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Gute Literatur | Schrecken und Besänftigung mit Valeria Gordeev
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Wo geht es zur Unsterblichkeit? Die Leute, die sich um Lenins konservierte Leiche kümmern, arbeiten bei Valeria Gordeev tief unter der Erde. Foto: Unsplash/Hennie Stander Eine weitverbreitete Angstfantasie der Gegenwart ist, dass die KI klüger und die Menschen dümmer werden. Woran merkt man das? Zum Beispiel an den Ergebnissen der IQ-Tests. Über das gesamte 20. Jahrhundert wurden sie immer besser, doch im 21. Jahrhundert brach diese Entwicklung ab und kehrte sich um, stellte der Politologe James R. Flynn fest. Den Grund sah er in der zunehmenden medialen Reizüberflutung – und im Verschwinden anspruchsvoller Bücher.
Leider wird die Literatur von Buchmesse zu Buchmesse schlechter, weil kürzer, simpler und gleichförmiger. Heinrich Böll meets Instagram: Alles soll sofort verständlich sein, nah am Alltag abbildbar und fern der Fantasie. Die meisten Neuerscheinungen in den großen Häusern sind auf sofortige Verständlichkeit hingedeichselt. Assoziationen und Andeutungen treten in den Vordergrund und verdrängen komplexe Erzählweisen. Viele Romane, aber auch Sachbücher wirken wie herausgeputzte Notizsammlungen, man springt von Gefühl zu Gefühl wie von Sprachnachricht zu Sprachnachricht auf dem Smartphone.
Würde James Flynn noch leben, könnte man ihm sagen: Es gibt anspruchsvolle Ausnahmen, sogar auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Zum Beispiel »Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle«, der Debütroman von Valeria Gordeev, an dem sie Ewigkeiten gearbeitet hat. Mit einem Auszug daraus hatte sie 2023 in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. Darin beschreibt sie, wie Konstantin akribisch bis wahnhaft die Küche putzt, in einer Wohnung, die gar nicht mehr seine ist. Dort wohnen seine Mutter Nadja und seine 17 Jahre jüngere Schwester Lada, die gerade im Wohnzimmer im Fernsehen die Krankenhausserie »Emergency Room« schaut, in der es jedes Mal aufs Neue ums Überleben geht beziehungsweise um »Schrecken und Besänftigung«, wie Gordeev schreibt.
Das ist auch das große Thema dieses imposanten, aber niemals langweiligen Romans auf über 600 Seiten, in dem Gordeev von den beiden Geschwistern erzählt, sehr heiter und präzise formuliert, ja, literarisch durchformt – was in der banalen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur mit ihrer Einheitseinfachsprache und ihren erlebnisarmen Situationen anstelle von Geschichten besonders auffällt. Seit Jan Brandts 900-Seiten-Kracher »Gegen die Welt« (über Religion, Heavy Metal und Wahnsinn in Ostfriesland) von 2011 hat es hierzulande keinen so einen fulminanten Debütroman mehr gegeben.
Schrecken und Besänftigung: Es geht bei Gordeev in spielerischer Form um die großen depressiven Themen aus Politik und Alltag: Krieg, kein Geld, Einsamkeit und Verunsicherung. Lada und Konstantin waren mit ihren Eltern aus der zerfallenden Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Nun arbeitet Nadja, die aus der Ukraine stammt, in einem Institut für Mykologie und muss in der Telefon-Hotline obskure Fragen über etwaige Pilzvergiftungen beantworten. Wenn ihre Kinder sie sprechen wollen, rufen sie auch dort an.
Lada ist als Filmwissenschaftlerin fast ohne Einkommen, und Konstantin ist nach Moskau zurückgegangen, um in einer Forschungsanstalt zu arbeiten, die mit der ewigen Konservierung von Lenins Leichnam auf dem roten Platz befasst ist. Sie beiden haben einen russischen Oligarchen als Patenonkel: Boris, der davon träumt, nicht sterben zu müssen, aber bitte auf andere Weise als der arme Lenin, der niemals personenkultisch ausgestellt werden wollte. Von Konstantins Kollegen wird sein Leichnam ironisch »Die Jugend von heute« genannt.
Lenins Leichnam wird ironisch »Die Jugend von heute« genannt.
