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Klassiker | »Das Leben ist zum Kotzen«, sagt Nestor Burma
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Für Andy Morgan gibt es auch unter Wasser viel zu tun. Foto: Hermann / Avant-Verlag Wie machte man in den 60er Jahren Skandale? Die vom Journalisten Jean-Luc Vernal und dem Zeichner Hermann Huppen – der bis zu seinem Tod 2026 unter dem Künstlernamen Hermann arbeitete – 1967 ins Leben gerufene Comicreihe »Jugurtha«, entwickelte sich schnell zu einem. Nicht wegen der Story selbst, die von Jugurhta erzählt, dem Prinz von Numidien, der um 100 vor Christus die römische Besatzungsmacht herausforderte, die auch das Gebiet des heutigen Algerien unter ihrer Kontrolle hatte.
Vielmehr entzündete sich die Kritik an den Parallelen zum Algerien-Krieg, der Hunderttausende Opfer gefordert und erst fünf Jahre zuvor mit der Unabhängigkeit der ehemaligen französischen Kolonie geendet hatte. Dass hier zwei Autoren aus der Perspektive der Unterdrückten den Aufstand probten, dazu noch im Medium eines Comics, erzürnte die konservativen Kriegsnostalgiker. Und es machte deutlich, dass Hermann, der 1938 in Belgien geboren wurde, den Comic als politisches Medium verstanden hat, mit dem Kritik an Gesellschaft geübt werden und auch gegen den Zeitgeist angezeichnet werden konnte.
Eine solche Perspektive gegen den Zeitgeist prägte auch seine – neben der Westernserie »Comanche« – wohl bekannteste Reihe »Andy Morgan«, die er Ende der Sechziger gemeinsam mit dem Szenaristen Greg (Michel Régnier) als Fortsetzungscomic für das Magazin »Tintin« entwickelte und die seit diesem Jahr im Berliner avant-verlag in einer neuen Werkausgabe wieder aufgelegt wird; im Großformat und einer farbigen sowie einer schwarz-weißen Ausgabe.
Der ehemalige Interpol-Inspektor Andy Morgan hat seine Karriere als klassischer Comic-Held begonnen, der seine Gegner überlegen mit Cleverness und Fäusten aus dem Weg räumt. Als den beiden Autoren mehr Platz zugestanden wird, löst sich mit der formalen Freiheit auch der Protagonist von seinen Stereotypen und reist für viele Abenteuer auf der Jacht »Cormoran« gemeinsam mit seinem Freund und erfahrenen Seemann Barney Jordan sowie seinem Pflegesohn Ali um die Welt, wo sie in Abenteuer verwickelt werden, die meist damit zu tun haben, dass korrupte Großgrundbesitzer oder brutale Diktatoren das einfache Volk unterdrücken und schikanieren. Stets schlägt sich Andy auf die Seite der Unterdrückten, hält sich dabei aber – etwa im Album »Oase in Flammen«, das im ersten Band der Werkausgabe enthalten ist – eher im Hintergrund und überlässt das Schlachtfeld Barney Jordan.
Irgendwo in Nordafrika werden sie in einen Bürgerkrieg verwickelt, als sie im Auftrag der »Welthilfsorganisation« Medikamente zu Opfern der Kämpfe bringen sollen. »Überall dort, wo Menschen aufgrund politischer Konflikte leiden, greifen wir ein«, hat ihnen ihr Auftraggeber Fergus MacPherson die Mission erklärt. In detailreichen, dynamischen Zeichnungen wird ein Kampf von Gut gegen Böse eröffnet, in dem schließlich die Menschlichkeit über das Machthungrige und Skrupellose triumphiert.
»Die Überzeugung, dass sich bestimmte Aspekte der Geschichte wiederholen, bedrückt mich zunehmend.«
In dieser Männerwelt haben Frauen einen klar definierten Ort, sie dürfen Opfer sein, möglichst leicht bekleidet, oder aber Verführerin. Doch jenseits der Klischees zeigt die Reihe, dass es trotz allem möglich war, Helden auch gegen den Zeitgeist zu entwerfen, denn ganz so souverän wie James Bond oder andere Zeitgenossen wirkt Andy Morgan in den ersten beiden im Rahmen der Werkausgabe versammelten Abenteuern nicht. Er entgeht nur knapp dem Tod, muss selbst gerettet werden, kümmert sich aufopfernd um seinen Ziehsohn Ali und bleibt stets respektvoll-distanziert zu den Frauenfiguren.
