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Kinetismus-Comeback | Selbstbestimmung und Verausgabung mit Klien in Wien
Es geht um Hedonismus und Empowerment. Die Wiener Künstlerin Erika Giovanna Klien wird in Wien wiederentdeckt – unser Kunstwerk des Monats.
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Tempo, Takt, Rhythmus für die Flipper: »Lokomotive«, 1925 Foto: Belevedere Die österreichische Künstlerin Erika Giovanna Klien (1900–1957) wurde erst in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten wiederentdeckt – als eine zentrale Protagonistin der Wiener Avantgarde der 1920er Jahre. Heute gilt sie – zusammen mit ihren Kolleginnen Elisabeth Karlinsky und My Ullmann – als wichtige Vertreterin des Kinetismus: ein ins kunsthistorische Abseits geratener Lokal- und Zeitstil, den man als eigenständigen Wiener Beitrag zur Kunst der Moderne werten darf. Er wurde damals auch außerhalb Österreichs rezipiert und geht zurück auf Franz Čižek, der Kliens Lehrer an der Kunstgewerbeschule war.
Mit seinem Fokus auf Bewegung, Rhythmus und Struktur war der Kinetismus offen für die repräsentationskritisch-formalistischen Verfahren der Abstraktion, des Futurismus und des Konstruktivismus. Er ließe sich als dynamisches Update der »neuen Kunst« des Jugendstils beschreiben. Zugleich präsentiert er sich als formalistisch eingehegte, aber für die Abstraktion aufgeschlossene Alternative zur expressionistischen »Seelenkunst« eines Richard Gerstl, Oskar Kokoschka oder Egon Schiele. Doch anders als der Kinetismus ist der Austro-Expressionismus auch heute noch ein Publikumsrenner. Pastose und figürliche Macho-Malerei geraten wohl nie ganz aus der Mode.
Für Goethe ist die Kunst »eine Vermittlerin des Unaussprechlichen«. Was ist daran bewegend, was politisch? Das erklären wir an einem aktuellen oder historischen Beispiel: Das Kunstwerk des Monats.
Umso besser, dass das Wiener Belvedere Erika Giovanna Klien zuletzt mit der amtlichen Retrospektive »Alles ist Bewegung« aufs Programm gesetzt hat. Die Schau nimmt die vorrangig in Malereiform bearbeiteten Hauptwege sowie die grafischen und gestalterischen Nebenstränge ihres in Umfang und Konsistenz recht bemerkenswerten Werkes in den Blick. Sie beleuchtet darüber hinaus Kliens Rolle als Kunsterzieherin: Die aufstrebende Künstlerin – deren Werke international gezeigt und, etwa von der einflussreichen New Yorker Mäzenin Katherine S. Dreier, gekauft wurden – war nach Abschluss ihres Studiums 1925 lebenslang auf Brotjobs vor allem in der Lehre angewiesen.
Auch deshalb ist ihr 1926 und 1927 entstandener, für den halböffentlichen Gebrauch bestimmter Bildzyklus »Klessheimer Sendbote« mit den darin annoncierten »Skandalnachrichten« von besonderer Attraktivität. Heldin der wahrscheinlich in Kliens Freundeskreis zirkulierenden Serie, die sich wie ein Fortsetzungs-Comicstrip lesen lässt, ist eine junge Frau in ihren Zwanzigern. Mit ihrem modischen, mal verwuschelten, mal streng gescheitelten »Bubikopf«, flamboyantem Schal, knapp übers Knie reichendem Rock und bequemen Ballerinas sieht sie wie ein typischer Flapper aus: offensichtlich ein Selbstporträt der Künstlerin.
Der Jazz gab für die musikbegeisterten Flapper Takt, Tempo und Tonlage an und förderte die Verbindung aus Empowerment und Hedonismus, die perfekt zum Zeitgeist der Roaring Twenties passt.
In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg mischten die so bezeichneten jungen Frauen dem von der Frauenrechtsbewegung um die Jahrhundertwende propagierten Idealbild der zugleich karrierebewussten wie sittenstrengen »neuen Frau« eine bohemistische Kontrastfarbe bei, vor allem in den USA und Großbritannien. Der Jazz gab für die musik- und tanzbegeisterten Flapper Takt, Tempo und Tonlage an und beförderte die Verbindung aus Empowerment und Hedonismus, Selbstbestimmung und Verausgabung, die perfekt zum Zeitgeist der sprichwörtlichen Roaring Twenties passt. Bevor der Börsencrash am 24. Oktober 1929 dem Partytreiben den Stecker zog.
