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Geburtstag von Lucky Luke | Wenn Menschen muhen, muss Lucky Luke weiterreiten

Der berühmteste Comic-Cowboy der Welt wird 80, will aber keine neue Religion gründen, wie es in seinem neuen Abenteuer »Heiliger Luke!« verlangt wird.

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Was Lucky Luke nicht mag: geheiligt werden und von Heuschrecken träumen müssen Foto: Egmont Verlag Lucky Luke wird 80 und das Ende der Welt ist nah. Gleich zu Beginn von »Heiliger Lucky«, dem neuen Heft, wird der bekannteste Comic-Cowboy der Welt in der Prärie von Kansas von einem alten Mann angehalten, nicht weiter zu reiten. »Da hinten ist die Welt zu Ende«, ruft dieser und zeigt zum Horizont, wo gerade die Sonne untergeht. »Ich will nicht mit ansehen, wie Sie in den Abgrund stürzen.« Luke vermutet dagegen dort hinten Nebraska. Doch der Mann herrscht ihn an: »Sagen Sie nicht, Sie glauben den Humbug der Regierung in Washington, die uns weismachen will, dass die Erde rund ist … nur damit wir mehr Steuern zahlen!«

Damit ist der Ton des insgesamt 88. Abenteuers von Lucky Luke gesetzt. Es geht um Glaube, Missverständnisse, Hoffnung, auch Religion genannt, bis hinein in die quacksalberischen und verquasten Verästelungen. Im Mittelpunkt Luke selbst, der zu einer Art Jesus ausgerufen wird, nachdem er Räuber daran gehindert hat, einen Kirchenschatz zu stehlen, und zusätzlich auch noch eine Heuschreckenplage hat abwenden können, indem er die Insekten vom Himmel geschossen hat. In einer dunklen Kirche fällt das Licht von oben auf ihn wie auf eine Heiligenfigur, während ihm der Priester mitteilt, er spüre, wie der »Lukismus« den Wilden Westen umkrempeln werde, denn: »Luke, jetzt sind Sie berühmt … aber bald werden Sie Kult!« Als der neue Prophet einer Menschenmenge erklärt, dass er doch nur ein Cowboy sei, dessen Job es sei, Kühe zu hüten, sagt ihm eine Frau: »Sie sind unser Cowboy«, um dann in die Menge zu rufen: »Und wir sind seine Rinderherde!« Danach fangen alle an, zu muhen wie Kühe.

Was am Horizont erwartet wird, kann alles Mögliche sein, das große Glück ebenso wie das »Ende der Welt«.

Zur Feier des 80. Geburtstags der nach Asterix berühmtesten französischen Comicfigur sind Scherze über den »Lukismus« natürlich eine schöne Geste. Als der neue Band vergangene Woche in Berlin in der belgischen Botschaft vorgestellt wurde, machte sein Autorenteam, bestehend aus dem Zeichner Achdé und dem Texter Jul, ein paar Witze über die »Wunder«, die dieses Heft bewirken könnte – nachdem sie es Papst Leo XIV. gezeigt hatten, als dieser kürzlich Frankreich bereist hatte. Der gar nicht so schlanke Achdé könne sich nun dünner fühlen und die Tochter von Jul sei nun besser in der Schule. Woran Lucky Luke selbst glaubt, bleibt allerdings unklar, gerade, als er im neuen Heft ansetzt, zu sagen »Ich glaube ...«, wird er unterbrochen. Vorher hatte ihm ein Pokerspieler mitgeteilt: »Im Wilden Westen kann man sein Geld auf viele dumme Arten verlieren. Die Religion ist definitiv die langweiligste.« Aber nicht ungefährlich: Später bemerkt Luke, der bekanntlich schneller schießt als sein Schatten, dass er keine Patronen im Revolver hat, weil sie ihm entwendet wurden, um sie als Reliquien des »Lukismus« in der Kirche auszustellen.

