Faultline Faultline Kommando 161

Germany · nd · · 2h

Fußball | Keine Lust auf Länderspiele: Lieber Hajduk als der Bundesjürgen!

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Boris Dežulović erzählt in seinem Buch »Ich bin Beara« in fünf literarischen Texten die Geschichte von Hajduk Split. Foto: imago/Nel Pavletić Ich gehöre nicht zu den Freundinnen und Freunden von Fußballnationalmannschaften und registriere mit Grausen die Unterbrechung der Bundesligen durch die Nations League für drei Wochen. »BILD« und geistesverwandte Fachblätter des volkstümlichen Dünnbrettbohrens laufen mit roten Bäckchen durch Deutschlands Wald und Flur, weil RB-Ex Klopp jüngst sein Kukidentlächeln über den deutschen Fußball legte und alle echten Patrioten ihn wie einen Christus feierten.

Nach einer WM fürs Klo im Königreich Trump muss Jürgen es richten, weil nie die deutsche Fahne schlaffer am Mast abhing. Der Zahnfee (und Meister Propper) sei Dank, wird nun alles bestimmt anders in Tumbtatadeutschland. Was tun? Lasst uns diese schreckliche Zeit sinnvoll gestalten. Besorgt euch ein paar gute Bücher und schließt euch ein, wenn die schwarzrotgoldenen Partypatrioten marodierend durch die Kneipen ziehen. Lesen ist Denken mit fremdem Gehirn, sagte mal ein sehr schlauer Argentinier.

Frank Willmann blickt auf den Fußball zwischen Leipzig, Łódź und Ljubljana.

Es müssen nicht unbedingt Bücher aus meiner Feder sein, hier bin ich sehr bescheiden. Ich empfehle euch das wunderbare Buch: »Ich bin Beara« von Boris Dežulović über sein Leben mit Hajduk Split. Wie alle Clubs aus Osteuropa lebt Hajduk von seiner Vergangenheit, denn der europäische Spitzenfußball wird inzwischen von Marken dominiert, die nichts mehr mit den Fußballclubs zu tun haben, die sie mal waren. Hajduk ist abgehängt, genießt nichtsdestotrotz in Dalmatien die ewige Liebe seiner Fans. Kein Club in Kroatien beziehungsweise auf dem gesamten Westbalkan hat mehr Zuschauer, nirgends ist die Bevölkerung so mit einem Fußballclub verwoben.

Das Glanzlicht der Hajduk-Historie, 1944 weigerten sich alle Spieler und fast alle Angestellten des Clubs, sich von den italienischen Faschisten in die italienische Liga eingliedern zu lassen. Über Nacht floh Hajduk Split, damals eine der besten europäischen Fußballmannschaften, und schloss sich den jugoslawischen Partisanen auf der Insel Vis an. Fortan spielten sie als offizielle Mannschaft der jugoslawischen Partisanen in der halben Welt und kehrten erst nach der Befreiung vom Faschismus nach Jugoslawien zurück, um die Herzen der Fans zum Hüpfen zu bringen.

Das und noch viel mehr erfahren wir in fünf großartigen Texten, in denen Dežulović mit Versatzstücken der Sportreportage in erzählerischer Form ein glänzendes Buch mit viel Witz und Haltung formte. Dežulović betont die antifaschistische Geschichte des Clubs und brandmarkt den Nationalismus der heutigen Fanszene, er nimmt uns mit zu großen Spielen, porträtiert liebestoll Clublegenden und kugelt durch seine Sozialisation als Hajduk-Fan. Immer politisch, immer feinsinnig und literarisch, irre nah an den Leuten und ihrer Leidenschaft, spürt er dem glorreichen Wahnsinn nach, der in uns Fußballliebenden haust.

Die »nd.Genossenschaft« gehört ihren Leser*innen und Autor*innen. Sie sind es, die durch ihren Beitrag unseren Journalismus für alle zugänglich machen: Hinter uns steht kein Medienkonzern, kein großer Anzeigenkunde und auch kein Milliardär.

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:

→ unabhängig und kritisch berichten → übersehene Themen aufgreifen → marginalisierten Stimmen Raum geben → Falschinformationen etwas entgegensetzen → linke Debatten voranbringen

Mit »Freiwillig zahlen« machen Sie mit. Sie tragen dazu bei, dass diese Zeitung eine Zukunft hat. Damit nd.bleibt.

Read the full story at the source

Source: nd