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Gaza-Krieg | Gaza-Dokumentation »NAZA«: Inszenierung eines Tötungssystems

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Ein Graffiti-Wandbild brandmarkte die beiden Regisseure des Dokumentarfilms »NAZA« ursprünglich als »Verräter«. Ein anderer Künstler hat es so abgeändert, dass dort nun »Helden« zu lesen ist. Foto: IMAGO/Anadolu Agency Die letzte Szene ist ein Tritt in die Magengrube: Nachdem man über eine Stunde den nüchtern vorgetragenen Aussagen israelischer Soldaten und Geheimdienstleute zugehört hat, schubsen Filmaufnahmen die Zuschauer direkt in die alltäglichen Schrecken des Kriegs im Gazastreifen. Zwischen den mittlerweile zur erschreckenden Normalität gewordenen Aufnahmen völlig zerstörter Gebäude und Menschen, die mit Händen zwischen den Trümmern nach Überlebenden graben, taucht ein Mann auf. Ein Vater ruft nach seinen Kindern, nach einer Tochter und nach dem größeren Sohn. Immer wieder ruft er suchend zwischen Betonteilen und Stahl in eine Lücke zwischen eingestürzten Gebäudeteilen hinein, wahrscheinlich der Boden eines Zimmers oder die Decke. Schließlich formuliert er einen Vorwurf, den er verzweifelt dem dunklen Loch anvertraut: »Ich habe dir doch gesagt, du sollst auf deine kleine Schwester achtgeben.«

Diese allerletzte Filmszene hinterlässt ein großes Gefühl des Unwohlseins und der Hoffnungslosigkeit, lässt die Zuschauer die Verzweifelung der Menschen im Gazastreifen nachempfinden. Der Kontrast zu den rund 75 Minuten des Films zuvor könnte kaum größer sein. In der Dokumentation, gedreht von Yuval Abraham und Rachel Szor, kommen israelische Soldaten und Geheimdienstler zu Wort, ihre Gesichter sind nicht zu sehen, allenfalls das Profil. Das Filmset ist besonders: Häuserdächer im nächtlichen Tel Aviv, Licht kommt nur aus den Fenstern der erleuchteten Wohnungen und von den auf der Straße fahrenden Autos. Regisseur Yuval Abraham stellt Fragen und die 24 Befragten (nach Angaben der Filmemacher), antworten mit verfremdeter Stimme.

Ein starkes Indiz für eine regelwidrige Kriegsführung ist die hohe Anzahl getöteter Kinder.

Diese Antworten haben es in sich: Der Film dokumentiert anhand von Zeugenaussagen Beteiligter die Vorgehensweise der israelischen Armee im Krieg im Gazastreifen, genauer die Kaltblütigkeit, mit der bewusst eine hohe Anzahl unbeteiligter Menschen, Frauen, Kinder, ganze Familien, in den Tod gerissen wurden, um diesen oder jenen mutmaßlichen Hamas-Kommandeur oder -Kämpfer zu töten. Die sogenannten Kollateralschäden, ausgedrückt mit dem Akronym »NAZA« (hebräisch: »Nezek Agavi«) bezeichnet die unschuldigen Opfer und funktioniert nach Aussagen der Soldaten wie eine Währung: Wie viele NAZA nehmen wir in Kauf, um diesen oder jenen zu treffen? Im Film fallen Zahlen: 20, 30, 100 oder, so ein Soldat im Film, sogar 500: eine bewusste Kalkulation, um ein von der israelischen Armee identifiziertes Ziel, soll heißen einen Hamas-Kämpfer, zu töten.