In einem Interview mit der »Welt am Sonntag«, die vor einer Woche eine ganze Ausgabe den aktuellen Feierlichkeiten des »Lukismus« widmete, erklärte Jul: »Das Geniale ist, dass wir bei Lucky Luke seit 80 Jahren weder seine Sexualität kennen noch wirklich wissen, warum er all diese Fähigkeiten hat. Und natürlich wollen wir ebenso wenig wissen, woran er glaubt. Wir ziehen es vor, diese Unklarheiten beizubehalten, weil auf diese Weise jeder in diese Figur das hineinprojizieren kann, was er möchte.«

Es ist verschiedentlich festgestellt worden, dass die »Weite« des »Wilden Westens«, in die Lucky Luke hineinreitet, diesen Comic von anderen abhebt, grafisch wie imaginär. Was am Horizont erwartet wird, kann alles Mögliche sein, das große Glück ebenso wie das »Ende der Welt«. Historisch gesehen war der »Wilde Westen« im 19. Jahrhundert »der Entfaltungsraum eines wölfischen, unkontrollierten Kapitalismus«, wie Georg Seeßlen in seinem 2023 erschienenen Buch »Lucky Luke« feststellt. Menschen und Landschaften wurden unterjocht, was bei den Westernhelden in Film, Buch und Comic zur melancholischen Einsicht in ihre begrenzten moralischen Mittel führt. Den Privatdetektiven in den Krimis der »Schwarzen Serie« ging es nicht viel anders. Für Seeßlen ist der »›rechte‹ Westernheld« Teil der »Eroberung« des »Westens« und der »›linke‹ Westernheld« Teil »der Flucht vor ihr«, meistens seien Mischformen anzutreffen. »Nirgendwo hat dieser Spruch eine so schöne und zugleich eine so grausame Bedeutung: Dies ist ein freies Land.«

Lucky Luke ist tendenziell ein »linker Westernheld«. Laut Jul hat er »grundlegende, universelle Werte – Gerechtigkeit, Toleranz, Schutz der Schwächeren, Ablehnung unnötiger Gewalt. Gleichzeitig hat er auch Zweifel. Er ist keine monolithische, sondern eine ziemlich fluide Figur« – und deshalb ist er auch kein bewahrender, immobiler Konservativer. Seeßlen erscheint er als »ein Außenseiter auf eigene Rechnung«, für ihn und sein Pferd Jolly Jumper kann das »wahre Glück nur in der Bewegung bestehen«. Deshalb stimmt er im Schlussbild jeder Folge sein berühmtes Lied »I’m a poor lonesome cowboy, and a long way from home ...« an. Im neuen Heft singt er es sogar schon am Anfang, während zum Schluss sein Pferd Jolly »Muh« macht, um ihn zu ärgern. Nein, Religion ist nicht ihr Ding.

Erfunden wurde Lucky Luke 1946 vom Belgier Maurice De Bevere, der sich Morris nannte. Er orientierte sich grafisch an der nüchternen »klaren Linie«, die Hergé schon anderthalb Jahrzehnte zuvor mit »Tim und Struppi« eingeführt und damit für konkrete, übersichtliche Bildräume ohne viel Firlefanz gesorgt hatte. Für Seeßlen sind Lukes Abenteuer der Versuch, »eine klare Linie zu finden, die sich an die Gegebenheiten anpasst«. Seine Gegenspieler, obskure Gestalten und Banden bilden »eine Gegenlinie im 90-Grad-Winkel. Sie wollen also immer eine Grenze gegen die Bewegung errichten, was eigentlich immer schiefgehen muss. Lucky Luke ist der Kerl, der ganz buchstäblich die Linie durchzieht, welche Kurven dabei auch verlangt werden.« In »Heiliger Lucky« steht er einmal mit Jolly Jumper vor zwei Schildern, die in entgegengesetzte Richtungen weisen, zu den beiden Orten, in denen er als neuer Heiliger verehrt wird. Sie heißen »Faith« (Glauben) und »Beliefs Junction« (Überzeugungskreuzung). Im Stil eines Navigationsgeräts sagt Jolly Jumper: »Teilen Sie Ihrem Pferd die bevorzugte Route mit.«