So präsentiert sich hier eine zumindest leicht angeknackste Männlichkeit im Kampf gegen die toxische Männlichkeit der Diktatoren, Drogenbosse und Demagogen. Dies verbindet Andy Morgan mit dem ehemaligen französischen Geheimagenten Max Friedman, einer Figur des 1946 geborenen italienischen Zeichners Vittorio Giardini, der vom Verlag Salleck Publications ebenfalls mit einer Gesamtausgabe geadelt wird. Der »jüdische James Bond« wurde 1982 von Giardini entwickelt und in die Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg versetzt, wo der alleinerziehende Vater und Tabakhändler, der sich in Genf niedergelassen hat, von seinen ehemaligen Arbeitgebern genötigt wird, 1938 nach Ungarn aufzubrechen, um die systematische Ermordung französischer Geheimagenten aufzuklären. Er gerät ins Visier der Nazis wie auch ihrer ungarischen Kollaborateure, während er sich zunehmend als Jude bedroht fühlt und Europa sich auf den Ausbruch des Krieges vorbereitet; das erste Abenteuer »Ungarische Rhapsodie« endet mit dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland.
Auch der ruhige Friedman entspricht nicht dem Bild, das man mit einem Comic-Helden zunächst verbinden würde. Zwar pflegt er sexuelle Beziehungen zu Frauen – die im Übrigen im Comic insgesamt eine sehr aktive Rolle einnehmen und nicht selten mit gezückter Waffe auf der einen oder anderen Seite des politischen Spektrums anzutreffen sind –, doch seine traurigen Augen blicken stets besorgt auf die Sicherheit seiner Tochter, angesichts der Brutalität jener Zeit, die auch ein jüdischer James Bond nicht aufzuhalten vermag. In einem der Gesamtausgabe beigefügten Interview erklärt der Zeichner Giardini auf die Frage, was ein Comic wie »Max Friedman« auch über die Gegenwart erzählen kann: »Die Überzeugung, dass sich bestimmte Aspekte der Geschichte wiederholen, bedrückt mich zunehmend.«
In einer ähnlichen Zeit wie Max Friedman hat Léo Malet seinen Privatermittler Nestor Burma das Licht der Welt erblicken lassen. Anfang der Vierziger erlebte Burma mit »120, Rue de la Gare« sein erstes Abenteuer in Paris noch unter deutscher Besatzung, das auch eng mit dem Alltag unter dem Nazi-Regime verknüpft war. Vier Burma-Krimis hat der Zeichner Tardi in Comics übersetzt, weitere Adaptionen sind von anderen Zeichnern realisiert worden, vor allem von Emmanuel Moynot, wie auch im Falle des aktuell im Verlag Schreiber & Leser auf Deutsch erschienenen Bandes »Nestor Burma in der Klemme«. Dieses 1945 entstandene frühe Werk der Burma-Reihe ist im Jahr 1942 angesiedelt und zeigt ein Land im Ausnahmezustand.
Der Privatermittler ist eben aus der Kriegsgefangenschaft entlassen worden, ist Luftangriffen auf Paris ausgesetzt und stolpert in dem Kriminalfall um einen Bankraub über eine mysteriöse Frau und eine Leiche. Die an Tardi erinnernden Zeichnungen fangen die bedrückende Atmosphäre des besetzten Paris ebenso ein wie die durch Gefangenschaft, Krieg und Besatzung erschütterte Identität des Protagonisten, die er hinter einer Fassade aus Machotum und Arroganz nur unzureichend verbergen kann. Kurz darauf schrieb Malet den ersten Band seiner »Schwarzen Trilogie« mit dem Titel »Das Leben ist zum Kotzen«, in dem er seinem gebrochenen Helden Nestor Burma einen Antihelden als Spiegelbild zur Seite gestellt hat, der mit einem anarchistischen Komitee Überfälle für streikende Bergarbeiter begeht und dabei immer weiter in die Kriminalität abrutscht.
Andy Morgan, Max Friedman und Nestor Burma sind drei heldenhafte Antihelden, die mit ihrer Männlichkeit ringen, an den Realitäten ihrer Zeit verzweifeln und alle ihre verbliebene Kraft dafür aufwenden, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.
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Source: nd