Boris hat das Land verlassen, ist steinreich und sehr geizig. »Die häufigsten Todesursachen in dieser Einkommensgruppe, zumindest was die unnatürlichen Tode anging: Yachtunfälle, Abstürze an Bord eines Privatjets, bei der Rückkehr aus dem Weltraum verglühen«. Seine Patenkinder sollen für ihn kleine, schlecht bezahlte Aufträge erledigen. Während Lada Päckchen, deren Inhalt sie nicht kennt, mit dem Bus aus der Ukraine nach Berlin bringt, ist Konstantin angehalten, Präparate und konservierte Körperteile aus der Forschungsanstalt für Boris zu stehlen. Hierfür muss er in die kafkaesken Tiefen des Archivs des Instituts, das unter dem Roten Platz liegt, hinabsteigen – bis ganz nach unten, in die 9. Etage unter der Erde, die nur mit einem uralten Fahrstuhl erreichbar ist, bei dem man nie weiß, ob man ihn wieder lebend verlassen kann.
Das Archiv ist in völliger Unordnung. Wenn Konstantin eins der Regale umwirft, merkt es so schnell niemand. Das ähnelt der katastrophalen Wohnsituation von Lada in Berlin, wo sie und ihre Mitbewohnerin zu den letzten Bewohnerinnen eines Mietshauses gehören, das seit Jahren saniert oder umgebaut oder kaputtgemacht wird. Weil es ja sonst keine bezahlbaren Wohnungen mehr gibt, leben sie inmitten einer Großbaustelle, ohne natürliches Licht wie Konstantin bei seiner Arbeit unter der Erde, weil ihre Fenster von außen mit Werbebannern verhängt sind, die stinken, »als würde draußen die Straße geteert werden, rußig-ölig-schwer, als würden Reifen und Schmieröl in einer Pfanne erhitzt werden«.
Das ist der Kontrast zu den Sorgen, die sich reiche Menschen wie Boris um die Langlebigkeit machen, als deren Symbol die im Romantitel schlüpfende Zikade gilt. Langlebig sind vor allem die unhaltbaren Zustände für die Menschen ohne viel Geld, was bei Gordeev ein russischer Laborleiter »für experimentelle Pharmakologie« bestätigt, der in einem Interview gefragt wird, ob denn der Tod bald zu einer »Krankheit, die man heilen kann« werden könnte? Seine verklausulierte Antwort lautet, dass kein medizinischer Fortschritt hilft, wenn der gesellschaftliche Reichtum von der »Lebensvernichtungsindustrie« dafür genutzt wird, Menschen zu Zehntausenden in Kriegen zu verheizen und zu töten, »sofern es den Staatsinteressen dient«.
Trotzdem hat Gordeev, deren Eltern aus der Sowjetunion nach Westdeutschland kamen, Russlands neoimperialistischen Ukraine-Krieg enden lassen. Es herrscht ein nicht näher beschriebener Frieden, als Putin stirbt – bei einem Flugzeugunglück. Zu seinem Nachfolger wird spektakulär ein Zirkuskünstler gewählt, der erst zwölf Jahre alt ist, aber als Wiedergeburt aus dem Hause Romanow, der alten Zarenfamilie, angesehen wird und dann auch zum neuen Zaren gekrönt wird. Unterdessen zeigen sich an Lenins Leichnam merkwürdige rote Flecken, sind es die Wundmale eines Heiligen? Dies zu untersuchen, schickt der Vatikan einen Fachmann für Blutwunder nach Moskau auf geheime Mission. Davon berichtet Gordeev ebenso ausführlich wie vom Transport einer gebraucht gekauften Waschmaschine ohne Auto durch Berlin oder von einem Kollegen Konstantins, der im Büro regelmäßig Piroggen verteilt, weil diese seiner Mutter halfen, die Belagerung Leningrads im Zweiten Weltkrieg zu überleben, was ausführlich erzählt wird.
Es ist ein vielschichtig komponiertes Buch, das Gordeev auch noch mit minimalistisch gehaltenen Illustrationen versehen hat. Sie wirken wie zusätzliche Gimmicks in der beeindruckenden, fast schon verschwenderisch präsentierten Themenfülle dieses Buches, bei der Gordeev nie den Überblick verliert und oft sehr lustige Wendungen bereithält, beispielsweise das überraschende Resultat von Boris’ Bemühungen um Unsterblichkeit kurz vor dem Romanende.
Ein sehr gutes Buch, wirklich. Ein großer Roman im klassischen Sinne von Fjodor Dostojewski oder Jonathan Franzen würde daraus, wenn Gordeev alle diese Geschichten aus einer einzigen Geschichte heraus entwickelt hätte. Das wäre natürlich der Hammer. Bei Gordeev funktionieren sie als lose verbundene literarische Meisterstücke, die sie hintereinander auftischt, ähnlich wie ein brillantes Menü in einem Restaurant, das man nicht so schnell vergessen wird.
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Source: nd