Es ist ein lebensbejahender, aufsässiger, aber auch melancholischer Spirit, der die Bilder Kliens durchzieht, nicht nur weil Likör, Sherry Brandy und Rum, ebenso wie die unvermeidlichen Zigaretten – deren Rauch in fein gezeichneten Spirallinien aufsteigt –, zum festen Inventar ihrer in eigenen Worten »verschlampten Existenz« gehören. Die Blätter grooven auch in formalem und konzeptionellem Sinn.
Bild und Text stehen in fein austariertem Verhältnis. Klien präsentiert sich da als exzellente, selbstironische Reportagezeichnerin, die ihre Erlebnisse mit spitzer Feder zu Papier bringt. Dabei mischen sich nicht nur verschiedene Stile, moderne, naive und volkstümliche Bildformeln sowie unterschiedliche Textsorten, deutsche und englische Textpartien inklusive. Die elegante Ligne claire des Jugendstils, die längst die populäre Mode- und Gebrauchsgrafik konturierte, wird zudem offen für Gestaltungselemente, die man eher mit den radikalen künstlerischen Innovationen der frühen Avantgarden, dem Futurismus oder Kubismus verbindet, wenn Figuren in Bewegung, Silhouetten spektral aufgefächert und fragmentiert erscheinen.
Dazu passt, dass die Motive keiner eindeutigen Chronologie folgen, sondern – à la Chagall – in assoziativer, simultaner Beziehung stehen. So vermischen sich die Erzählebenen, geraten Ab- und Traumbild, Dokument und Fiktion durcheinander.
Gefühlt auf Dauersendung ist ein schematisiertes, grotesk technisch aussehendes Radiogerät samt Kopfhörern. Es scheint für die Protagonistin ein besonders wichtiges Requisit zu sein: ein Tor hinaus in die Welt und zugleich eine private Schutzzone gegenüber einer Umgebung, die bei aller künstlerisch-bohemistischer Grundierung auch etwas Enges und Provinzielles hat.
Kein Wunder: Klien hatte sich damals als Kunsterzieherin in der Salzburger Peripherie verdingt, an der Elizabeth-Duncan-Tanzschule auf Schloss Kleßheim. Die wurde von der Schwester der gefeierten Pionierin modernen Tanzes, Isadora Duncan, als Internat geführt. Berühmt für ihr progressives, im Sinne der Lebensreformbewegung ganzheitlich ausgerichtetes Curriculum zog die Schule durchaus internationale Berühmtheiten an: Im Sommer 1928 war etwa Lucia, Tochter des irischen Schriftstellers James Joyce, für einen Kurs zu Gast.
Da war Erika Giovanna Klien allerdings bereits auf dem Absprung: Nach der Geburt ihres Sohnes Walter im November 1928 wanderte sie im Folgejahr, überschattet von der Weltwirtschaftskrise, in die USA aus. Dem in Österreich zurückgelassenen Kind schrieb sie fortan Briefe.
Ihre in den beiden Jahren davor gezeichneten »Skandalnachrichten« des »Klessheimer Sendboten« zeigen deutlich auch auf, wie allein und auf sich gestellt sich die Künstlerin gefühlt haben mochte, weit weg von den Wiener Freunden, dem Kunstleben der Donaumetropole – und ohne rechte Perspektive, wie sie es je als »freie Künstlerin« schaffen solle.
Schon in einer frühen Episode des »Sendboten« vom 11. Januar 1927 ergeht sich die Heldin nach der »Ankunft in Klessheim« in wüsten Selbstmordfantasien: Da rammt sie sich mit irrer, in trivial-futuristischer Manier sozusagen im Zeitraffer dargestellter Wucht wiederholt einen Dolch ins Herz, hält sich melodramatisch eine Pistole an die Schläfe und verarbeitet ihren Frust zugleich mithilfe einer überdimensionierten blauen Farbtube in kinetistisch-abstrakten Etüden, die als miniaturisierte Bilder im Bild erscheinen. In einer parallelen Szene ruft sie ihren Freund Ludwig Steinmetz – Kunstkritiker, Autor und Mitbetreiber der Aktionsbühne »Der Bücherkasten« – im fernen Wien um Hilfe und Rettung an.
Andere Episoden erzählen mehr oder weniger explizit von Tanzabenden, »Radioträumen« und Liebeleien – aber auch vom Klessheimer Schulalltag: wenn es zu einem absurden Streit über angeblich verschwendeten Leim kommt oder wenn sich die Lehrenden zur abendlichen »Tafelrunde« zusammenfinden, bei seichter, immerhin englischer Konversation.
Besonders interessant sind die vielen Atelierszenen, die mehr als nur anekdotische Einblicke in Kliens Arbeitsweise gerade in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Idiomen der modernen Kunst geben, welche sie sich hier sozusagen probehalber en miniature einverleibt – um sie im »offiziellen« Format der Malerei in ihren eigenen und in der virtuosen Verbindung von Form und tänzerischer Dynamik eigenwilligen Stil zu gießen.
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