Die Berühmtwerdung von Luke war ursprünglich eine Parallelbewegung zum Aufstieg der Westernfilme in Hollywood, der in den 60er Jahren endete, als neue Freiheitsvorstellungen kursierten (Musik, Drogen, Bildung). Luke aber blieb im Sattel. Wenn es sein muss, fährt er sogar Fahrrad.

Sein Ruhm begann in den 50er Jahren, befeuert durch René Goscinny, der sich die Geschichten ausdachte und als ehemaliger Zeichner die Bildfolgen plante, wie eine Art Drehbuch. Parallel tat er dasselbe für die »Asterix«-Hefte, die er mit Albert Uderzo entwickelte. Seeßlen schreibt, dass Goscinny »den Beruf eines modernen Comic-Szenaristen eigentlich erst richtig erfunden hat« – mit durchschlagendem Erfolg nach langer Durststrecke. Denn sowohl er als auch Morris waren erst einmal in den USA als Künstler gescheitert. Eigentlich wollten sie zu den Disney-Studios und zum Verlag von »Superman«, doch wurden sie als zu schlecht abgewiesen. Sie durften nur Kinderbücher kolorieren, eine nachgeordnete Tätigkeit, bei der sie sich kennenlernten. Goscinny ging dann nach Brüssel, doch Morris hielt sich noch länger in den USA auf und machte sich von der Landschaft viele Skizzen, die dann in die Lucky-Luke-Geschichten einflossen. Doch der Witz kam von Goscinny, in dem er diverse historische Western-Themen (Eisenbahnbau, Daltons, Jesse James, Goldgräber, Telegrafenbau) ein- und umarbeitete.

Ursprünglich erschienen diese Storys als Fortsetzungsgeschichten in Comic-Magazinen wie dem belgischen »Spirou« und dem französischen »Pilote«, in Westdeutschland im legendären »Zack«, das fast nur von Kindern gelesen wurde, die sich darin die heutigen Comic-Klassiker der Erwachsenenwelt wie »Michel Vaillant«, »Valerian und Veronique« oder »Leutnant Blueberry« zu Gemüte führen konnten. In dieser durchaus ernsten Gesellschaft gehörte Lucky Luke zu den Funnies.

Als Goscinny 1977 starb, machte Morris anders als Uderzo mit »Asterix« nicht allein weiter, sondern suchte sich neue Texter. Zum Glück, denn während Uderzos Geschichten immer blöder wurden, blieb Lucky Luke weiterhin interessant. Trotzdem sagte Morris, der Tod von Goscinny sei für ihn wie der Verlust seiner Hand gewesen. Er starb 2001, hatte aber testamentarisch verfügt, dass die Serie fortgesetzt werden sollte. Seitdem zeichnet der Franzose Achdé (Hervé Darmenton) die Reihe, seit zehn Jahren zusammen mit Jul (Julien Berjeaut) als Szenaristen, der auch selbst zeichnet, beispielsweise die Erfolgsserie »Silex and the City«, eine Art bildungsbürgerliches Update von »Familie Feuerstein«.

Lucky Lukes bester Freund ist Jolly Jumper. Ein Pferd, das spricht – oder besser gesagt: denkt, weil der Cowboy es nicht hört. Außerdem kann es lesen und schreiben. In »Heiliger Lucky« fälscht es einen Passierschein, der beide aus der religiösen Wahnwelt entkommen lässt. In der belgischen Botschaft wurde nach der Arbeitsteilung zwischen Achdé und Jul gefragt. Sie sagten, einer sei immer das Pferd – doch dabei würden sie sich abwechseln.

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