angaben leiden weltweit rund 80 Prozent der von Armut betroffenen Menschen (ca. 651 Millionen Menschen) direkt unter schweren Klimagefahren.
Auch in Deutschland bekommen vor allem die vulnerablen Gruppen die zunehmenden Hitzewellen zu spüren: Einkommensschwache, die in ungedämmten, nicht klimatisierten Behausungen leben, Hochbetagte in Pflegeheimen und durch Krankheit Geschwächte in Kliniken. Obwohl in diesem Hitzesommer laut offiziellen Schätzungen mindestens 15.000 Todesopfer zu beklagen waren, tut sich wenig. Bundesweit können 59 Prozent aller Kliniken kein einziges ihrer Patientenzimmer kühlen, worunter Patienten wie Beschäftigte leiden.
Während in wohlhabenden Ländern Klimawandelfolgen durch die öffentliche Hand entschärft werden können, ist in vielen Ländern des globalen Südens nicht einmal das möglich. Aus diesem Grund dominiert das Thema der Finanzhilfen die Verhandlungen bei den UN-Klimakonferenzen – und bremsen sie aufgrund geringer Fortschritte. Das wird beim Gipfel COP-31, der ab Montag im türkischen Antalya beginnt, nicht anders sein, wie Beobachter erwarten. Wichtige Geberländer wie die EU haben Forderungen nach Mittelaufstockung bereits im Vorfeld eine Absage erteilt.
Letztlich bleiben die Menschen in den ärmeren Ländern Asiens, Lateinamerikas und Afrikas weitgehend auf sich allein gestellt. Die Folgen der Erderwärmung erfassen alle Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt.
Die Folgen der Erderwärmung erfassen alle Bereiche der Lebens- und Arbeitswelt.
Extremwetterereignisse treten im Zuge des Klimawandels regional häufiger auf, sie werden heftiger und dauern länger an. Auch in diesem Jahr: Dürre und extreme Hitze in Südwesteuropa, monatelange Vegetationsbrände in Südostasien, verheerende Überschwemmungen im östlichen Afrika oder Erdrutsche nach einem Gletscherkollaps in Nepal. Gerade erst bezifferte die EU-Kommission die wirtschaftlichen Verluste durch wetter- und klimabedingte Extremereignisse in den Mitgliedstaaten zwischen 1980 und 2024 auf über 800 Milliarden Euro. Davon entfiel mehr als ein Viertel allein auf die letzten vier Jahre, Tendenz weiter steigend.
2026 schickt sich wie die Vorjahre an, zu einem der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen 1850 zu werden. Die offizielle globale Berechnung verwendet nicht einzelne Jahre, sondern das 20-jährige Mittel. Demnach beläuft sich die Erderwärmung mittlerweile auf rund 1,3 °C bis 1,43 °C gegenüber der vorindustriellen Zeit. Die Obergrenze von 1,5 °C aus dem Pariser Abkommen dürfte laut aktueller Prognose des EU-Klimawandeldienstes Copernicus um das Jahr 2029 erreicht und dann überschritten werden. Und das UN-Umweltprogramm erwartet bis zum Ende des Jahrhunderts 2,8 Grad Erwärmung, wenn die Staaten ihre Klimaschutzanstrengungen nicht doch noch deutlich verstärken. Dabei gibt es je nach Modell auch schlimmere Szenarien.
Wie schon bisher würde die Erwärmung an Land etwa doppelt so hoch sein. Der Grund: »70 Prozent des Globus bestehen aus Meeresflächen, und die Ozeane erwärmen sich durch die thermische Trägheit langsamer und auch insgesamt weniger aufgrund der Verdunstung«, erläutert Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der Experte für Erdsystemanalyse hat vor einiger Zeit skizziert, wie eine Drei-Grad-Welt aussehen würde: »Bei einem solchen Szenario würden wir unser Land und die Welt insgesamt nicht mehr wiedererkennen. Ziemlich sicher wäre diese Erde voller Schrecken für die Menschen, die sie erleben müssten.«
Einige Stichworte, was laut Rahmstorfs Expertise auf uns zukäme: Wetterchaos mit tödlichen Hitzewellen, verheerenden Monsterstürmen und anhaltenden verbreiteten Dürren, die weltweite Hungerkrisen auslösen könnten. Umkippende Ökosysteme, verheerendes Artensterben, brennende und verdorrende Wälder, versauerte Ozeane. Failed States, riesige Menschenzahlen auf der Flucht. Steigende Meeresspiegel, die unsere Küsten verwüsten. Das ist noch nicht alles: »Was passiert, wenn die wichtigsten Kipppunkte überschritten werden, ist unklar«, sagt Laura Schäfer von Germanwatch. »Unklar ist auch, was davon irreversibel ist.«
Eine gerade im Fachmagazin »Nature« erschienene Studie von Wissenschaftlern der Universität Shenzhen beziffert die erwartbaren Schäden durch den Meeresspiegelanstieg. Allein der Verlust an Ökosystemleistungen etwa durch die Zerstörung von Feuchtgebieten würde von 2030 bis 2100 rund 100 Milliarden Dollar betragen – pro Jahr. Der Verlust an versiegelten Flächen und Ackerland ist da nicht einberechnet. Zu den relativ am stärksten betroffenen Ländern zählen Ägypten, Bahamas, Irak und die Niederlande.
Fast unbemerkt vollzieht sich hingegen im Meer bereits ein weiterer folgenschwerer Nebeneffekt der Erderwärmung: Da die Stoffwechselrate von Tieren mit der Temperatur ansteigt und sie das nicht mit vermehrter Nahrungsaufnahme ausgleichen können, schrumpfen sie. Bei Fischen nimmt Forschern zufolge die Körpergröße um bis zu 22 Prozent pro Grad Erwärmung ab. Das beträfe auch Thunfische und Makrelen, die weltweit am häufigsten konsumierten Speisefische. Gerade in ärmeren Ländern sind sie Einkommensquelle und ein wichtiges Nahrungsmittel für zig Millionen. Auf Luxusgeigen verzichten können die meisten Menschen – viele andere Klimawandelfolgen werden für vulnerable Gruppen zur Existenzbedrohung.
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