»Einmal gab es die Genehmigung, 500 Menschen bei einem Angriff auf ein menschliches Ziel zu töten«, so der Mann. »Ich kann auf ein Haus klicken und sehen, wie viele Menschen Schaden nehmen, wenn ich es bombardiere«. Er nimmt ein Blatt Papier und skizziert. »Man sieht es so: Wohnung 6, 5. Stock, Ahmad und seine Familie werden sterben.«

Die anonymen Militärs und Geheimdienstler beschreiben ein System, mit dem die Ziele zum Abschuss ausgemacht wurden – unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz (KI), abgehörter Telefongespräche und der Erstellung von Profilen mutmaßlicher Hamas-Kämpfer. Die Vorarbeiten zu den Rechercheergebnissen des Films waren bereits ab 2024 erbracht worden, als das israelische Investigativmagazin »+972« einen langen Bericht über den KI-Einsatz im Gaza-Krieg veröffentlichte, der Autor: Filmemacher Yuval Abraham. Er legte offen, dass die israelische Armee ein auf KI basierendes Programm mit dem Namen »Lavendel« entwickelt hatte, das die Angriffe im Gazastreifen lenkte und dabei eine hohe Zahl von mitgetöteten Unbeteiligten, den »Kollateralschäden«, bewusst einkalkulierte. Das »nd« hat diese Recherche damals dokumentiert.

Weitere Recherchen, zum Beispiel durch die britische Tageszeitung »The Guardian«, die »NAZA« koproduziert hat, vervollständigten das Bild einer technisierten Kriegsführung, die ohne Rücksicht auf unbeteiligte Zivilisten oder Familienangehörige eine hohe Zahl Getöteter in Kauf nimmt. Dass die israelische Armee zahlreiche Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg begangen hat, wird keiner mehr leugnen können. Ein starkes Indiz für eine regelwidrige Kriegsführung, um ein harmloses Adjektiv zu benutzen, ist die hohe Anzahl getöteter Kinder: Von den mindestens 74.000 getöteten Menschen auf palästinensischer Seite – die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen, wenn man die unter den Trümmern begrabenen Opfer hinzurechnet – sind fast 22.000 Kinder (30 Prozent).

Szene des Films »NAZA« Foto: Biennale Venedig Gestritten wird vor allem um die Zahl der getöteten mutmaßlichen Hamas-Milizionäre. Israel spricht von 22.000, quasi als angeblichen Beweis dafür, dass viele der Getöteten legitime Ziele gewesen seien. Verlässliche Zahlen gibt es hierfür jedoch nicht.

Dass von israelischer Seite dem Film sofort jede Glaubwürdigkeit abgesprochen wird, die Filmemacher eingeschüchtert werden, indem man sie als »Vaterlandsverräter« bezeichnet und ihnen den Entzug ihrer israelischen Staatsbürgerschaft androht, muss wohl nicht verwundern, wenn man sich die immer wieder gleichen Argumentationsstränge anschaut, die die israelische Armee benutzt, um jedes Massaker an Zivilisten im Gazastreifen als »legitim« zu verklären: Schutzschilde der Hamas, Terroristen etc. etc.

Doch selbst in Deutschland scheint vor allem die Skepsis zu überwiegen, weil das, was nicht sein soll, nicht sein darf. Nicht jede Aussage der anonym befragten Soldaten mag in allen Details korrekt sein, es wird vielleicht auch Fehler geben in der Darstellung des Ablaufs eines Einsatzes, aber was überzeugt, ist die Darstellung der Systematik einer Militärmaschinerie, die KI einsetzt und mit einem groben Kamm ohne Rücksicht auf Verluste mit Bomben und Drohnen über eine Bevölkerung geht, um Hamas-Kämpfer zu finden und zu töten.

Über die Motive eines solch rücksichtslosen Vorgehens kann sich jeder selbst eine Meinung bilden. Der Film selbst lässt nicht klar erkennen, was die Motive der Soldatinnen und Soldaten sind, so offen, wenn auch anonym, über ihre Taten, kriminelle Akte, zu sprechen. Ist es Reue? Das Bedürfnis, die eigenen, vielleicht belastenden Erfahrungen mit jemandem teilen zu wollen? Oder womöglich sich der eigenen Taten zu rühmen, der Macht, über Leben und Tod zu bestimmen? Sie sind die klassischen Schreibtischtäter, die man angesichts ihrer hochtechnologischen Arbeitsmittel wohl besser Monitor-Mörder nennen sollte und den Krieg am Laufen halten. Wie Yuval Abraham bei einem Pressegespräch sagte: »Wir gucken auf das Tötungssystem«.

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Source: nd